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Full text of "Acta germanica - Organ für deutsche Philologie N.R. Heft 2.1912"

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. 


ACTA GERMANICA. 


ORGAN 
FUR DEUTSCHE PHILOLOGIE 


HERAUSGEGEBEN VON 
RUDOLF HENNING. 


— Neue Reihe. — 


Heft 2: 


Das Verhältnis von Hans Sachs zur sogenannten 
Steinhöwelschen Decameronübersetzung. 


Von 


Julius Hartmann. 


Berlin. 
Mayer & Müller. 
1912. 


ACTA GERMANICA. NEUE REIHE, HEFT 2. 








Das Verhältnis von Hans Sachs 


zur 


sogenannten Steinhöwelschen 
Decameronübersetzung. 


Julius Hartmann, 


Berlin. 
Mayer & Müller. 
1912. 
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Verzeichnis der gebrauchten Abkurzungen. 





B. d. L. V. = Bibliothek des Literarischen Vereins Stuttgart. 
schwä Goetze-Drescher „Sämtliche Fabeln und Schwänke 
von H. Sachs“. 5 Bde. (6. in Vorbereitung). 
Hall. Neudrucke deutscher Literaturwerke 


1893—1904. 

K. = Keller-Goetze ,,H. Sachs Werke“; 26 Bde. 1871— 
| 1908, B. d. L. V. 

Dec. oder Übers. = „Decameron“ hsg. v. Keller. B. d. L.V. Bd. 51. 
Transl. d. N. v. Wyle = „Translationen“ v. N. v. Wyle, 

hsg. v. A. v. Keller n Bd. 57. 
Ayrer = = „Ayrers Dramen“ 5 Bde. hsg. 

v. Keller „ Bd. 76—80. 
„Schi. u. E.“ = Pauli „Schimpf und Ernst“, 

hsg. v. Österley > Bd. 85. 
„Zimm. Chron.“ = ,,Zimmerische Chronik“, hsg. v. 

Barack „ Bd. 91—94. 
„Wendunmuth“ — Kirchhoff „Wendunmuth‘“, hsg. 

v. Österley; 5 Bde. „ Bd. 95—99. 
Tünger fac. = Tinger ,,Facetiae“ = Bd. 118. 
Lind. ,,Rasthiichl.“ = „Rastbüchlein“ in Lindeners 

„Schwankbücher“, hsg. v. 

Lichtenstein 5 Bd. 163. 
Schumann ,,Nachtb.“ = Schumann _,, Nachtbichlein“, : 

hsg. v. Bolte = Bd. 197. 
Frey „Gartg.“ — Frey „Gartengesellschaft‘, hsg. 

v. Bolte 3 Bd. 209. 
Montanus „Gartg.“ == Montanus ,,Gartengesellschaft“ 


n „Wegk.“ = ,,Wegkirzer“, enthalten in 
Montanus ,,Schwankbiicher“, 
hsg. v. Bolte n Bd. 217. 


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Wickram ,,Galmy“ B.d.L.V. Bd. 222. 


„Gabriotto“ = Wickram ,, Werke“ hsg. v. “ Bd. 222. 
„Goldfaden“ Bolte ý Bd. 223. 
„Rollwagen“ j Bd. 229. 
stud. II anhg. = C. Drescher „Studien zu H. Sachs“. Neue 
Folge. Anhang. 
Goed. „Dichtg.“ = Goedeke „Dichtungen v. H. Sachs.“ 
Mahrold = Mahrold ,,Schmahl vnndt Kahl Roldmarsch 
Kasten“ 1608 (Manuskript der Kasseler 
Landesbibl.). 
„Schertz m. d. W.“ — „Schertz mit der Warheyt“. Frankfurt a. M. 
b. Egenolff 1550 und 1563 (Königl. Bibl. 
Berlin). 


„Ges. Abent.“ . = von der Hagen ,,Gesammt Abenteuer“. 


Einleitung. 





Wahrscheinlich im Jahre 1472 erschien in Augsburg bei 
Zainer eine Verdeutschung von Boccaccios „Decameron“, die 
lange Zeit dem Arzte Heinrich Steinhöwel zugeschrieben 
wurde '). Ein Buch mit einem so reichen Schatze von Er- 
zählungen — zudem noch meist pikanten Inhaltes — konnte 
seine Wirkung auf die damalige Zeit nicht verfehlen, und 
die Mehrzahl der Autoren des 16. Jahrhunderts schöpfte 
aus ihm, die einen mehr, die andern weniger. Begnügten 
sich manche mit einer mehr inhaltlichen Benutzung, wie 
Ayrer, Wickram, ,Schertz mit der Warheyt“, Kirchhoff etc., 
so scheuten sich andere, besonders Schwankdichter wie Mon- 
tanus, Lindener, Mahrold etc., bei dem weiten Gewissen, 
das man damals fiir Plagiate hatte, nicht, ganze Novellen 
Wort für Wort in ihre Bücher hinüberzunehmen. 

Schon Friedrich Wilhelm Schmidt wies 1818 in seinen 
„Beiträgen zur Geschichte der romantischen Poesie in 
- Deutschland“ auf die Einflüsse hin, welche diese Decameron- 
übersetzung auf die deutsche Literatur ausgeübt hat. 


1) Ausgabe von Adalbert von Keller, B.d. L. V. Bd. 51. Auf sie 
beziehen sich alle Zitate: „Übers.“ od. „Dec.“ Für die Ausgaben ver- 
weise ich auf Kellers Ausführungen S. 682, ferner auf Bolte „Montanus 
Schwankbücher“ (B.d.L.V. 217, XIII, Anm. 4) und auf Möller „Arigo 
und seine Werke“ Leipz. Diss. 1895 S. 19fl. Für die Frage nach der 
Person des Verfassers s. Möller a.a.0. S.1ff.; Keller, a. a. 0. S. 681; 
Allgem. D. Biographie 35, 735; B.d.L.V. 205, 43; Q. F. 96, 106, Z. f. 
V. L. R. 13, 447—69. 


Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 1 


2 Einleitung. 2 


Goedeke erweiterte die Kenntnis der auf die Novellen zu- 
rückgehenden Literatur beträchtlich (siehe „Grundriß“ I 
(1884), 386. II (1886), 467, 472, 418 f.) In den Anmer- 
kungen zu ihren Ausgaben der Schwankbücher des 16. Jahr- 
hunderts mußten dann Keller, Oesterley und in neuster Zeit 
besonders Bolte immer wieder als Quelle eines Schwankes 
den „Steinhöwelschen Decameron“ zitieren, und Drescher, 
Goetze und Stiefel haben manche Dichtung Hans Sachsens 
auf die Novellen zurückgeführt. Leider sind diese Angaben, 
da in den Anmerkungen zerstreut, wenig übersichtlich. 
Möller gab zwar bereits 1895 in seiner angeführten Disser- 
tation eine Zusammenstellung der auf Arigos Text beru- 
henden Werke, jedoch dürfte diese Übersicht veraltet und 
eine neue geboten sein. Bei einem Durchmustern der in 
Frage kommenden Literatur war es mir vergönnt, gelegent- 
lich für eine Geschichte das noch nicht bekannte Abhängig- 
keitsverhältnis von der Übersetzung festzustellen („Wendun- 
muth“, „Zimm. Chronik“, Mahrold.). Die Übersicht be- 
schränkt eich im nen auf das 16. Jahrhundert, das 
Zeitalter, das am meisten von der Übersetzung zehrte. Für 
die spätere Zeit und für die Literatur des Auslandes ver- 
weise ich auf Boltes Anmerkungen zu den von ihm heraus- 
gegebenen Schwankbüchern !), die ja nach dem Hinweis bei 
der betreffenden Dec. Novelle leicht in der B.d.L.V. zu- 
gänglich sind. 


1) Bd. 197. Schumanns „Nachtbüchlein“; Bd. 209. Freys „Garten- 
gesellschaft“; Bd. 217. Montanus „Schwankbücher“. 


Übersicht über die auf die Decameron-Übersetzung 
zurückgehende deutsche Literatur 
des XVI. Jahrhunderts. 
I, 1. | 
Ein Notar betrügt einen Pfaffen in der Beichte und wird nach 


seinem Tode für heilig gehalten. 
Ayrer 56. 


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Ein Jude wird Christ, trotzdem er die Verderbnis der römischen 
Kurie kennen lernt. 

Bebel „Margarite facetiarum“, 1509, „historia de judaeo* = 
„Facetiae“ 1590, 24 = Frischlin ,facetiae selectiores“, 1600, bl. 31b 
= Joh. Gast ,Convival. sermon. liber“ (1541) 1554; I, 137. Bebel 
„facetien“ (deutsch 1558) 1606, 107. ,Wendunmuth* I; II, 5 und 
VI, 207. Sachs. mg. schwä 4, 4791). „Schertz mit der Warheyt“ 
1550 bl. 58a; 1563 bl. 61a. „Kurtzweilige und lächerliche Ge- 
schicht und historien“ 1583, 194. 


I, 3. 
Die Geschichte von den drei Ringen. 
Sachs mg. schwä 4, 240. „Schertz mit d. W.“ 1550 bl. 7a; 
1563 bl. 8b. Mahrold 2. 
I, 4. 


Ein Mönch fällt in Sünde (Dirne in Zelle), geht aber straffrei 
aus, da er seinen Abt zu demselben Vergehen verleitet. 
Montanus „Gartg.“ 98. Mahrold 3. 


1) mg. = Meistergesang; sg. = Spruchgedicht; trag. = Tragödie; 
com. = Komödie; fastn. = Fastnachtspiel. 
1 * 


4 Ubersicht I, 6—II, 6. 4 


I, 6. 
Ein Prälat wird für seine Habsucht bestraft (im Jenseits hundert- 
fache Vergeltung. Suppe. Alle Mönche müssen ertrinken). 
Sachs mg. schwä 3, 174 = Goedeke „Dicht.“ I, 160; fastn. 53, 
K. XIV, 304. 
I, 9. 
Ein ungerechter König wird durch die Rede einer Frau gerecht. 
(Er soll sie lehren, wie er derartige Ungerechtigkeiten, wie sie in 
seinem Lande geschehn, ertragen kann). 
Sachs mg. schwä 6, 865. 
II; 3. 
Einer gibt sich für lahm aus, wird entlarvt, geprügelt und ent- 
geht nur mit Mühe dem Galgen. 
„Schertz mit d. W.“ 1550 bl. 8a, 1563 bl. 9a. Mahrold 5. 
II, 2. 
Ein Kaufmann wird bis aufs Hemd ausgeraubt, gelangt zu einem 
Kastell, findet dort bei einer Frau Unterkunft und erhält am nächsten 
Morgen seine Habe wieder zurück. 
Sachs mg. schwä 4, 387; sg. K. II, 284; mg. schwä 6, 536. 
Mahrold 7. Von Montanus zitiert im Nachwort zum „Andreützo“. 


Ein Kaufmann wird Seeräuber, verliert all sein Gut, rettet sich aus 
einem Schiffbruche auf einem Kasten und findet darin Edelgestein. 
Sachs sg. K. VIII, 630. 


Andreützo entgeht drei großen Gefahren und wird durch einen 
Rubin für seinen Verlust und seine ausgestandene Angst entschädigt. 
Sachs mg. schwä 4,261°). Montanus „Andreützo“; „Gartg.“ 93. 
„Schertz m. d. W.“ 1550 bl. 33a; 1563 bl. 35b. Bütner „Epitome 
historiarum“ 1576, bl. 389a. Ayrer 31. Mahrold 76. Lundorp 
» Wissbadisch wisenbriinlein“ II nr. 2 (1611). 
II, 6. 
Beritola wird von ihrem Gatten und ihren beiden Söhnen getrennt 
und erst nach Jahren wieder mit ihnen vereint. 
Sachs sg. K. Il, 226; mg. schwä 5. 629; com. K. XVI, 100. 


1) Der mg. von Sachs v. 25. Mai 1539 — schwä 3, 106 („der dieb im 
grabe des pischoffs von Maincz“) — zeigt doch zu wenig Ähnlichkeit mit 
dem zweiten Teile der Dec. Novelle, als daß man diese nach Goetze — 
schwä 3 S. 228 An. — als Quelle zitieren könnte. Es wird, da S. sich 
nie derartig von seiner Quelle zu entfernen pflegt, wohl eine andere Vor- 
lage anzunehmen sein. 


5 Übersicht II, 8—III, 3. 5 


11, 8. 

Ein französischer Edelmann wird von seiner Königin fälschlich 
beschuldigt und muß nach England fliehen. Seine Kinder finden hier 
ihr Glück, und er selbst wird später in seinen Ehren rehabilitiert. 

» Wendunmuth* 4, 851). Montanus „Spiel von einem Grafen“ ?); 
Möller „Arigo und seine Dec. Übersetzung“. Leipz. Diss. 1895, 
S. 72. 


II, 9. 

Barnabas wettet gegen Ambrogiolo 5000 Gulden auf die Treue 
seiner Gattin. Dieser überzeugt ihn durch listigen Betrug von der 
Schuld seiner Gemahlin. Barnabas gibt Auftrag, seine Gattin zu töten. 
Sie wird aber gerettet und beweist später ihre Unschuld. Ambrogiolo 
wird mit dem Tode bestraft. 

Sachs mg. schwä 4, 294; com. K. XII, 40. „Schertz m. d. W.“ 
1550 bl. 9a; 1563 bl. 10a. „Von den vier Kaufmännern“ 1495; 
vgl. Möller a.2.0. S.39 ff. Liebhold „historia von einem frommen- 
Kauffman von Padua“ 1596; Möller S. 63; vgl. „Ges. Abent.“ 
LXVIII. 


11, 1. 
Masetto gibt sich für stumm aus, kommt als Gärtner in ein 
Kloster und beschläft die Nonnen. 
Montanus , Wegk.“ 29; ,Gartg.“ 96. Mahrold 44. 


III, 2. 
Eine Königin wird von einem ihrer Diener, der mit ihrem Gemahle 
große Ähnlichkeit hat, beschlafen. 
Sachs mg. stud. II, anhg. 30. 


III, 3. 
Durch ihren Beichtvater gibt eine Frau einem jungen Manne 
Kenntnis von ihrer Liebe und Gelegenheit zu einem Stelldichein. 
Bebel 1606, s. 470 (1570 p. 96). Frischlin s. 87 „De astutia 
mulierum“. Sachs mg. schwä 4, 510; sg. K. XXII, 454 = schwä 


1) Wörtliche Berührungen: 


» Wendunmuth* IV, S. 86 Dec. 8. 129 
86 129, 32 
86 130, 38 
88 137, 38. 


2) Von Möller versehentlich zu 11,7 zitiert. 


6 Übersicht IIL, 6—III, 9. 6 


1,107. Meisterlied!) im speten ton: „Wie ein Münch zwey zu- 
sammen kopelt on sein wissen“, 1515 Straßburg; (abgedruckt bei 
Bolte „Montanus Sohwankbücher“ s. 530). Montanus „gartg.“ 99. 
Hertzog „Schiltwacht“, bl. Aiija. Keller „Erzählungen aus altd. 
Handschriften“ s. 232 („dy falsch peicht“); s. 242 („von einem 
Münch“). Vgl. „Ges. Abent.* XIV. 

III, 6. 

Riczardus verleitet die Frau Filipellos unter dem Vorwande, daß 
ihr Gatte sich um die Liebe seiner Frau bewerbe, zu einem Stell- 
dichein. 

Sachs mg. schwä 4, 474. 
III, 7. : 

Durch einen strengen Beichtvater veranlaBt sagt eine Frau ihrem 
Buhlen ihre Liebe auf. Dieser wandert in die Fremde. Nach langen 
Jahren kehrt er zuriick und rettet den Gatten seiner ehemaligen Ge- 
liebten vom Tode. 

Montanus „Thedaldus und Ermilina*. Wickram ,Galmy“ 
(Beichte, Wiedererkennen an einem Ring). 
Ill, 8. 

Ein Abt bringt einem Bauern, um mit dessen Frau ungehindert 
buhlen zu können, den Glauben bei, er sei gestorben und befinde 
sich im Fegfeuer. 

Sachs mg. schwä 3, 22; fastn. 42, K. XIV, 233 = Goed. 
„Dichtg.“ I, 94, vgl. Bebel 1606 s. 369; 1590 s. 84. Frischlin 
bl. 69b. „Wendunmuth“ I, 378. Bebel 1606 s. 160. „Schiltwacht“ 
bl. Hiijb. „Grillenvertreiber“ 1603 Kap. 38. „Wendunmuth“ 2,140, 
vgl. „Ges. Abent.“ XLV. 
III, 9. 

Eine Jungfrau heilt den König von Frankreich. Zur Belohnung 
darf sie sich unter dessen Rittern einen Gatten auswählen. Dieser 
verschmäht ihre Liebe. Doch gelingt es ihr, sich seine Zuneigung 
zu gewinnen. 

„Schertz m. d. W.“ bl. 35b, 1550; 1563, bl. 37b. Mahrold 83. 
Goedeke ,Grdri8“ II, 473. 


1) Wörtliche Berührungen mit Dec. sind zahlreich: 
Dec. s. 176, 34 Bolte „Montanus“ s. 531,5 


177,8 22 
19 24 
31 | 31 
182, 9 533, 24 


184, 6 534, 2. 








7 Ubersicht III, 10—IV, 1. 7 


1, 10. 

Eine Heidin lebt mit einem Mönch zusammen, der sie den Bei- 
schlaf als ein Gott wohlgefälliges Werk kennen lehrt. („Teufel in 
die Hölle schicken“). 

Mahrold 97. Vgl. ,Ges. Abent.“ XXVIII. 
IV,0. (Hinkleidung). 

Kin Vater erzieht seinen Sohn fern von der Welt. Als er ihn 
zum ersten Mal mit unter Menschen nimmt, gefallen ihm am besten 
die Jungfrauen, die der Vater „Gänse“ nennt. 

Montanus „Gartg.“ 76. Vgl. „Ges. Abent.“ XXIIJ. Haupt 
„Zt. f. d. Alt.“ 8 8. 95. 
IV, 1. 

Die Tochter des Fürsten von Salerno Gismunda wird von ihrem 
Vater beim Buhlen mit einem seiner Diener ertappt. Der Fürst läßt 
diesen töten und sein Haupt seiner Tochter bringen. Gismunda nimmt 
daraufhin Gift. 

Sachs mg. schwä 3, 4 = Goed. „Dichtg.“ I, 18; trag. K. II, 22. 
„Schertz m. d. W.“ 1550, bl. 42b; 1563 bl. 45a. Montanus „Guis- 
cardus und Sigismunda“. Volksbuch: „Eine schöne Historie von 
des Fürsten zu Salerno schöner Tochter Gismunda“ = Simrock 
„Deutsch. Volksb.“ 6, 1531). Mahrold 66. Von Wickram zitiert: 
„Galmy* s. 22; „Goldfaden“ s. 351, 13; „Gabriotto“ s. 225, 33 2); 
benutzt im „Gabriotto“ und „Goldfaden“ 3). 


1) Das Volksbuch zeigt durchweg die größte sprachliche Überein- 
stimmung mit dem Wortlaute der Übersetzung. Doch finden sich auch ver- 
einzelt Stellen, die Verwandtschaft mit der Translation Nic. Wyles be- 
sitzen (B. d. L. V. Bd. 57), z. B. vgl. Simrock 6, s. 155 mit Wyle s. 80,6 
(Dec. s. 247, 18) u. Simrock s. 156. Wyle s. 81,6 (Dec. s. 248, 16). 

2) Hier finden sich wörtliche Anklänge an die Übersetzung, vgl. Dec. 
s. 254, 6 und 255, 10 mit „Gabriotto“ s. 225, 33 ff. 

3) Vgl. Tiedge „Jörg Wickram und die Volksbücher“ Gött. Diss. 
1904, s. 9 u. s. 16. Nicht teilen kann ich die Ansicht Tiedges s. 3: „Für 
die Erzählung von Gwiscardus und Sigismunda scheint Wickram die 
Translationen des Nic. v. Wyle benutzt zu haben, da auch er die Namen 
in lateinischer Form bringt, nicht wie die Decamerone-Übersetzung in 
italienischer.“ Dieser Verschiedenheit der Namen bei Wickram und in 
der Übersetzung ist nicht allzuviel Wert beizulegen, vor allem berechtigt 
sie noch lange nicht zu dem von Tiedge gezogenen Schlusse auf die be- 
nutzte Quelle. Die lateinischen Namen besassen wegen ihrer größeren 
Geläufigkeit und Gebräuchlichkeit den Vorzug vor den italienischen. So 
hat auch Sachs, der doch zweifellos die Dec.-Übersetzung. benutzt hat, 


8 Übersicht IV, 2—IV, 5. 8 


IV, 2. 

Ein Monch beschlaft als Engel Gabriel eine Frau. Ihre Schwager 

erfahren davon und vertreiben den Mönch. 
Sachs mg. schwä 4,260. Montanus „Wegk.“ 30. „Schertz m. 
d. W.“ 1550 bl. 56a; 1563 bl. 59a. Hertzog „Schiltwacht“ bl. D. 5a. 
Ayrer 57 u. 58. Mahrold 46. 
IV, 3. 

Drei junge Gesellen fliehen mit ihren Geliebten, nehmen aber 
alle ein böses Ende. 

Sachs mg. schwa 4, 482. 
IV, 4. 

Gerbino liebt die Tochter des Königs von Tunis. Ein Schiff, das 
die Königstochter zu ihrem künftigen Gemahle bringen soll, nimmt 
er gegen das Verbot seines Oheims und muß deshalb sterben. 

Sachs mg. schwä 3, 5. 
IV, 5. 

Lisabetta liebt Lorenzo, den Knecht ihrer Briider. Diese erlangen 
Kenntnis von dem Verhältnisse und töten Lorenzo. Lisabetta stirbt 
gebrochenen Herzens. 


schwä 3, 4,42, „Gwischardus“ in „Guiscardus“ geändert, ebenso hat Mon- 
tanus „Guiscardus“ und z.B. „Wegkürzer“ 38 „Hieronymus“ für „Gero- 
nimo“ der Übersetzung. Was sollte übrigens Wickram, wo doch eine Be- 
nutzung anderer Novellen des Dec. durch ihn — nicht nur inhaltlich, auch 
wörtlich — sicher ist, veranlaßt haben, plötzlich der Übersetzung untreu 
zu werden und gerade für eine Novelle Wyle heranzuziehen. Die von 
Tiedge s. 17f. zum Vergleich mit „Goldfaden“ s. 365 f. angeführte Stelle 
aus der Translat. Wyles s. 85 läßt sich ebensogut durch Dec. IV, 1 er- 
setzen, ja gelegentlich steht „Goldfad.“ Dec. viel näher als Wyle. Z.B. 
„Goldf.“ s. 366, 12: „in allen mannlichen und dapffern sachen — — ge- 
prisen werden“; Dec. s. 253, 11: „gebreiset — — — — in allen loblichen 
sachen — —- — darinn eynen ieklichen man — — —“; Wyle s. 87,1: „dann 
wer ist von dir so vil ye gelopt worden als er in allen vnd yetklichen 
wercken, so zu übung der tugenden gehörig sint.‘“ — Ich ergänze Tiedges 
Ausführungen durch folgende, wörtliche Berührungen zeigenden Parallel- 
stellen des „Gabri.‘“ und der Übersetzung: 


„Gabriot.“ s. 360, 15 f. Dec. s. 255, 19 f. 
s. 361, 18 s. 255, 29 f. 
8. 25 s. 256, 14 f. 
s. 866, 14 s. 255, 5f. 


Die Translation Wyles (Tiedge s. 17) ersetze ich durch die entsprechenden 
Dec.-Stellen: Dec. s. 251, 37 = „Goldfaden“ s. 365, 21. 


9 Uhersicht IV, 6—IV, 10. 9 


Sachs sg. K. II, 216; mg. schwä 3, 3 = Goed. „Dichtg.“ I. s. 32; 
trag. K. VIII, 366; mg. schwä 4, 509. Montanus ,,Wegk. 37. 
Mahrold 59. Wickram „Gabriotto“ s. 353, 331); „Knabenspiegel“ 
s. 61. Vgl. „Montanus“ s. 577. 

IV, 6. 
Gabriotto stirbt in den Armen seiner Geliebten Andreola. 
Sachs mg. schwä 3,6. Wickram „Gabriotto“ ?). 
IV, 7. 
Pasquino stirbt nach dem Genusse eines Salbeiblattes in den 
Armen Symonas. Des Mordes angeklagt nimmt diese, um den Hergang 
zu verdeutlichen, ebenfalls ein Blatt des Salbeis in den Mund und 
stirbt auch. (Eine Kröte hatte den Salbei vergiftet). 

Sachs mg. „Ambraser Liederbuch“ Nr. 204, s. 349; sg. K. 

II, 223. 
IV, 8. 
Geronimo stirbt an der Seite seiner Geliebten. 

Sachs sg. K. II, 213. Montanus ,,Wegk.“ 38. Mahrold 60. 
„Wendunmuth“ IV,8. Vgl. „Ges. Abent.“ XIV; XII. Wickram 
„Gabriotto“; vgl. Tiedge 15. 

IV,9. 
Ein Ritter gibt seiner Gattin das Herz ihres Buhlen zu essen. 
Sie stürzt sich darauf zum Fenster hinaus. 
Mahrold 86. Wickram „Gabriotto“; vgl. Tiedge s. 9. 
IV, 10. 
Ein Buhler trinkt im Hause seiner Geliebten, der Frau eines 
Arztes, versehentlich einen betäubenden Trank. Als tot wird er von 
der Frau aus dem Hause geschafft und in einen Schrein gelegt. Hier 
kommt er wieder zu sich, wird als Dieb festgenommen, am nächsten 
Tage aber durch seine Geliebte gerettet. 

Sachs mg. schwä 4, 262; com. K. XIII, 244. Montanus „Gartg.“ 

95. Frey „Gartg.“ 95. 


1) S. Tiedge s. 19. 

2) S. Tiedge s. 13. Doch hat Wickram nicht nur den Namen seines 
Titelhelden „Gabriotto“ aus der Dec.-Novelle. Der Name der Heldin Phi- 
lomene stammt ebenfalls aus der Übersetzung, sogar aus derselben Novelle, 
jedoch aus der Einkleidung. Philomena ist die Erzählerin von Dec. 4, 5. 
Dec. s. 281. 14: „Frawen Philomena neue mär den züchtigen frawen ser 
geliebet vnd gefallen het.“ Nicht unerwähnt lassen möchte ich, daß in 
Gabriottens Traum (Dec. s. 283) ein Windspiel sein Herz zerfleischt und 
Hund und Herz in Reinhardts Traum im ,,Gabriotto“ (S. 307) wieder- 
kehren. 


10 Ubersicht V, 1—V, 9. 10 


V, 1. 

Cymon wird durch die Liebe zu einem Weibe vernünftig und 

erringt sich die Geliebte. 
Sachs mg. Goed. „Dichtg.“ I, 190; sg. K. II, 207. Montanus 
„Cymon und Iphigenia“. „Etliche Historien unnd fabulen — —“. 
Durch Christ. Brun. von Hyrtzweyl nr. 10. 1541. 
V, 3. 
Ein Liebespaar entflieht aus Rom und gelangt nach mannig- 
fachen Abenteuern zu seinem Ziele. 
Sachs mg. schwä 3,153; sg. K. XXII, 301. Wickram „Knaben- 
spiegel“; vgl. Tiedge s. 20. 
V, 4. 

Kin Ritter zwingt einen jungen Edelmann, den er bei seiner 

Tochter findet, sein Kind zu heiraten. 
Sachs mg. schwä 6, 937. Mahrold 96. Wickram ,,Rollwagen“ 75. 
Vgl. „Ges. Abent.“ XXV. „Altd. Dichtg.“ v. Meyer u. Mooyer 
1714—77. 
V, 5. 

Um eine Jungfrau bewerben sich zwei Gesellen. Da sich die 
Maid als Schwester des einen entpuppt, so steht einer Verbindung 
mit dem andern nichts mehr im Wege. 

Sachs sg. K. XXII, 437. 
V, 7. 

Ein Knecht schwängert die Tochter seines Herrn. Als man ihn 
zum Tode führt, findet er seinen Vater wieder, und alles endet zum 
besten. 

Sachs sg. K. II, 237; com. K. VII, 340; mg. schwä 4, 353. 
Mahrold 98. 
V, 8. 
Ein Ritter wirbt lange vergebens um eine Frau. Durch eine 
Erscheinung (ein Ritter hetzt ein Weib) wird sie endlich bewogen, 
ihm ihre Hand zu reichen. 
Sachs sg. K. U, 245. Pauli „Schi. u. E.“ nr. 228 = „kurtz- 
weilige und lächerliche Geschicht vnd Historien‘“ 1583 s. 73. 
V, 9. j 

Ein Edelmann gibt für eine Frau all sein Gut hin. Selbst sein 
Lieblingsfalke muß zu einem Imbiß für sie sein Leben lessen. Durch 
so viel Liebe bezwungen nimmt die Frau nach dem Tode ihres Gatten 
den Edelmann zur Ehe. 

Sachs mg. schwä 3, 149 = Goed. „Dichtg.“ I, 137; sg. K.XXII, 
299. 


11 Übersicht V, 10—VII, 1. 11 


V, 10. 

Ein Mann (Päderast) findet einen Buhlen bei seiner Frau. An- 
statt seiner Frau zu zürnen, lädt er den Gesellen zum Nacht- 
mahle ein. 

Montanus „Gartg.“ 94. Lundorp ,,Wissbadisch Wissenbrinlein ‘‘ 
I, Nr. 75, 1610. 


VI, 1. 
Ein Ritter ist nicht im stande, eine Edelfrau zu unterhalten. 
Sachs mg. schwä 4, 481. 


VI, 4. 

Ein Koch behauptet, die Kraniche hätten nur ein Bein (das 
andere hat seine Geliebte erhalten) und beweist dies seinem Herrn 
am nächsten Tage. 

Sachs mg. schwä 3, 121; sg. schwä 1, 64 = K. XXII, 234; mg. 
schwä 2,247 = K. IX, 474. Montanus „Gartg.“ 77. Pauli „Schi. 


u. E.“ 57. 
VI, 5. 

Ein Maler und ein Jurist treffen sich auf einer Landstraße — 
beide sehr vom Wetter mitgenommen — und spotten über ihr Aus- 
sehen. 

Sachs mg. schwä 4, 465. 
Vi, 7. 


Eine Frau, die sich wegen Ehebruchs vor Gericht zu verant- 
worten hat, erlangt ihre Freisprechung. 
„Zimm. Chron.“ II, 18, 21. Mahrold 87. 


VI, 10. 

Mönch Zwieffel will die Feder des Engels Gabriel zeigen. Da 
er aber Kohlen in seinem Kästchen findet, gibt er diese für die aus, 
mit denen der hig. Lorenz geréstet wurde. 

Sachs mg. schwä 3, 117; sg. schwä 1,61 = K. XXII, 226; sg. 
schwä 2, 217 = K. IX, 420. Bebel „facetiae* 1590 bl. 21b = 
Frischlin „fac. select.“ 1600, 28. „Facetiae Bebelii“, deutsch. 
1606, 95. „Montanus „Gartg.“ 104. „Facetiae Bebelii“ 1590 bl. 
22a = Frischlin, „fac. select.“ 1600 S. 28. Bebel, deutsch 1606 
S. 97. „Zimm. Chron.“ II, 491. „Wendunmuth“ I.; 2,77; I.; 2,76; 
V., 47. 


VII, 1. 
Ein Weib gibt ihrem Buhlen, der sie des Nachts besuchen will, 
geschickt zu verstehen, daß ihr Gatte zu Hause ist. 
Sachs mg. schwä 3, 118; sg. schwä 1,62 = K. XXII, 228. 


v 


12 Ubersicht VII, 2—VII, 7. 12 


VII, 2. 

Kine Frau verbirgt ihren Buhlen vor dem heimkehrenden Gatten 
in einem Olfasse. Fir dieses FaB hat der Gatte einen Käufer mit- 
gebracht. Die Frau bedeutet ihrem Manne, sie habe das Faß bereits 
verkauft, der Käufer besichtige es grade. 

Luscinius „Joci ac sales“ 1524 nr. 173 = Gast „Convival. 
Quast.“ (1541) 1549, S. 20. Montanus „Gartg.“ 55. Vgl. „Ges. 
Abent.“ XLI. 


VII, 3. 
Ein heimkehrender Gatte findet seine Frau mit einem Mönche 


im Schlafzimmer und bekommt bedeutet, seinem Kinde würden die 
Würmer beschworen. 
Montanus „Wegk.“ 31. Mahrold 48. 


VII, 4. 
l Ein verbuhltes Weib findet sich durch ihren Gatten ausgesperrt. 


Sie stellt sich, als würfe sie sich (einen Stein läßt sie hineinfallen) 
in den Brunnen. Der Mann verläßt das Haus, sie eilt hinein und 
sperrt nun ihn aus. 

Sachs mg. schwä 3, 238; fastn. K. 1X, 96. Montanus „Gartg.“ 
79. Bütner „Claus Narr“ 1602 S. 98. 

VII, 5. 

Ein Eifersüchtiger hört, als Priester verkleidet, seiner Frau 
Beichte, wird von ihr angelogen und gibt ihr durch seine Eifersucht 
die Möglichkeit zur Untreue. | 

Sachs. mg. schwä 3, 154; sg. K. XXII, 303 = schwä 1, 74; 
fast. 45, K. XVII, 29. Montanus „Gartg.“ 56. „Wendunmuth“ 
III, 245. Gallus „Mensa philosophica“ 1508 bl. 35b. „Schertz m. 
d. W.“ bl. 75a. 1550. 

VII, 6. 

Eine Frau hat zwei Buhlen bei sich, als ihr Gatte heimkehrt. 
Es gelingt ihr, sich glücklich aus der Affäre zu ziehn. 

Sachs fastn. 43, K. XVII, 17. Luscinius „Joci ac sales“ 1524 
nr. 171 u. 173 = Gast ,Convival. serm.“ 1549 s. 27 u. 1541 „de 
adultera“. Bebel 1590 nr. 261. „De quodam in adulterio depre- 
henso“). Bebel deutsch 1608 s. 382. „Wendunmuth“ I, 323. 
Ayrer 44. 


VII, 7. 
' Um sich Gelegenheit zu verschaffen, mit ihrem Knechte zu buhlen, 


sendet eine Frau nachts ihren Gatten unter dem Vorwande in den 
Garten, der Knecht habe sie zum Stelldichein dorthin beschieden. 
Der Gatte gehorcht und wird vom Knecht durchgepriigelt. 
Sachs mg. schwä 4, 383. „Brief des fahrenden Humanisten 
Samuel Karoch von Lichtenberg“ = Bolte „Montanus Schwank- 


13 Übersicht VI, 8—VIII, 1. 13 


bücher“ s. 5461). Baechtold „Germania“ 33, 273. Mone ,An- 
zeiger“ IV, 433. Uhland „Volkslieder“ nr. 289. Montanus „Der 
untreu Knecht“; Möller s. 75. Waldis „Esopus“ IV, 81. 

VII, 8. 

Ein Mann ertappt seine Frau bei einer Untreue. Eine alte 
Dienerin nimmt die Stelle der Frau im Bette ein und wird von dem 
Manne entsetzlich zugerichtet. Als er sich dann entfernt, um seine 
Schwäger zu holen, treffen sie die Frau ohne jede Verletzung an, und 
der Mann steht als Lügner da. 

Sachs. mg. schwä 3, 156; sg. schwä 1, 75 = K. XXII, 305. 
Keller „Erzählung. a. altd. Handschrft.“ s. 810, „Der Pfaff mit der 
Snuer“; s. 324 „Ain spruch von ainer frawen, die ain Pfaffen 
bulett“. Vergl. „Ges. Abent.“ XLIII. Baechtold „Germania“ 33, 
267. Mahrold 88. Ayrer 47 ?). 


VII, 10. 
Ein Geselle erscheint einem Freunde nach seinem Tode und 


macht ihm Enthüllungen aus dem Jenseits. 
„Zimm. Chron.“ I, 313. 
VIII, 1. 
Eine habgierige Frau, die nur für Geld ihre Liebe verschenken 
will, zwingt ein Geselle dazu, ihm umsonst zu Willen zu sein. 

Sachs mg. schwä 3, 236; mg. schwä 5, 700. Bebel 3, 49 (1514) 
= Frischlin 1600 bl. 84; „Facetum cuiusdam Francigenae“. Bebel 
deutsch 1606, s. 452. Hans Vogel mg. „Das schön goltsschmitts 
weib“, 18. April 1539 = Montanus ,Schwankbiicher“ ed. Bolte 
s. 540. Mahrold 89. — Der Mörser aus Dec. VIII, 2 ist hinzu- 
genommen: Waldis „Esopus“ 1556; IV, 27. Meisterlied von Watt 
v. 1. April 1592. „Der Student mit dem Mörser“ = Bolte „Mon- 
tanus Schwankbücher“ s. 541°). Frey ,Gartg.“ 76%). „Wege- 


1) Es finden sich in diesem Briefe auch wörtliche Berührungen mit 
der Übersetzung. 
2) „Wendunmuth“ 7, 164 geht wohl auf „Bidpai“ zurück, da an die 
Stelle des abgeschnittenen Haares die verstümmelte Nase getreten ist. 
3) Dies Meisterlied ist ein Plagiat an Waldis „Esopus“ IV, 27. Ich 
führe zum Beweis nur die ersten Zeilen an: 
Waldis „Esopus“ IV, 27, 1. f.: 
„Im Beierlandt zu Ingolstadt, 
Welch auch eine Hohe Schulen hat, 
Vnd viel Studenten vber Jar, 
Darunter einer von Augspurg war, 
Eins Goldtschmidts Son Felix genant, 
Dem het sein Vater Gelt gesandt —“. 


14 Ubersicht VIII, 2—VIII, 6. 14 


körter“ 1592, 7. Keller „Erzähl. a. altd. Hdschft.“ s. 334. „Kurtz- 
weilige und lächerliche Geschicht“ 1583 s. 191. 
VIII, 2. 

Ein Pfaff muß einer Bäuerin, die ihm ihre Liebe nicht umsonst 
gewähren will, seinen Chorrock als Pfand für eine Geldsumme zurück- 
lassen. Mittelst eines der Bäuerin gehörigen Mörsers gelangt er je- 
doch wieder in den Besitz seines Eigentums. 

Sachs mg. schwä 3, 237; sg. schwä 1, 80 = K. XXII, 332. 
Montanus „Gartg.“ 102. Lindener „Rastbüchl.* 26. „Wendun- 
muth“ 3, 176. Mahrold nr. 73. 
VII, 3. 

Kalandrin erhält von Bruno und Buffelmacho vorgespiegelt, er 
sei im Besitze des unsichtbar machenden schwarzen Steines. 

Sachs mg. schwä 4, 346; sg. schwä 2, 233 = K. XXI, 173. 
VIII, 4. 

Ein Probst stellt einer Witwe nach. Diese gewährt ihm schließ- 
lich ein Stelldichein und legt ihn zu ihrer häßlichen Magd. So findet 
ihn sein Bischof. 

Sachs mg. schwä 4, 257. Tünger „facet.“ 30. „Zimm. Chron.“ 
II, 238. „Wendunmuth“ I, 331; 330. Vgl. Keller „Fastnacht- 
spiele“ nr. 13, S. 117 = B. d. L. V. Bd. 28—30 u. 46. Eine An- 
spielung: „Zimm. Chron.“ III, 77. 
VIII, 6. 
Bruno und Buffelmacho stehlen Kalandrin einen Schweinebraten 
= und lassen durch ein „Gottesurteil“ diesen als Dieb erscheinen. 
Sachs mg. schwä 4, 347; fastn. 41, K. XIV, 220. „Wendun- 
muth“ I, 181. Pauli „Schi. u. E.“ nr. 679. „Schertz m. d. W.“ 
1550 bl. 70a; 1563 bl. 74a. 


Watt bei Bolte „Schwankbücher,“ s. 541, 29f.: 
- „Nun 
hört, im Beierland zu Ingolstatt 
Da es ein hohe schule hatt 
Vnd vil studenten über ia (re), 
Bei den einer von Augspurg ware, 
Eins goldschmids sun, der war Felix genandt, 
Dem sein vatter auss lieb gelt het gesandt etc.“ 


(Anm. 4 s. Seite 13.) 

4) An einer Stelle zeigt die von Keller mitgeteilte Erzählung Ähn- 
lichkeit mit Frey „Gartg.“ 76: Keller s. 334: „Die wöllt ich alle geben 
gernn Daz ich bey der frawn heintt soltt schlafenn!“ Frey: „Da wolt 
ich mein guldin ketten umb geben.“ 


15 Übersicht VIII, 7—IX, 2. 15 


VIII, 7. 

Ein Student nimmt Rache an einer Witwe, die ihn eine Nacht 
hat im Schnee zubringen lassen, indem er sie einen Tag lang nackt 
der Sonne aussetzt. 

Sachs mg. schwä 3, 190 = Goed. „Dichtg.“ I, 179. Bütner 
„Epitome histor.“ 1576 bl. 59. 
VIII, 8. 

Ein Geselle erfährt, daß sein bester Freund mit seinem Weibe 
zu buhlen pflegt. Mit Hilfe seiner Frau muß ihm des Freundes Weib 
auch zu Willen sein. 

Montanus „Gartg.“ 59. Lindener „Rastbüchl.“ 25. Mahrold 90. 
Keller „Erzähl. a. altd. Hdschft.“ s. 387. („Die Wiederver- 
geltung“.) 
VIII, 9. 

Bruno und Buffelmacho werfen den Arzt Simon, statt ihn „in 
den Venusberg“ zu bringen, in eine Kotgrube. 

Sachs mg. schwä 3, 181; sg. schwä 1, 78 = K. XXII, 319. 
Äyrer 32. 
VIII, 10. 


Eine Buhlerin bringt einen Kaufmann um all sein Gut. Durch 
List erlangt er seinen Besitz zurück und außerdem noch eine be- 
deutende Summe. 

Sachs fastn. 23, K. XIV, 84. 

IX, 1. 
Einer Frau gelingt es, sich zweier Buhler zu entledigen. 

Sachs mg. schwä 3, 119; sg. schwä 1,63 = K. XXII, 230; sg. 
schwä 2, 218; fastn. 84, K. XX, 47 = Tittmann III, 253. Maltzahn 
„Deutscher Bücherschatz s. 204, nr. 12441). Pauli „Schi u. E.“ 220 
= „Schertz“ m. d. W.“ 1550 bl. 39b; 1563 bl. 42 — „Kurtzweilige 
und lächerl. Geschicht“ s. 69. Hulsbusch „Sylva sermonum“ 1568 
8. 242, 

IX, 2. 
Eine junge Nonne, bei der man einen Edelmann gefunden hat, 
soll von der Äbtissin zur Rechenschaft gezogen werden, jedoch muß 


1) Maltzahn zitiert den Sonderdruck versehentlich zu Dec. VIII, 1. — 
Den Holzschnitt beschreibt Maltzahn: „Ein Mann trägt eine Frau auf der 
Schulter, eine andere Frau sieht von der Burg auf sie herab —“. Unter 
der „Frau“, die auf der Schulter getragen wird, ist natürlich Alexander 
zu verstehn, den M. wegen des langen Totenkleides für ein Weib hielt. — 
Der Holzschnitt ist wohl identisch mit dem in „Schertz m. d. W.“ 1550 
bl. 39b. 


16 Ubersicht IX, 3—IX, 8. 16 


diese bald abbrechen, da ein Mönchsunterkleid statt der Haube 
auf ihrem Haupte ihre eigene Unkeuschheit zeigt. 
Sachs mg. schwä 4, 263; sg. schw& 1, 85 = K. XXII, 343. 
Adelphus ,Margar. facet.“ 1509 bl. iij. O. ,de correptoribus cri- 
minosis*. Montanus „Gartg.“ 109. Waldis „Esopus“ IV, 33. 
Scotus „Mensa philosophica“ 1608 p. 284; liber IV. c. 42 „de 
beginis.“ Mahrold 92. 
IX, 3. 

Kalandrin erhält von seinen Gesellen und dem Arzt Symon vor- 

gespiegelt, er sei schwanger. ” 
Sachs mg. schwä 3, 172; sg. schwä 1,77 = K. V, 126; fastn. 
16, K. IX, 23. Wickram „Rollwagen“ 4. Keller „Erzähl. a. altd. 
Hdschft.“ s. 463. („Der Müller mit dem Kinde“.) Mahrold 93. 
Vgl. „Ges. Abent.* XXIV'). 
IX, 4. 

Ein dem Spiel ergebener Knecht bringt seinen Herrn um all 
sein Gut. 

Sachs mg. schwä 3, 215; sg. schwä 2, 246 = K. IX, 470; fastn. 
81, K. XXI, 76. 
IX, 5. 

Kalandrin buhlt um eine Dirne und wird bei einem Stelldichein 
von seiner Frau überrascht. 

Sachs mg. schwä 4,466; fastn. 62, K. IX, 120; mg. stud. II. 
anhg. 1 = schwä 6, 947. 
IX, 6. 

Zwei Gesellen übernachten bei einem Wirte. Der eine schläft 
bei dessen Tochter, der andere bei seiner Frau. Als der Wirt etwas - 
von dem Handel merkt, wird ihm bedeutet, er habe geträumt. 

Sachs. mg. schwä 6, 899. Montanus „Gartg.“ 86. Lindener 
„Rastbüchl.* 24. Mahrold 94. Vgl. „Ges. Abent.“ LV. 
IX, 7. 

Ein Mann träumt, seine Frau werde von einem Wolfe gewürgt, 
und bittet sie, das Haus nicht zu verlassen. Sie tut es doch, und 
der Traum geht in Erfüllung. 

, Sachs mg. schwä 4, 295 = Goed. „Dichtg.* I, 205. 

IX, 8. 

Bondello führt Ciecco mit einem Essen an. Ciecco rächt sich 

und verschafft ihm Prügel. 
Sachs mg. schwä 4, 419. 


1) Über den mg. eines nichtgenannten Meistersängers vom 15. März 
1549 s. zu schwä 1, 77, Anm. 


17 Ubersicht IX, 9—X, 8. 17 
IX, 9. 
Salomon erteilt Rat, wie man sich die Liebe seiner Mitmenschen 
und ein gehorsames Weib verschafft. 
Sachs mg. schwä 3, 191 = Goed. „Dichtg.“ I, 18; fastn. 29, 
K. XIV, 124. Mahrold 95. 
IX, 10. 
Ein Pfaffe macht das Weib seines Gevatters auf dessen Wunsch 
zu einer Roßmutter. 
Montanus „Gartg.“ 111. 
X, 2. 
Bin Ritter heilt einen Abt von einem Magenübel. 
Sachs mg. schwä 3, 70 = Goed. „Dichtg.“ I, 101; fastn. 27, 
K. XXI, 3. „Wendunmuth“ I, 76. 
X, 4. 
Eine schwangere Frau wird in einer Ohnmacht als tot begraben. 
Ein Ritter, der sie liebt, sucht sie im Grabe auf und rettet sie. 
Sachs sg. K. I, 204. ,,Zimm. Chron.“ I, 310. 
X, 6. 
König Karl bezwingt seine Leidenschaft zu den Töchtern eines- 
Ritters. 
Sachs sg. K. XXII, 418; sg. K. XX, 445. 
X, 7. 
Lisa verliebt sich in den König Peter und wird von diesem, der 
durch einen Spielmann von ihrer Leidenschaft vernimmt, geheilt. 
Sachs sg. K. II, 201. Wickram ,,Galmy“; s. Tiedge s. 4!). 
X, 8. 
Titus’ und Gisippus’ Freundschaft. 
Seb. Franck „Zeytbuch“ 1531; CXiii; daraus Sachs K. II, 300. 
Sachs com K. XII, 15. Montanus ,,Wegk. 42. Mahrold 1. Mon- 
tanus „Spiel von Titus und Gisippus“; vgl. Möller s. 68. Wickram 
„Galmy“; s. Tiedge s. 6°). „Hyrtzweyl“ nr. 9. 


1) Hinzufügen möchte ich noch, daß in der Übersetzung Lisa als 
„eines schlechten Mannes Tochter“ bezeichnet wird, ‚während sich Galmy 
einen „schlechten Ritter‘ nennt. Peter sucht im Dec. Lisa in Begleitung 
von zwei Dienern auf, und die Herzogin kommt bei Wickram mit zwei 
Dienerinnen zu Galmy. Auch wörtliche Anklänge finden sich zwischen 
„Galmy“ und Dec. X, 7. Vgl. Dec. s. 620, 82ff. mit ,,Galmy“ s. 7, 24 
und s. 8, 2. 

2) Tiedges Ausführungen seien dahin ergänzt, daß sich im „Galmy“ 
auch eine Reihe von Stellen finden, die große Ähnlichkeit mit der Uber- 

Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 2 


18 Übersicht X, 9—X, 10. in 
0 
Ein Kaufmann, der einst dem Sultan von Babylon Gastfreund- 
schaft erwiesen hat, wird später reichlich dafür belohnt. 
„Zimm. Chron.“ I, 287. Erh. Lurcker „Ein hüpsche historien 
von einem Ritter . . . Thorelle“; s. Möller s. 44. Ayrer 22. 
X, 10. 
Griseldis. 
Sachs com. K. II, 40 = Tittmann III, 48. „Wendunmuth“ 
IV, 861). Komödie „Grysel“ v. einem Unbekannten; s. Möller s. 46. 
Mauricius „Comödie v. Graff Walther v. Salutz vnd Grisolden“; s. 
Möller s. 54. Pondo „Historia Walthers eines Welschen Marg- 
grafen‘‘; siehe Möller s. 59. „Schertz m. d. W.“ 1550 bl. 23b.; 
1563 bl. 25b. Mahrold 64. 


setzung zeigen. Vgl. Dec. s. 629, 4 „Galmy“ s. 4, 10 


29 s. 5,1 

15 22 

30 s. 6, 14 
s. 630, 13 s. 10, 20. 


Ziehen wir ferner die sachliche Übereinstimmung in Betracht, so dürfte 
das Urteil Tiedges s. 7: „Immerhin läßt sich auch hier nicht viel mehr als 
die Möglichkeit einer Entlehnung behaupten“, notwendigerweise dahin ab- 
zuändern sein, daß Wickrams Benutzung der Dec.-Übersetzung auch für 
den „Galmy‘“ als durchaus sicher erscheinen muß. S. auch oben zu 
Dec. X, 7. 

1) Oesterley zitiert versehentlich zu Dec. IX, 10. 


Sachsens Verhältnis zu der sogenannten Steinhöwelschen 
Decameronübersetzung. 


I. Allgemeines. 


Im Jahre 1894 kündigte Carl Drescher eine Arbeit an, 
die den Einfluß Boccaccios auf H. Sachs zum ersten Male 
zusammenfassend darstellen sollte. In seiner ersten „mehr 
einleitenden“ !) Abhandlung war die Einwirkung von Boccac- 
cios „De claris mulieribus“ auf Sachs dargelegt?) Eine 
Fortsetzung zu Dreschers Ausführungen ist nicht erfolgt, 
und so dürfte die folgende Arbeit, die sich mit den Be- 
ziehungen zwischen Sachs und dem Decameron beschäftigt, 
nicht überflüssig sein. Daß H. Sachs aus Dec. geschöpft hat, 
ist längst dank Dreschers, Goetzes und Stiefels verdienst- 
lichen Forschungen bekannt, jedoch noch nicht untersucht ist 
die Art und Weise, wie er es getan hat, wie weit er in seinen 
Entlehnungen geht und in welchem Umfange eigenes Schaffen 
in Betracht kommt. In diesem Sinne ist die folgende Arbeit 
gedacht. — 


Wie aus vorstehender Ubersicht hervorgeht, haben drei 
Autoren des 16. Jahrhunderts am ausgiebigsten aus der 
Übersetzung geschöpft: Sachs, Montanus und Mahrold?). 
Soll zwar in folgender Arbeit vornehmlich das Verhältnis 
Sachsens zur Decameronübersetzung dargelegt werden, so 
mögen doch auch Montanus und Mahrold kurz unter dem- 
selben Gesichtspunkte betrachtet sein. Die Fastnachtspiele 


1) Vergl. Jahresbericht f. Neuere dt. Litg. (1894), 5.; IL, 4.b.; 72. 
2) Festschrift z. H. Sachs-Feier, gewidmet v. d. Z. f. V. L. R. Weimar 
1894, S. 5—19. „Hans Sachs und Boccaccio I.“; vorher i. d. Z. f. V.L. 
R. 7, (1894) 402 ff. 
3) Ich rechne Mahrold noch zum 16. Jahrh., obgleich sein „Rold- 
marsch-Kasten“ die Zahl 1608 trägt. 
2% 


20 Hinweis anf die Quelle. 20 


von H. Sachs glaubte ich aus dem Rahmen meiner Arbeit 
ausscheiden zu miissen, da sie von Geiger ,Hans Sachs als 
Dichter in seinen Fastnachtspielen im Verhältnis zu seinen 
Quellen“, Halle 1904, mit behandelt und ihre Beziehungen 
zu Decameron bereits von Mac Mechan „The Relation of 
Hans Sachs to the Decameron“, Diss. Halifax 1889!) unter- 
sucht sind?). Erst nach Vollendung meiner Arbeit wurde 
mir Eug. Geiger „H. Sachs als Dichter in seinen Fabeln und 
Schwänken“, Progr. 1908, bekannt. G. behandelt schwä 1 
und 2. Ich habe gelegentlich auf seine Ausführungen ver- 
wiesen. — 

Vorteilhaft sticht Sachs von den Autoren des 16. Jahr- 
hunderts ab. Ist er doch der einzige, der es verschmäht, 
sich mit fremden Federn zu schmücken, und vielmehr in 
fast allen seinen Dichtungen einen deutlichen Hinweis auf 
die von ihm benutzte Quelle gibt. 

So beginnt er vielfach ein Gedicht mit einem: 

„Man list in cento nouella,“ — 
„In seim buch Centum Novella 


Thuet Pocacius leren“, 
„Wie ich in Pocacio las“ etc.; 
oder er zitiert am Schlusse seine Vorlage: 
„Schreibet Pocacius gerade“, 
„Johannes Pocacius schriebe*. 
Einmal — schwä 3,118°) — führt er sogar die Tagereise 
an (= VII, 1): 
„Bocacius duet vns peschreiben 
In der tagrais von listing weiben, 
Wie zw Florencz ein verber sas“. 
Ein andermal spricht er — schwä 3,4 — des längern über 
seine Quelle: 


1) In seiner Besprechung, Lit. Bl. f.germ.u. rom. Phil. 15, 5—6, tadelt 
Drescher vor allem die Äußerlichkeit der Untersuchung („er beschränkt 
sich auf eine schablonenmäßig 13 mal wiederholte Einzelvergleichung 
zwischen Fastnachtspiel und Novelle“). 

2) Die Arbeit von Jones „Boccaccio and his imitators in german, 
englisch etc. Literatur“ war mir leider nicht zugänglich. 

3) Schwä 8,118; so zitiere ich Goetze und Drescher „Sämtl. Fabeln 


21 Dauer der Benutzung. 21 


„Ein puch cento nouella heist, 

Hat ein poet geschriben, 

Hundert histori es ausweist; 

Mir saget mein memori, 

Das puch schreibt Johanes Boccacius, 

Als noch ist mengem weissen kundt, 

Dem solich kunst dut lieben. 

In dem gemelten puch ich fundt 

Gar eine schone histori“. — — — 
„Die Verdeutschung des Decameron, deren Titel im Augs- 
burger Drucke von 1490 mit den Worten „Cento nouella“ 
beginnt, war ihm auf der Wanderschaft in die Hände ge- 
kommen, ihr entnahm er den Stoff zu seinem ersten spruch- 
weis zugerichteten Gedichte „Der ermördt Lorenz“ 1)“ (= 
Dec. IV,5)?). Dieser „Spruch“, mit dem Sachs zum ersten 
Male aus ‘der Ubersetzung schöpfte, ist zugleich — abge- 
sehen von den „pueliedern* von 1513 — das erste Gedicht 
mit weltlichem Inhalte; die früheren von 1513—15 sind 
durchweg religiöser Natur. Zwar nicht 1515°), aber im 
folgenden Jahre nimmt Sachs für 3 Meistergesänge seinen 
Stoff aus dem Dec.: Schwä 3,4 = Dec. IV,1; Schwa 3,5 
= Dec. IV,4; Schwä 3,6 = Dec. IV,6%. 1519 bringt als 


und Schwänke von H. Sachs“ (Hall. Neudrucke deutsch. Lit.Werke). Die 
erste Zahl bezeichnet den Bd., die zweite den Schwank, eine dritte den 
Vers. Die Ausgabe der Werke von Sachs i. d. B. d. L. V. ist mit „K.“ 
nach Band (römische Ziffer), Seite und Vers zitiert. 

1) Allgem. Deutsch. Biogr. Bd. 30, 115. 

2) „Der spruch der ist mein erst gedicht, 

das ich spriichweiss hab zugericht.“ K.II s. 216. 

3) Wie die Allgem. D. Biogr. Bd. 30, 115 „noch in demselben Jahre 
1515 kam er auch in Meistergesängen darauf zurück.“ 

4) Auffallend ist, daß Sachs in diesen ersten Gedichten ausschließlich 
Novellen der IV. Tagereise des Dec. bearbeitet, die ja davon handelt, wie 
„überflüssige liebe vnd freüntschaft sich alle ze klaglichem vnd pösen 
ende gefüget hat.“ Zieht man die Moral, die er in diesen, wie immer 
wieder in spätern Gedichten gibt: „Nicht außerhalb der Ehe lieben“, in 
Betracht, so ist der Gedanke, daß Sachs in dieser Zeit an einer unglück- 
lichen Liebe litt, nicht ganz von der Hand zu weisen. Nicht übersehen mag 
man den Zusatz K.II, 213,20, wo der an einer unglücklichen Liebe lei- 
dende Jeronimus (IV,8) „von der lieb etlich gedicht macht“. 


22 Auswahl. 29 


einziges weltliches Gedicht eine neue Bearbeitung von Dec. 
IV,5, schwä 3,3, die mit Geschick die zu sehr ins Breite 
gehende Darstellung von K. II s. 216 kürzt (man vergl. 
etwa K. II s. 217, 22 f. und K. II s. 218 f. mit schwä 3, 3, 49 £.). 
In den folgenden Jahren 1520—23 liegt Sachsens dichte- 
risches Schaffen darnieder. Der Reformation ist sein ganzes 
Sinnen und Trachten gewidmet. Mit der „Wittembergisch 
Nachtigall“ nimmt er 1523 seine dichterische Tätigkeit wieder 
auf, und es erscheinen die Schriften, in denen er wacker für 
die lutherische Lehre ficht, seine Dialoge, Disputationen und 
geistlichen Lieder. Erst von 1528 an finden wir gelegentlich 
wieder einen weltlichen Stoff bearbeitet. Die folgenden 
Jahre bringen denn auch vereinzelt Dichtungen, die auf die 
Übersetzung zurückgehen (stud. II, 30 v. J. 1529 — Dee. 
II, 2; schwä 3,22 v. J. 1581 = Dec. II], 8; schwi 8, 70 v. 
J.1537 = Dec. X,2). Eine stärkere Benutzung des Dec. 
beginnt mit dem Jahre 1540 und dauert bis 1563. Mitunter 
ist die Übersetzung für eine ganze Reihe von Tagen seine 
einzige Vorlage zum Dichten; so am 22. und 23. Juni 1540, 
— in diesen Tagen entstanden 4 mg und 4 sg — oder in der 
Zeit vom 6.—12. September desselben Jahres, am 16. Nov. 
1543 usw. In den Jahren 1550—1553 liefern die Novellen 
nur noch Stoffe zu Fastnachtspielen. 1563 hat Sachs den 
Dec. zum letzten Male für 2 Spruchgedichte benutzt, schwä 
2,333 und K. XX, 445. Im Ganzen gehen 51 Meistergesänge, 
31 Spruchgedichte, 13 Fastnachtspiele, 6 Komödien und 2 
Tragödien auf die Übersetzung zurück. Hierbei hat Sachs 
62 Novellen des Dec. nebst der Einkleidung der IV. Tage- 
reise (= IV,0) benutzt. 21 Novellen sind darunter nur von - 
ihm bearbeitet worden. Den andern Autoren mochte der 
Inhalt teilweise nicht derb genug sein. Sind doch 15 davon 
(1,6,9; II,4,6; IV,4; V,5,9; VL1,5; VIIL3; IX, 4,5,7,8:; 
X,6) durchaus einwandfrei, während 6 (III, 2,6; IV, 3,7; 
VII, 1; VII, 10) immerhin ein außereheliches Verhältnis be- 
handeln. Nicht bearbeitet hat der Dichter 38 Novellen. Die 
Gründe sind verschieden. Zu anstößig erschienen ihm wohl: 


23 Sentimentalisch-volkstiimliches 23 
I,4; I,3,7; III,1,4,5,10; V,6,10; VII,2,3,9; VII,8; 
IX,10 und wohl auch JJ,10; III,7; IV,9; VI,7, die ein 
verbotenes Verhältnis billigen; zu uninteressant, — da meist 
nur Worte „die stechen und peyssen“ — 1,5,7,8,10; V,2; 
VI, 2, 3,6,8,9; X,1,3; zu unglaubwürdig VII, 10; X,5,9; 
VIII, 5. II,8 und III,9 ließ Sachs wohl fort, weil sie spe- 
ziell ausländische Verhältnisse berühren. Auffallend ist es, 
daß er I, 1; II, 2, die sich vorzüglich im Kampfe gegen den 
Katholizismus hätten verwenden lassen, nicht bearbeitet hat. 
Daß Sachs mit seinem Geschmacke, der ihn diese 38 No- 
vellen nicht benutzen ließ, nicht allein dasteht, beweist die 
Tatsache, daß auch die andern Autoren des 16. Jahrhunderts 
22 dieser Novellen nicht bearbeiteten. Oder sollte man an 
einen Einfluß der Dichtungen Sachsens zu denken haben, dem 
sich die spätere Zeit bei der Wahl ihrer Stoffe nicht ganz 
zu entziehen vermochte? | 

In den ersten Gedichten, die H. Sachs der Übersetzung 
entnimmt, herrscht ein sentimentalisch-volkstüm- 
liches Element vor, das in einer Fülle von neuen Zügen 
und Details zum Ausdruck gelangt. Gerbino wird vor 
Schmerz über Constancias Tod ohnmächtig, schwä 3, 5, 154; 
Gabriotto drückt im Sterben Andreola die Hand, schwä 
3, 6,103; nach seinem Tode begibt sich Andreola in ein Klo- 
ster, wo sie „pis an ir ent“ seinen Tod beweint und jede 
Nacht in seiner Sterbestunde in Ohnmacht sinkt, schwä 
3,6,186; Lorenzo blickt beim Scheiden noch einmal nach 
Lisabetta zurück, K.II, 218,18; an der Leiche des Geliebten 
bricht Lisabetta vor Herzeleid zusammen und wünscht zu 
sterben, K.II, 220,16; als ihre Brüder ihr den Scherben 
mit dem Haupte des Geliebten rauben, weiß sie, daß ihr der 
Tod bestimmt ist, wenn sie das ihr so teure Gefäß nicht 
wiedererhält, K.II, 221,18; durch die Dienerin wird Lisa- 
bettas und Lorenzos trauriges Los bekannt, und vielbeklagt 
finden die Liebenden ein gemeinsames Grab, K. II, 222, 15. 
Nicht zwletzt äußert sich das Sentimentalisch-Volkstümliche 
in dem starken Hervortreten der Dialoge und Monologe 


24 und realistisch-humoristisches Element. 24 
(vergl. K. II, 217,22; K. II, 218,5 ff.; schwä 3,5,99 u. 110) 
und der damit korrespondierenden breiteren Ausführung. 
Gerade diese Frühgedichte sind reich an poetischen Zutaten 
und volkstümlichen Wendungen. 

Später schwindet dieser sentimentalische Zug so gut 
wie ganz aus der Dichtung des Hans Sachs, obgleich 
der Stoff der bearbeiteten Novellen ihn noch vielfach hätte 
begünstigen können, etwa K.II, 213 (Dec. IV,8) (1544), K 
11,201 (1544) (Dec. X,7) oder schwä 4, 262 (1546) (Dec. s. 
302,13). Dafür ist in Sachsens Dichtung ein realistisch- 
humoristisches Element gedrungen, das z. T. schon 
durch die Wahl der Stoffe — er bearbeitet mit Vorliebe 
Schwänke und heitere Episoden — bedingt ist. Da finden 
wir kein Sichverlieren in Einzelheiten, sondern straffe Kon- 
zentration, und die Sprache ist einfach und knapp und nähert 
sich dem Prosastil. 

Hat Sachs eine Novelle mehrmals bearbeitet, so geht 
er bei seinen späteren Bearbeitungen in der Regel wieder 
unmittelbar auf die Übersetzung zurück, berücksichtigt 
dabei aber stets auch seine früheren Dichtungen. So 
schöpft schwä 2,247 (1559) wieder aus Dec. VI,4, findet 
sich doch hier die Scene, daß der Koch {Dec. s. 3891. ff.) von 
Kranichen mit zwei Füßen träumt, die in der Bearbeitung 
von 1540 — schwä 3,121 — weggefallen war (mg —= schwä 
3,121 und sg = schwä 1,64 entsprechen sich durchaus). 
Jedoch ist für schwä 2,247 neben der Übersetzung auch 
schwä 3, 121 herangesapenc vgl. 3,121,9 „rüeche, der —— — 
dürch keruschei und schwä 4, 247,13 cecal | Das er ——-— 
durch krüech“ mit Dec. s. 387, 35 „eynen güten geschmack 
gab.“ Ebenso ist das Verhältnis zwischen schwä 3,117 
(1540) und 2,217 (1558). Die Bearbeitung von 1558 geht 
auf Dec. zurück, denn v.3 „auf ainer hoch ligt dise stat“ 
entspricht Dec. s. 400, 14 „auf eyner kleynen höhe“, während 
dies schwä 3, 117 fehlt. Die Benutzung von 3,117 für 2, 217 
geht aus der Herübernahme der Verse schwä 3, 117, 15—28 


25 Zurückgreifen auf frühere Bearbeitungen. 25 


hervor, die schwä 2, 217,41—58 entsprechen. Nicht anders 


verhalten sich K. XXII, 418 (1547) und K. XX, 445 (1563) 
(K. XX, 445 nach Dec., da ausführlich wie dort davon berichtet ist, 
daß der Tisch unter einem Baume steht, König Karl auf der Jagd ge- 
wesen ist etc. K. XX, 445 ist aber auch nach K. XXII, 418 gearbeitet, da 
XXII, 418, 22—27 = XX, 446, 29—34) 
oder schwä 3,215 (1545) und schwä 2,246 (1559) 
(schwä 2,246 geht auf Dec. IX, 4 zurück: jedoch ist auch schwä 
3, 215 benutzt: schwä 2,246,71 „da war sein wetschger im geräumbt“, 
schwä 8,215,27 „Wart im sein Dasch geraümet“, Dec. s. 559,26 „kein 
gelt in der taschen fande“) 
oder schwä 4, 387 (1547) und K. II, 284 (1554) : 
(Der Spruch von 1554 lehnt sich stark an Dec. an [vgl. s. 285, 1 
„Wann ihn trieb auch die kelten gross“, Dec. s.61,11 „von der grossen 
kelten peczwungen was zetraben“, schwä 4, 387,21 fehlt dies. Vgl. ferner 
K.11,285,28; Dec. s. 64,11; schwä 4,387,11 und K.II,284,5; Dec. s. 
59,30; schwä 4, 387] berücksichtigt aber auch schwä 4, 387. Vgl.4,387,35 
„Sie richt im zw ain wannen pad“, K.II, 285,20 „ihm zu richtet ain 
wannen-bad“, Dec. s. 62,34 ,sicz in das warm pade“) 


oder K. II, 216 (1515), schwaé 3,3 (1519) und schwä 4, 509 


(1548) 
(schwä 3,3 folgt dem Dec.; vgl. schwa 3, 3,179: 

„mit trenen es peguse, 

Das es wart alles nas. 

Von bluet wurt das haubt reine, 

Weiss als das helffenpeine ;“ 
Dec. s.280,6 „anhübe mit iren Zähern das haubt ze waschen“, K.I, 
221,6 „Biss er wurd allenthalben nas“ und dem K. II, 216 — vgl. 3,3, 10; 
K. II, 216,13; Dec. s. 277,34 fehlt es —. Schwa 4,509 (1548) entspricht 
schwä 3,35 — vgl. 3,3,19; K.II, 216,18; schwä 4,509,5 — und K. 
1I,216 — vgl. K. II, 219,26 = schwä 4,509,27, ferner K.II, 221,8 = 
schwä 4,509,49 —. Dec. scheint hier nicht mehr benutzt.) 


II. Sachsens Verhältnis zu dem Stoff der Novellen. 


Bereits in der Einleitung haben wir die aus Dec. schöpfen- 
den Autoren in zwei Klassen geschieden: in solche, die sich 
mit einer Anleihe an den Inhalt der Novellen begnügten 
und andere, die Wort für Wort der Übersetzung in ihre 
Werke hiniibernahmen. In Sachs sehen wir beide Arten 


4 


26 Unwesentliches fällt. aN 
vereinigt, finden wir neben bloß inhaltlicher auch wörtliche 
Benutzung des Dec. 


Untersuchen wir zunächst die Art und Weise, wie der 
Dichter sich den Stoff der Übersetzung zu eigen macht. 
Im allgemeinen folgt er den Novellen inhaltlich zwar getreu, 
aber durchaus nicht sklavisch. Vielmehr sind Kürzungen, 
Anderungen und Zusätze nichts Seltenes bei ihm. 


1. Kürzungen. 


` Die Kürzungen sind vor allem dadurch veranlaßt, daß 
Sachs die meist sehr umfangreichen Novellen oft in einem | 
kurzen Meistergesange von 60, ja sogar 52 Versen wieder- 
gibt und die Erzählung in der Regel streng auf ein Haupt- 
motiv konzentriert. 


Hierbei zeigt der Dichter großes Geschick. Mit sicherer 
Hand streicht er alles, was nicht unbedingt für den Ver- 
lauf der Geschichte erforderlich ist, und übernimmt nur 
das Unentbehrliche. Von diesen Kürzungen werden 
natürlich Gespräche mehr betroffen als Handlungen, da Ge- 
spräche sich viel leichter missen oder doch mit wenigen 
Worten ihrem Inhalte nach wiedergeben lassen als Hand- 
lungen. So hat Sachs eine ganze Reihe von Gesprächen 
des Dec. weggelassen. Z.B. ist schwä 3,190 das Gespräch 
weggefallen, das Dec. s. 505 ff. der Student mit der Witwe 
auf dem Turme führt. Es besteht hauptsächlich aus Bitten der 
Frau, sie vom Turme herab zu lassen, und ist für die weitere 
Entwicklung der Novelle von keinem Einflusse. Auch die 
für den Verlauf der Geschichte ganz belanglose Unterhaltung, 
die der Pfaffe Dec. s. 470, 30 mit dem in die Stadt wandern- 
den Manne Belcoras hat, ist schwä 1,80 gestrichen. Das 
einzig für die Entwicklung Wesentliche gibt V. 5: 


„Als der ains mals fuer in die stat“. 


K. IJ, 213 läßt Sachs ebenso die Unterredung (Dec. IV, 8) 
der Mutter Gabriottos mit dem Vormund wie die Ermahnung 


27 Gespräche nur inhaltlich wiedergegeben. 27 


Gabriottos durch diesen weg undbringt — K. II, 213,14 — 
nur das Ergebnis der beiden Unterredungen: 
„Bald das sein mutter mercken thet, 


Forcht sie, er näm sie zu der eh, 
Schickt ihn gehn Paris in hertzweh“. 


Den Inhalt der Rede (Dec. s. 367, 28), in der Friedrich der 
geliebten Frau mitteilt, seinen letzten Falken hatte er ihr 
in Ermanglung eines anderen Bratens eben als Imbiß vor- 
gesetzt, und sich dann in Wehklagen erschöpft, ihr die Bitte 
um den Vogel abschlagen zu müssen, hat der Dichter ebenso 
kurz wie treffend in die Verse zusammengezogen, schwä 
3,149, 48: 

„Den falcken, sprach er, hab wir gessen, 

Die aller liebst mein liebstes as“. 
Als Beispiel für Sachsens Geschick, die wesentlichen Punkte 
einer längeren Rede in gekürzter Form wiederzugeben, diene 
die Unterredung, die Gismunda (Dec. s. 251, 24—253, 38) mit 
ihrem Vater Tancred hat. Tancred hat das Liebesverhältnis 
zwischen Gismunda und Guiscardus entdeckt und macht nun 
seiner Tochter Vorwürfe. Diese verteidigt sich: sie gibt 
ihre Liebe zu Guiscardus zu, aber nur ihr Vater, der sie nicht 
wieder vermählen wollte, ist schuld an diesem Verhältnisse. 
Er hätte erwägen müssen, daß seine Tochter „von fleysch 
vnnd nicht von steyn“ geboren sei. Den Vorwurf ihres 
Vaters, sie habe sich einen Liebhaber von niederer Geburt 
erwählt, sucht sie durch den Hinweis auf Guiscardus Tu- 
genden zu entkräften. Sie will von ihrem Vater keine 
Gnade für sich allein, sondern dieselbe Strafe wie ihr Ge- 
liebter. Im Dec. beansprucht diese Unterredung über zwei 
- Seiten. Hans Sachs bringt nur das Bedeutungsvolle und 
vergißt keinen der Hauptpunkte, schwä 3,4 v. 120—28: 

„Vater, wir sint doch flaisch vnd plut 

Als wol dw vnd merck eben! 

Darumb hab wir den dot gar nit verschuld. 

Da dw mir wolltest geben keinen mane, 


Gwisgardum ich mir ausserwelet hanne 
In rechter lieb; darumb wil ich nit werben 


28 Rasches Fortschreiten der Handlung. ae 


Vmb dein huld oder dein genadt. 
Mit dem mein hercz gelebet hat 
In freud, mit dem wil es in leit auch sterben.“ ') 
Wie Sachs von den Gesprächen des Dec. oftmals nur das 
Wesentliche in gekürzter Form bringt, so verfährt er über- 
haupt bei seiner Bearbeitung der Novellen. Er schält sich 
aus den Erzählungen der Übersetzung das für den Verlauf 
der Geschichte Wichtige heraus und läßt alles Nebensäch- 
liche fort. Vielfach gibt er nur das Gerippe einer Novelle. 
In den kürzeren Gedichten bringt jede Zeile etwas Neues, 
bezeichnet jeder Vers ein Fortschreiten der Handlung. Z.B. 
schwä 4, 261,4: i 
„Ein schone fraw die war seiner ducaten gwar, 
Schickt ein cuplerin zw im in sein herberg dar, 
Das er kem. Das dawcht in gar wol geratten. 
Die fraw entpfing in mit petrueg. 
Sie assen. Als sie nun gingen zw pette — —.“ 
Im Dec. ist dies auf 6 Seiten (S. 78—83) geschildert. 
Mitunter — vielleicht nur infolge einer Flüchtigkeit 
von H. Sachs — schreitet die Erzählung geradezu sprung- 
artig vorwärts, sodaß man sich verbindende Glieder ergänzen 
muß, wie (Dec. s. 293, 11—17) K. II, 214, 6: 
„Eins nachts ass sie und ir mann auss. 
Da stig der jüngling in ir hauss 
Und inn ir kammer sich verstecket. 
Als ir mann schlieff, er sie auffwecket.“ 
Mit keinem Worte ist hier erwähnt, daß das Ehepaar nach 
Hause kommt und sich zur Ruhe begibt. Ist Dec. s. 579 
breit erzählt, wie sich zwei Männer auf der Reise zu Salomon 
treffen und sich unterwegs mitteilen, daß sie von ihm einen 
Rat haben wollen, der eine gegen sein böses Weib, der 
andere gegen seine Unbeliebtheit bei seinen Mitmenschen, 


1) Bei Sachs ist Guiscardus nicht von niederer Geburt, sondern v. 39 
„Ein jüngling ausserwelet“. Mithin fehlen bei Sachs die Vorwürfe des 
Vaters, daß sie sich einem so tief unter ihr stehenden Manne hingegeben, 
ebenso wie eine Begründung Sigismundas, warum sie Guiscardus trotz 
seiner niedrigen Herkunft ihre Liebe geschenkt habe. 


99 Konzentration. 29 


wie sie dann Salomon ibr Anliegen dartun und einen Rat 
erhalten, so gibt dies der Dichter, indem er zugleich die 
Wiederholung meidet, daß wir erst aus der Unterhaltung 
der zwei Reisegefährten und sodann in der Audienz bei 
Salomon nochmals den Grund ihrer Reise erfahren, in 6 
Versen wieder (Dec. s. 579, 17—580) schwä 3, 191,1: 
„Zwen kaufmender rieten vm rat zu Salomo. 
Der erst clagt im, wie er het ein pos weib, also 
Widerspenstig, zenckisch an allen orten; 
Der ander clagt, wie er sein zeit on frewd vertrieb 
Vnd das in gar kein mensch auf ert wolt haben lieb; 
Das zaigtens an all paid mit kurzen worten.“ 
Wie geschickt Sachs zu kürzen versteht, mag noch folgende 
Stelle beweisen. Dec. s. 314,7 heißt es: „Nun hette Jaco- 
mino ein alte meyt vnd einen bedagten knecht genant Cri- 
bello ein genug kurczweylig person mit dem Ginello grosse 
kuntschaft name“ und z. 18 „Mingino mit der meyde sein 
kuntschaft name“. Daraus macht Sachs K. XXII, 487, 9: 
„Mingino dem cuplet die maid, 
Gianello het sein peschaid 
Mit einem alten knecht im haus, 
Der im richt alle potschaft aus“. 
Um die Handlung straffer und einheitlicher zu gestalten, 
faBt Sachs gelegentlich mehrere Vorgänge zusammen. 
Dec. III, 3 kommt die Frau dreimal zu dem Mönch, schwä 
1, 107 nur zweimal. Oder er meidet Wiederholungen. Dec. 
VIII, 3 erzählt Kalandrin seinen Freunden ausführlich, was 
ihm Maczo aufgebunden hat, schwä 2, 333,57 wird dieser 
Bericht nur kurz gestreift. Auch zeitlich konzentriert 
Sachs. Schwä 1,85 wird das Nönnlein in derselben Nacht 
ihrer Unkeuschheit überführt, in der die „kloster frawen“ 
den Edelmann bei ihr einsteigen sehn, Dec. IX,2 geschieht 
es später. Dec. IV,5 schieben die Brüder Lorenzos Er- 
mordung „güt zeit“ auf, K. II, 218 muß er gleich am nächsten 
Morgen sterben. 
Häufiger läßt Sachs Unwesentliches, Episodenhaftes, 
das nur das Interesse von der Haupthandlung ablenken 


30 Erhöhung der Spannung. Personen gestrichen. 30 


könnte, ganz weg. Dadurch wird zugleich das Spannende 
in der Erzählung erhöht. So fehlen: schwä 2,333 die 
Schilderung des Schlaraffenlandes (Dec. s. 475,1); schwä 
2,217 die Beschreibung der wundertätigen Heiligtümer, die 
der Mönch Zwifel beim Vorzeigen der Kohlen (Dec. 405), 
wie die Charakteristik, die er von seinem Diener (Dec. s. 402,2) 
gibt, oder Nebenumstände, wie daß Dec. s. 61 die Frau, die 
Rinaldo Herberge gewährt, die Geliebte eines Markgrafen 
ist, der für diese Nacht zwar seinen Besuch in Aussicht 
gestellt, aber Geschäfte halber wieder hat absagen müssen, 
schwä 4, 387. 

Daß Sachs alles ausgemerzt hat, was sich speziell 
auf italienische Verhältnisse bezieht und für den 
deutschen Leser uninteressant ist, wie etwa K. II, 630 die 
Bemerkung des Dec. s. 75,10 („alsdann die Genoueser von 
natur alle geytig sein“) oder schwä 3, 70 die Fehde zwischen 
Chino und dem Papste (Dec. s. 591), ist selbstverständlich. 
Ebenso sind von Sachs alle Zitate und Beispiele aus Ge- 
schichte und Mythologie gestrichen worden, die sich zahl- 
reich im Dec. finden, vergl. schwä 3, 174 (Dec. s. 42,17 und 
33). Auch lehrhafte Abschweifungen im Text hat er weg- 
gelassen, vergl. stud. II, anhg. 80,55 (Dec. s. 174, 3 ff). 
Dagegen bringt Sachs camal ein Beispiel, das in der Über- 
setzung (Dec. s. 390) fehlt: schwä 4,665, 24 

„Doch von leib auch so vngestalt 

Gleich wie man den Esopum mahlt.* — 
Auch Personen, die keine unentbehrliche Rolle spielen, 
hat er gestrichen, wie den Pfarrer in der Novelle VIII,6, 
wo Bruno und Buffelmacho Kalandrin den Schweinebraten 
stehlen — schwä 4,347 —, oder Nello und Buffelmacho 
„stud.“ II anhg. 1 (Dec. IX,3), oder das Paar Puccio und 
Lagino, das Pasquino und Symona Dec. s. 288,31 in den 
Garten begleitet (K. II, 223) und dessen einzige Aufgabe 
darin besteht, den Tod Pasquinos zu entdecken und Symona 
des Mordes zu zeihen. Bei Sachs heißt es dafür K. II, 224,14 


kurz: 


3] Unmoralisches beseitigt. 3l 


„Auss dem sein todt wurd offenbar.“ 
Ebenso sind K. II s. 221 (Dec. s. 280,20) die Nachba- 
rinnen weggefallen, schwä 3,5 (Dec. s. 273,22) die Kauf- 
leute und schwä 4, 465 (Dec. s. 391,3) der Bauer. Dadurch 
konzentriert Sachs das Interesse stärker auf die Hauptper- 
sonen. 

Eine Reihe von Kürzungen ist auf die Abneigung 
unseres Dichters gegen alles Unmoralische zurück- 
zuführen. Er läßt stets die unsauberen Stellen des Dec. 
weg: so Dec. s. 472, 19—472, 23 und schwä 3, 237, 25; oder 
Dec. s. 556, 16ff. und schwä 3,172 und 1, 77,50; oder Dec. 
s. 300,8 ff. und schwä 4, 262,2. Die Liebesszenen, die in der 
Übersetzung oft einen sehr breiten Raum einnehmen, be- 
schränkt er auf das Notwendigste. Im Dec. V,7 ist aus- 
führlich die Liebe Violantas und des Theodorus geschildert: 
das Entstehen ihrer Zuneigung, der Spaziergang in den 
Garten, das Gewitter, ihre Flucht in eine Scheune, der Aus- 
bruch ihrer Leidenschaft und die Verzweiflung der Liebenden, 
als Violanta sich schwanger fühlt (Dec. s. 351—352). Sachs 
kürzt dies, schwä 4, 353, 9: 

„Die gewan dieser jüngling lieb, 
Ir freud nit lang verborgen plieb; 
Wan sie wart schwanger mit eim kinde —“. 

Ebenso ist die Liebesszene zwischen Rinaldo und der 
gastfreundlichen Frau (Dec. s. 64) — schwä 4,387, 47 — 
auf die Verse beschränkt : 

„Nach dem schlieff er pey ir die nacht: 
Da wurden ringer im sein schwere sorgen“. 
Die andere Bearbeitung — K. II 285,30 — spricht über- 
haupt nicht von Liebe: 
„So hat Rinaldus da erworbn 
Ein gute herberg auff die nacht.“ 
Ebenso Dec. s. 468,34 und schwä 5,700, 49 oder Dec. s. 
96, 37 u. K. II, 231, 28. 

Sind diese Kürzungen in der größeren Mehrheit ange- 

bracht und wohlgelungen, so wären andere besser unter- 


32 Es schwinden effektvolle Szenen 39 


blieben. Dec. VIII,6 zeigt Kalandrin Buffelmacho und 
Bruno voll Stolz seinen „schweinen pachen“. Bruno macht’ 
den Vorschlag, den Braten zu verkaufen, sich mit dem Erlös 
einen- guten Tag zu machen und Kalandrins Frau vorzu- 
spiegeln, das Schwein sei gestohlen worden. Kalandrin 
kann sich hierzu nicht verstehen. Bruno und Buffelmacho 
entwenden ihm deshalb den Braten. Sehr wirkungsvoll 
ist es nun, wenn Bruno sich am nächsten Morgen, als Ka- 
landrin sie von dem Diebstahl unterrichtet, stellt, als sei 
er überzeugt, Kalandrin habe seinen Rat befolgt, das Schwein 
verkauft und heuchele nur ‘den Diebstahl, Dec. s. 491,5: 
„im in das ore raunet vnd züim sprach: Es ist eyn wundere 
das ich dich ein fart in allen deinen tagen hab weiß ge- 
sehen.“ Diese ganze effektvolle Szene läßt sich Sachs schwä 
4,347 durch seine Kürzung entgehen. Daß der Dichter 
schwä 3,190 die Strafe der Magd wegläßt, die Dec. VIII, 7 
als Sühne für ihre Mitschuld an der Äfferei des Studenten 
ein Bein bricht, befriedigt unser Gerechtigkeitsgefühl durch- 
aus nicht. Ungern entbehren wir auch in demselben Meister- 
gesange, daß die Frau dem Studenten den Streich spielt, 
um ihrem Buhlen einen Beweis ihrer großen Liebe zu geben, 
und bedauern, daß auch das Tragisch-Ironische in Wegfall 
gekommen ist, das darin besteht, daß die Frau die verlorene 
Gunst eben dieses Buhlen durch die Hilfe des Studenten 
wiederzuerlangen hofft. 

So sind mitunter durch die Kürzungen auch Unklar- 
heiten entstanden, Folgen des flüchtigen Arbeitens, zu dem 
sich Sachs bei seiner überreichlichen Produktion in den 
40. Jahren gezwungen sah. Dec. IV,10 ist der Arzt, als 
er seinen „twalme dranck“, den der Buhle seiner Frau ge- 
trunken hat, nicht mehr vorfindet, „gar zornig vnd langes 
romore machet“. Dadurch erfährt die Frau die Ursache des 
Scheintodes ihres Geliebten. Diese Szene ist schwä 4,262 
weggefallen, und es ist durchaus unverständlich, woher die 
Arztin ihre Kenntnis hat, wenn es v. 41 heißt: 


„Die sach west nimant, den die ercztin vnd ir maid.“ 


33 und entstehen Unklarheiten. 33 


Statt der eindeutigen Bestimmung im Dec. I, 3, wonach der 
Ring sich sets auf den ältesten Sohn vererben soll, bringt 
schwä 4,240, 19: 

„Der peschüf in seim thestamente 

Den ring dem sune in sein hente. 

So plieb der ring pey seim geschlecht, 

Ein ider vatter schuef eim sine“. 
Gelegentlich kommt Sachs ganz iiberraschend und unmoti- 
viert mit etwas Neuem, auf das er auch nicht vorbereitet. 
So schwä 3, 153, 14: 


„Ein rayte durch ein finster holcz, 
Die mörder auf sie paide stießen“ 


oder v. 53 
„Petrüs wart von der hirten schar“. 
Schuld an diesen Unklarheiten sind die starken Kürzungen, 
bei denen er die deutliche Vorbereitung der Situation überging. 
Hin und wieder finden wir auch eine Kürzung, die ge- 

eignet ist, eine Geschichte inhaltlich von Grund aus zu 
ändern. Dec. II,5 gibt sich die Buhlerin Andreuczo gegen- 
über als eine illegitime Schwester aus. Schwä 4, 261 ist 
dies durch die starke Kürzung verloren gegangen. Hier 
geht Andreuczo nur durch die Aussicht auf eine Schäfer- 
stunde in die Falle, v. 6: 

„Das dawcht in gar wol geratten. 

Die fraw entpfing in mit petrueg. 

Sie aßen. Als sie nin gingen zw pette — — “. 
Derartige durch Auslassungen entstandenen Anderungen 
finden sich immerhin nicht allzu häufig. 


2. Änderungen. 


Nichts Seltenes sind dagegen bei Sachs gewollte Ände- 
rungen. Sie entspringen vor allem dem Bedürfnisse zu 
bessern. Dies Streben nach Vervollkommnung äußert sich 
darin, Unwahrscheinlichkeiten des Dec. auszu- 
merzen. Im Dec. s. 145 verläßt Ambrogiolo den Kasten, 
in dem er sich in die Kammer Geneuras hat tragen lassen, 


Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 3 


34 Beseitigung von Unwahrscheinlichkeiten. 34 


zündet ein „klein liechtlein* an und schaut sich „alle gele- 
genheit der kamern“ an. ,Darnach sich zi dem pette 
nachent — — — do die frawe — — — schlieffe, die er 
gar gemelichen aufdeckte*. Diese Unwahrscheinlichkeit, daß 
Ambrogiolo mit einem brennenden Lichte sich eine Kammer 
ansieht und die schlafende Geneura sogar aufdeckt, ohne 
daß diese erwachen soll, beseitigt schwä 4,294, 14:' 

„Zw nacht stünd er auf pey des mones scheine, 


Peschint die Kamer ueberal 
Der gleich das weib im pette“. 


In derselben Dec. Novelle, s. 146,13, wird Ambrogiolo in 
seinem Kasten erst am dritten Tage abgeholt („darnach an 
dem dritten tage — — — das alte weybe wider nach irem 
kasten kame“). Auch diese Unglaubwürdigkeit, daß ein 
Mensch, der sich dabei noch vor jedem Geräusch hüten 
muß, durch das er seine Anwesenheit verraten könnte, drei 
Tage in einem engen Schrein zuzubringen vermöchte, ist bei 
Sachs geschwunden. Er läßt den Kasten bereits am nächsten 
Morgen abholen, schwä 4,294, 21: 
„Frw holt die alt den schrein“. 
Recht unwahrscheinlich ist es ferner Dec. VIII,3, wenn 
Bruno und Buffelmacho den Kalandrin, der sich im Besitze des 
schwarzen Steines glaubt und für unsichtbar hält, während 
des ganzen Weges vom Bache zur Stadt mit Steinen be- 
werfen. Gegen den ersten Steinwurf, den auch H. Sachs 
bringt — schwä 2,333, 123 —: 
„Ich wolt, das im vur seine dueck 
Der stain flueg hinden in den rueck !“ 
ist nichts einzuwenden, aber wenn Kalandrin immer wieder 
von den Steinen getroffen wird, muß er doch schließlich an 
der wundersamen Kraft seines schwarzen Steines zweifeln 
und merken, daß seine Gesellen ihn nur zum besten halten. 
Darum begnügt sich Sachs schwä 2,333, 134 mit einem: 
„Die zwen gingen von ferr hinach 
Vndfitechten im mit posen worten.“ 


Psychologisch viel wahrscheinlicher ist es auch schwé 2,121, 27, 


35 Wirkungsvolles Umgestalten von Situationen. 35 


daß der Koch verlegen wird, als sein Herr ihn wegen des 
fehlenden Kranichflügels zur Rede stellt: 
„Der koch west nicht, was er solt sagen, 
Vnd det sein augen vnterschlagen“, 

als daß er wie Dec. s. 388,15 sofort mit einer Antwort bei 
der Hand ist: „Dem der lugenhaftig Venediger schnell ant- 
wurt vnnd sprache“. Auch schwä 3,6 hat im Vergleiche 
zu der Übersetzung die wahrere Psychologie für sich. Dec. 
s. 284,9 sucht die Frau beim Tode Gabriottos erst ihre 
Magd auf, dann schmückt und beklagt sie den toten Ge- 
liebten und sinkt schließlich, als sie sich von seiner Leiche 
trennen soll, in Ohnmacht. Bei Sachs dagegen ruft der 
große Schmerz über Gabriottos plötzlichen Tod sofort eine 
Ohnmacht der Frau hervor, schwä 3, 6, 108: 

„In dem do kam zw ir die meit gar clüge, 

Den dotten jüngling sie gar palt erblicket, 

Dar pey ir fraw lag in amacht“. 
Als eine psychologische Verbesserung ist auch die oben 
(s. 29) erwähnte zeitliche Konzentration anzusehen. Denn 
die Ermordung Lorenzos gleich am nächsten Morgen (K. II, 
218) entspricht weit eher dem Grimm der Brüder als das 
Aufschieben der Rache bis zu einer günstigen Gelegenheit 
(Dec. s. 278, 20). 

Auth im kleinen äußert sich das Bestreben des Dichters, 
Unwahrscheinlichkeiten zu beseitigen. Dec. s. 413,15 hat 
die Frau für ihren Geliebten ,czwen Capaun“ und „hundert 
charachilli* im Garten verborgen. Sachs muß diese Anzahl 
Eier etwas reichlich für ein Abendmahl erschienen sein und 
schwä 3, 118, 52 schreibt er darum: „etlich charachili“. 


Andere Verbesserungen bestehen darin, daß H. Sachs 
Motive und Situationen des Dec. durch Änderungen viel 
wirkungsvoller gestaltet. Unter diesem Gesichts- 
punkte sei hier Dec. VIII,3 mit schwä 2,333 verglichen. 
Im Dec. will Maso Kalandrin einen Streich spielen. Eine 
passende Gelegenheit bietet sich, als er eines Tages in einer 

3% 


36 Wirkungsvolles Umgestalten von Situationen. 36 


Kirche Kalandrin im Betrachten einiger Gemälde vertieft 
sieht. Mit einem eingeweihten Gesellen nähert er sich ihm, 
stellt sich, als bemerke er ihn nicht und beginnt von den 
schwarzen, unsichtbar machenden Steinen zu erzählen. Ka- 
landrin hört dies, gesellt sich zu ihnen, lauscht Masos Worten 
und richtet dann an ihn die Frage, wo die seltsamen Steine 
zu finden seien. Wir sehen also im Dec. bei Maso von 
vorneherein die Absicht, Kalandrin einen Streich zu spielen. 
Bedeutend hat bei Sachs die Geschichte dadurch gewonnen, 
daß die Düpierung Kalandrins improvisiert ist. Maso hat 
mit einem Freunde „heimlich zv reden“. Kalandrin sucht 
in seiner Neugier etwas von ihrer Unterhaltung zu erhaschen, 
sich an sie heranzuschleichen. Maso bemerkt ihn aber und 
einer Eingebung des Augenblicks folgend erzählt er seinem 
Freunde von den schwarzen Steinen — schwä 2, 333, 16: 

„Das merckt Maczo vnd lies mit rw 

Sein red, fing an mit ander schwencken, 

Darmit das kuemawl an zv hencken“. 
Im Dec. gesellt sich einfach, ohne alle Umstände, Kalandrin 
zu Maso (Dec. s. 474,34 „sich czü in gesellet*). Bei Sachs 
— schwä 2, 333, 25 — will sich Kalandrin, um nur ja etwas 
tiber die schwarzen Steine zu erfahren, durch einnehmende 
Höflichkeit in Masos Gunst setzen: 

„Vnd thet sich voren zv hin keren : 

Vnd thet in reuerenz mit eren“. 
Während Maso Dec. s. 274,36, nachdem Kalandrin hinzu- 
gekommen ist, ruhig in seiner Rede fortfährt, bricht er 
schwä 2, 333 geheimnisvoll ab, sodaß Kalandrin fragen muß, 
v. 28: 


„O berr, wo fint man dein stain, 
Darmit man sich vnsichtig macht?“ 


Muß das Abbrechen des Gespräches jedes etwaige Mißtrauen, 
daß es sich hier um einen zu seiner Düpierung abgekarteten 
Plan handle, bei Kalandrin verscheuchen, so ist die Neugier 
und das Verlangen, Näheres über die schwarzen Steine zu 
erfahren, viel deutlicher und wirkungsvoller gezeichnet als 


37 Ubersichtlichkeit. 37 


in der Übersetzung. — Maso gibt hierauf Auskunft über 
die schwarzen Steine. Kalandrin entfernt sich, um Bruno 
und Buffelmacho aufzusuchen. Recht glücklich ist es schwä 
2,333, 41 getroffen, daß Maso ihm noch die Worte auf den 
Weg gibt: 

„Doch schweigt vnd sagt nimant darfon 

Das ich euch solichs gesagt hon!“ 
Damit verleiht er seiner Rede unbedingte Glaubwiirdigkeit. 
Kalandrin wird nun beim Suchen des schwarzen Steines von 
Bruno und Buffelmacho zu dem Glauben gebracht, er habe 
ihn gefunden. Er halt sich fiir unsichtbar und wandert 
zur Stadt. Der vorher von den beiden Gesellen unter- 
richtete Zöllner am Tor hält ıhn nicht an und stellt sich, 
als ob er ihn nicht sähe. Sachs bringt einen neuen effekt- 
vollen Zug in die Szene, indem er den „Zolner“ zum Ge- 
vatter Kalandrins macht, v. 139): | 

„Welcher doch sein gefater was“. 
Wenn der ihn beim Passieren des Stadttores nicht grüßt, 
dann muß er doch ohne Zweifel unsichtbar sein. 

Wir haben bereits oben (s. 29) Sachsens Kompositions- 
kunst kennengelernt, wie er durch Weglassen von Neben- 
sächlichem die Handlung auf ein Hauptmotiv zu konzen- 
trieren sucht. Diese Handlung will er aber auch über- 
sichtlich gestalten. Dec. s. 220 wird das Begräbnis 
Ferondos erzählt, dann beauftragt der Abt den Mönch, den 
Bauer in das Gewölbe zu schaffen, hierauf folgt der Verkehr 
des Abtes mit der Bäuerin und schließlich Ferondos Aufenthalt 
im Fegfeuer. Sachs dagegen berichtet (schwä 3,22) von 
Ferondos Tod, dann von dem Besuch des Abtes bei der 
Bäuerin und hierauf erst (v. 59) von seinem Auftrage an 
den Mönch und den ferneren Schicksalen Ferondos. Er 


1) v. 172 hat Sachs diese Gevatterschaft nicht mehr im Gedächtnis 
gehabt. Dort heißt es: 
„Da mich der Zolner nit gsehen hat, 
Der almal nach dem zol thüet fragen, 
Wen er sicht ainen etwas tragen.“ 


38 Planmäßiges Arbeiten. 38 


vermeidet also ein Überspringen von Person zu Person und 
führt den Mönch an der Stelle in die Erzählung ein, wo er 
nötig ist. Dadurch wird das Interesse des Lesers nicht 
vorher abgelenkt, und die Geschichte gewinnt an Übersicht- 
lichkeit. Ebenso treten Bruno und Buffelmacho erst schwä 
2,333, 50 in die Erzählung ein, während Dec. s. 474,14 
bereits von ihnen die Rede ist, obgleich sie erst s. 476, 5 
in die Handlung eingreifen (s. auch Geiger a. a. O. s. 17). 
Umgekehrt bringt Sachs auch schon an früherer, pas- 
senderer Stelle, was im Dec. erst später erzählt wird. Bei 
ihrem Besuche trifft Gioüana — Dec. s. 365, 23 — Alberigo 
an, als er seinen Garten bestellt. Doch ist diese Bemerkung 
nur so nebenbei gemacht. H. Sachs stellt sie an den Anfang, 
wo er von Alberigos Armut spricht und verwendet sie ge- 
schickt, um dessen Dürftigkeit in ein richtiges Licht zu 
setzen: 
schwä 3, 149, 19 „Und nert sich aus aim clainen garten 
Des er auch thet mit arbeit warten“. 
Besonders zu Beginn einer Geschichte zieht Sachs aus der 
in der Übersetzung gegebenen Charakteristik der handelnden 
Personen gern das treffendste und für die Erzählung be- 
deutungsvollste Wort zur sofortigen Orientierung des Lesers 
an den Anfang: 
schwä 3,121, 1 „ein riter sase, | Der ein ser guter waidmann wase“ 
(Dec. VI, 4); 
stud. II anhg. 30,8 ,,ein fuesknecht, | Von leib dem ku’nig gancz ge- 
leich“ (Dec. IIT, 2); 
oder schw& 4, 419,1 ,zwen schwarozer“ (Dec. IX, 8). 
Sachs arbeitet auch planmäßig auf den Schluß hin und moti- 
viert ihn im Verlaufe seiner Erzählung. Dec. IV,1 ist der 
Leser lange im unklaren, ob und wie Tancred Guiscardus 
bestrafen wird. Nicht so bei Sachs. Wenn bei ihm schwä 
3,4,104 „der herr in großem zoren wüt“, so überrascht es 
keineswegs, wenn der Fürst v. 115 droht, daß Guiscardus 
„mus lan sein junges leben“, und diese Drohung dann in 
dem Tode des Jünglings ihre Erfüllung findet. 


39 Poetische Gerechtigkeit. 39 


Verschiedentlich sind die Anderungen der poetischen 
Gerechtigkeit zuliebe erfolgt. Strafe und Schuld stehen 
bei Sachs stets im richtigen Verhältnis. Der Geiz des 
Inquisitors findet Dec. I,6 in den die Habgier der Geist- 
lichkeit tadelnden Worten des Bürgers seine Strafe, die aber 
dadurch sehr abgeschwächt wird, daß der Bürger (Dec. 
g. 42,28) dem „münch mit einer güten sum die hende salben 
thett“. Bei Sachs dagegen erhält der Inquisitor kein Geld 
und muß obendrein noch die Wahrheiten einstecken, die ihm 
der Bürger sagt. 


Personen, denen bei unserm Dichter ein Streich gespielt 
wird, verdienen ihn auch, im Gegensatz zu Dec., wo oftmals 
ein Unschuldiger leiden muß. Dec. VIIIL,3 wird Kalandrin 
von Maso nur um seiner Einfalt willen zum besten gehabt. 
Schwä 2,333 hat er es sich dagegen selbst zuzuschreiben, 
wenn er geäfft wird, da er, „aus der massen gar firwiczig“, 
durch seine Neugier Maso ein Recht dazu gibt. Dec. III, 3 
betrügt die Frau ihren Mann aus dem wenig stichhaltigen 
Grunde, daß sie „meinet kein mann von sölcher nieder ge- 
purt — — — ir wirdig were“. Schwä 1,107 hat sich der 
Mann jedoch die Untreue seiner Frau selbst vorzuwerfen, 
da er sie durch sein Benehmen dazu treibt. Ist er doch, v.5: 


„vralt vnd gronet ser 
vnd eyffert ie lenger ie mehr“. 


Catellina verdient — schwä 4,474 — den Streich, der ihr 
von Riczardo gespielt wird, umso mehr, als sie diesen stets 
zum besten gehabt hat, v. 4: „die aber deglich ir gespöt 
nür aus im trieb“. (Dec. III, 6 fehlt dies) Für Kalandrin 
ist Dec. IX,5 die Tracht Prügel, die ihm von seiner Frau 
zuteil wird, ganz angebracht, da er ja seinem Weibe mit 
Philippos Geliebten untreu werden wollte. Sachs vergrößert 
noch Kalandrins Schuld, wenn er ihn — schwä 4, 466,3 — 
die Rolle eines renommistischen Liebhabers spielen läßt, der 
es auch sonst mit der ehelichen Treue nicht allzu genau 
nimmt: | 


40 Poetische Gerechtigkeit. 40 


„Der — sich ruemet pulschaft gros: 
Wo er war ueberale 

Er alle weib nur pulen wolt 

Vnd sich ein pueler schrieb“. 


Verschärft Sachs so Strafe oder Schuld, so mildert er ander- 
seits die Strafe, wenn sie in keinem richtigen Verhältnis 
zur Schuld steht. Dec. III,8 muß der Bauer wegen seiner 
Eifersucht ‚„zehen moneten“ im Fegfeuer bleiben und wird 
außerdem noch von seiner Frau mit dem Abte betrogen. 
Diese allzu harte Strafe ermäßigt Sachs. Der Bauer wird 
schwä 3, 22, 111 nur „pey sechs wochen“ im Fegfeuer ge- 
halten. 


Personen, die schuldlos sind, gehen auch straffrei aus. 
Dec. I, 6 befriedigt es unser Gerechtigkeitsgefühl keineswegs, 
wenn der unschuldige Bürger dem habgierigen Inquisitor 
eine Summe Geld gibt. Schwä 3,174 fehlt dies darum. Der 
Bürger geht ohne Geldbuße aus. Dec. I,3 ist der Jude 
Melchisedech „on mase geytig’. Es ist darum auch ganz 
berechtigt, daß er dem Sultan, wenn auch ohne Zwang, auf 
seine Bitte das erforderliche Geld vorschießt. Eine Art von 
Strafe für seinen Geiz ist dieses freiwillige Vorstrecken der 
Summe doch. Schwä 4,240 ist der Jude ohne Fehler. Darum 
fällt auch das Vorschießen des Geldes weg. Ohne dem Sultan ° 
etwas geliehen zu haben, darf sich Melchisedech entfernen. 


Personen, die unschuldig leiden müssen, werden wenig- 
stens einigermaßen dafür entschädigt. Dec. VIII, 3, s. 479 
prügelt Kalandrin sein Weib, weil er glaubt, sie habe dem 
schwarzen Steine die Kraft genommen, unsichtbar zu machen. 
Im Sinne der Gerechtigkeit läßt Sachs die unschuldige Frau 
ihrem Manne Widerstand leisten, schwä 2, 333, 158: 

„Vnd sie mit fewsten plewen war, 

Der gleichen sie in widerumb“. 
Und zwar setzt sie sich tüchtig zur Wehr; muß doch Ka- 
landrin v. 191 gestehen: 


„Wie wols mein auch nit hat gefelt, 
Mein har vnd part auch wol gestrelt‘“. 


41 Vorliebe für deutsche Verhältnisse. 41 


Gleichsam als Ersatz für die zu unrecht erlittenen Prügel 
wird Geonello (Dec. IX, 8) schwä 4, 419,62 von Ritter Phi- 
lippo zum Essen eingeladen und mit Ciecco, dem er die 
Prügel verdankt, wieder versöhnt: 


„Der her sprach: So zieht schaden ab gen schaden; 
Est beide mit mir zv nacht“. 


So erhält die Geschichte bei Sachs einen versöhnlichen Schluß. 
Auch von Dec. I,3, der Geschichte von den drei Ringen 
(schwä 4,240, 45), gilt dies. Da nicht festzustellen ist, wer 
der Besitzer des echten Ringes ist: 


„so pliebens all drey vngeschieden, 
Dailten das güet freüntlich mit frieden“. 


Manche Änderungen sind durch die Verlegung des Schau- 
platzes nach Deutschland bedingt worden, wodurch Sachs 
die Geschichten heimischer gestalten wollte. 

Dec. IX,5 spielt bei Sachs — stud. II. anhg. 1 — in 
einem deutschen Dorfe. Statt des Kiinstlerlebens im Dec. 
haben wir bäuerisches Leben und Treiben vor uns, derbe 
Sitten und eine fast rohe Sprache. Kalandrin, hier Eberlein 
Dildapp !), ist zu einem alten Bauern geworden. Grob- 
bäuerisch sucht er sich der Wirtin, die hier die Stelle der 
Maitresse Philippos ersetzt, zu nähern und empfängt eine 
gebührende Abweisung, v. 7: 

„Als er ir mit der hant 

Darzw grieff, gab sie im ain schlack 

Auf seinen nack, 

Das er fiel an die want, 

Im auch die stiegen nab 

Ein gros scheitholcz nachwerfen dette“. — 


Doch selbst diese derbe Zurückweisung kann den beschränkten 
Eberlein nicht zum Abstehn von seinem Werben bewegen. 
Vielmehr hält er sie gerade für ein Zeichen von Liebe und 
sendet seinen Freiwerber zu der Wirtin. Und sein Nachbar, 


1) cf. Schmeller, Bair. W. B. I, 499,500; Grimm W. B. II, 1151; 
Lexer Mhd. H. W. B. I, 424. 


42 Vorliebe für deutsche Verhältnisse, 42 


der „das wort pey der wirtin thon solt“, paßt durchaus 
in das Milieu des deutschen Dorfes hinein, v. 17: | 
„Er war huertig vnd geschickt, 
Sein huet mit hannen federn zirt, 
Sein stiffel gschmirt 
Vnd sein hosen geflickt“. 


Auch Dec. X,2 ist nach Deutschland verlegt. Der Abt von 
Klingen ist — schwä 3,70 — einem bayrischen Abte von 
Ranshofen gewichen. Der edelmütige Chino, der im Dec. 
den Abt nur gefangen nimmt, um durch ihn eine Versöhnung 
mit dem Papste herbeizuführen, ist zu einem deutschen 
Raubritter geworden, dem es allein auf die Börse des Abtes 
ankommt. 

Dasselbe Streben Sachsens, die Novellen heimischer zu 
gestalten, sie deutschen Verhältnissen anzupassen, sie dem 
deutschen Publikum näher zu bringen, lassen zahlreiche 
kleine Änderungen erkennen. So wenn er das unverständ- 
liche „in cursu gen“ der Übersetzung (Dec. VIII,9) durch 
den „Venusberg“ ersetzt — schwä 1,78 — oder wenn er 
statt Dec. 1V,2, wo der Mönch mit Honig bestrichen und 
dann gefedert wird, schwä 4, 260,51 sagt: „Er legt in an 
wie ain holezmon“. K. II,216, 25 sucht er das Interesse 
für Lorenzo, der Dec. s. 277,35 ein Pisaner ist, dadurch zu 
erhöhen, daß er ihn zu einem Deutschen werden läßt: 


„War Lorentzo genandt, 
War geboren aust teutschem landt‘“. 


Die Lampreden (Dec. s. 575,28) werden zu „hecht“ (schwä 
4,419,8), die „zweige von basilicho salaritano‘“ (Dec.s.280, 11) 
zu einem „schmecket kraut“ (K. II, 221, 1), das ,,windspiel“ 
(Dec. s. 283,16) zu einem ‚gräusamen würme ... in eines 
drachen fürme“ (schwä 3,6, 75). Benachrichtigt der Abt 
Dec. s. 220,26 die Freunde Ferondos von dessen Ableben, 
so sendet er schwä 3, 22, 49 „nach der freüntschaft‘‘, ebenso 
K. II, 245, 26 (Dec. s. 358, 34), K. II, 248, 32 (Dec. s. 361,32), 
K. II, 227,17 (Dec. s. 91,20). Geht Lisabetta Dec. s. 279, 29 


43 Einfluß des Volksliedes. 43 


„spacziren für die stat“, so begibt sie sich K. II, 219,33 
„in den garten‘ (s. auch Geiger a.a.Q. s. 26). 

Der beliebteste Baum des deutschen Volksliedes ist die 
Linde. Freud und Leid sieht sie, Liebesglück und Liebes- 
pein. Unter ihr treffen sich die Liebenden (Uhland „Volks- 
lieder‘ nr. 89. 101. 116), unter ihr fließt aber auch Blut, 
da tötet der Buhle den Gatten seiner Geliebten (nr. 123), 
da begeht ein Liebespaar in Folge einer unseligen Ver- 
kettung von Umständen Selbstmord (nr. 90). 

Diesen mit dem deutschen Volksleben innig verbundenen 
Baum hat Sachs in seine Dichtungen herübergenommen. Er 
ist bei ihm der Ort, an dem Schreckliches vor sich geht 
(Uhl. nr. 95). Dec. s. 278, 25 wird Lorenzo von den Brüdern 
Lisabettas „an eyn gar eynig verborgen end“ getötet, schwä 
3,3, 93 vollzieht sich der Mord „bey ainem linden pamen‘, 
und unter der ,,praiten linden“ ') wird die Leiche auch ein- 
gescharrt. Diesen letzten Zug hat schon die frühere Bear- 
beitang von Dec. IV,5, wo — K. IT, 216 — Lorenzo zwar 
noch nicht unter der Linde ermordet wird, aber seiner Ge- 
liebten im Schlafe erscheint und ihr mitteilt: 

„Mein leib leyd in dem walt verborgen 
begraben unter einer linden“ (K. II, 219, 23). 
Auch Gabriottos furchtbaren Traum, den dieser Dec. s. 283, 8 
in „eynem schönen grünen lustigen walde‘“ hat, verlegt der 
Dichter schwä 3,6,70 unter eine Linde: „ich ruen kam | 
Vnder ein linden palde“. i 


Ein andrer Ort, wo bei Sachs — wie auch im Volks- 
liede, vgl. Uhland nr. 74 — unheilvolle Szenen spielen, ist 
der „finstere wald“. In der ersten Bearbeitung von Dec. 
‘ IV,5 wird Lorenzo — K. II, 218,21 — dort getötet, und 
Fortaringo (Dec. 561, 1) gibt schwä 2, 246, 93 an, „in genem 
finstren walde mit gweltiger hant“ beraubt worden zu sein. 


1) Vergl. Uhland „Volkslieder“ nr. 116: 
„Es stet ein lind in jenem tal, 
ist oben breit und unden schmal“. 


44 Derbere Komik. 44 


Ofters ist jedoch an den ,finstren walt“ kein Unheil ge- 
knüpft. So jagt König Karl (Dec. s. 614,12 „über land 
reytt“) ,durch einen finstern walt“, K. XXII, 418,11, und 
statt durch „eyn kleynes wäldlin* (Dec. s. 312,1) „refieret* 
Cymon „durch ein finstren walt“, K. II, 207, 12. 

Eine Reihe von Änderungen hat Sachs vorgenommen, 
um eine derbere komische Wirkung zu erzielen. So 
wenn das Konfekt, mit dem Dec. VIII,6 Kalandrin zum 
Dieb seines Schweinebratens gemacht wird und das dort aus 
überzuckerter aloe nnd „hunczkote* hergestellt ist, schwä 
4, 347,36 nur aus „hündzdreck mit Zucker vberzogen“ be- 
steht oder wenn der Abt, den im Dec. S. 591,20 „eyn 
kranckheit in dem magen angestossen was“, sich dieses 
Magenübel schwä 3, 70,4 durch Unmässigkeit zugezogen hat: 

„Der ass und dranck das aller pest, 
Das er wart faist und wolgemest, 
Gros wie ein kachelofen. 

Zwleczt wirt im eng vmb die pruest, 
Vnd mocht gar nimer essen, 

Allein het er zw drincken luest“. 


Die Hungerkur, der sich Dec. X,2 der Abt unterziehen 
muß, nennt Sachs schwä 3,70,31 ,druecken paden“. Der 
versöhnliche Schluß von Dec. VIII, 3 erfährt eine humor- 
volle Umgestaltung, wenn H. Sachs skeptisch zufügt, schwä 
2, 333, 207: 

„so machten die zwen wider fridt. 

Wie lang das wert, das wais ich nit“. 
Ähnlich bei der Szene Dec. IX, 5, die in ein deutsches Dorf 
verlegt ist. Geht dort (Dec. s. 568) Bruno straffrei aus, so 
fällt hier dem Ullen Lapp, der seine Stelle eingenommen 
hat, sein nicht unverdienter Anteil an den Prügeln zu, stud. II, 
anhg. 1,60: 

„sein nachpaur daidigt drunder ser, 

Die fraw vom mann ablies 

Mit worten an nachtpawren kom, 

Peim har in nom, i 

In zv der thu‘er austies“, 


45 Konsequenz. Matte Umbildungen. 45 


Köstlich ist auch eine andere Änderung in derselben Novelle. 
Dec. IX, 5 erheitert Kalandrin am Tage Nicolosa mit seinem 
Geigenspiel, stud. IIT anhg. 1 wird Eberlein Dildapp von 
seinem Nachbarn zu einem nächtlichen Ständchen angestiftet: 
v.25 „Macht im das mawl, 

Das er ging hin zv nacht 

Mit der fidel hoffirt 

Der wirtin und det darein singen. 

Ein weise kacz, die sas, 

Im kammer fenster, da maint er, 

Die wirtin wer 

Da im zv horen was, 

Erst er sich waidlich dirt, 

Schrir: ,,jw jw jw“ und det aufspringen“. 

Unwesentliche Anderungen finden sich natiirlich 
zahllos bei Sachs, z. B. wenn das Gottesurteil Dec. S. 491,31 
morgens vor der Kirche stattfindet, schwä 4, 347,25 „zv 
nachte in der kirchen“; wenn Kalandrin die Verschwiegen- 
heit Brunos und Buffelmachos Dec. S. 494,29 mit „eyn güt 
par capaun“ erkauft, schwä 4, 347,49 dagegen mit „zwen 
güelden hie zv verdrincken“, oder wenn Dec. 8. 467 die 
Frau gleich bei der ersten Werbung bereit ist, Gwilfardo 
ihre Liebe fitr Geld zu schenken, schwä 5,700,9 sie ihm 

anfangs ganz versagt und erst später einwilligt. — 

Hat Sachs eine Änderung vorgenommen, so führt er 
sie auch konsequent durch. "Weil die „nacht finster waz“ 
stößt Dec, s. 549, 38 Rinuczo mit Alesander auf dem Rücken 
überall an. Bei Sachs, schwä 2,218 leuchtet aber „hell des 
mones schein“. Trotzdem streifen die beiden „an allen 
hewsern“ an, denn Rinuczo — v. 119 — ,wolt an des 
mones schalten gon“. 

Wie bei den Kürzungen ist Sachs auch bei seinen Än- 
derungen mitunter zu weit gegangen, und manch effekt- 
voller Zug des Dec. hat durch ibn ‘eine matte Umbil- 
dung erfahren. Dec. 8.591, 17 erhält der von Chino in eine 
Kammer mit trockenen Bohnen gesperrte Abt täglich „czwu 
schniten geröstes brot vnd eyn gros glas mit wein“. Sachs 


46 Sentimentalisch - Volkstiimliches. 46 


läßt ihm Tag für Tag nur „drey arbeis* verabreichen. 
Diese Übertreibung vermag uns aber durchaus nicht als 
Ersatz für die komische Situation des Dec. zu dienen, wo 
der verwöhnte Abt seinen Hunger mit den in der Kammer 
befindlichen trockenen Bohnen stillt. Wenig glücklich ist 
auch schwä 4,466 die Umwandlung der Maitresse Philippos 
(Dec. IX, 5) in ein „edel weib“. Abgesehen davon, daß sich 
eine Edelfrau kom zu dem dort erzählten Streiche her- 
geben dürfte, büßt durch diese Änderung die Geschichte 
sehr an Komik ein; beruht doch ein guter Teil der Wirkung 
von Dec. IX, 5 darauf, daß Kalandrin die Maitresse für die 
rechtmäßige Gattin Philippos hält. 

Gelegentlich ist auch eine Änderung auf das senti- 
mentalisch-volkstümliche Element zurückzuführen, 
das ja in Sachsens Frühgedichten stark vorherrscht (s. oben 
s. 23). Dec. IV,5 finden Lisabettas Brüder in dem Scherben 
Lorenzos Haupt und begraben es. Ihre Schwester stirbt 
vor Herzeleid. K. II,221,35 erhält Lisabetta zwar den 
Scherben wieder zurück, aber ohne des Geliebten Haupt. 
Sie stirbt. „Da loff zu alles volck gar schnell“. Die Magd 
unterrichtet die Leute von den Vorfällen. Man gräbt Lo- 
renzos Leichnam aus. Auch sein Haupt wird gefunden, und 
ein Grab eint die Liebenden im Tode. 


3. Zusätze. 


Zahlreicher als die Änderungen sind die Zusätze, die 
durch das Sentimentalisch - Volkstümliche hervorgerufen 
worden sind. Berichtet z.B. Dec. s. 287,7 kurz, daß An- 
dreola „in eyn heyliges frawenkloster mit irer meyd kam 
— — beyde lange zeit darinn nunnen lebten“, so finden wir 
dafür schwä 3, 6, 187 eine eingehende Schilderung ihres 
Klosterlebens: 

„Sie det sich willig in ein closter geben, 
Darin da fürt sie gar ein strenges leben: 
Das selb sie als gedultiktichen lide. 
Darzw lag sie auch alle nacht 


AT Veranschaulichung von Situationen. 47 


Kin gancze stiinde in amacht, 
Darin ir hercze lieb verschiede. 
Sie wart auch frolich nymer mer, 
Sie het kein freüd, kein wüne, 
Sie war alzeit bedriebet ser, 
Deglichen sie beweinte 
Pis an ir ent irs herczen liebes dot“. | 
Sonst finden wir in den Zusätzen, die Sachs macht, in 
erster Linie das Bestreben, die Darstellung des Dec. zu 
veranschaulichen. Er sucht dies einmal zu erreichen, 
indem er Situationen und Zustände, welche die Übersetzung 
nur andeutet, ausführt. Ein lebendiges Bild erhalten wir 
davon, wie der Buhler Dec. s. 549, 35 den vermeintlich toten 
an „peyden füssen nam auss dem grabe zoch“, wenn wir 
schwä 2, 218,106 lesen: 
„pein füesen numb 
Vnd aus dem doten grab in schlepet, 
Der kopff im hindenach hin klepet, 
Auf der erd hin vnd wider schlueg“. 
Mit klarster Deutlichkeit ist der Heimweg Kalandrins ge- 
zeichnet, (Dec. s. 478,32 „mit grosser eile zü haus füget“) 
schwä 2, 333, 140: 
„So keichent vnd plassent sein stras 
Kam er gezogen in sein haus, 
Mit stain peladen vberaus, 
Hellig vnd müed, aller driffnas 
Von schleim vnd wasser dropfen was“, 
und statt einer kurzen Notiz Dec. s. 102,11 „vnd zürichtet 
grosse freude vnd hochzeite mit stechen vnd turniren“* läßt 
die Sachssche Schilderung des Freudenfestes an Anschau- 
lichkeit nichts zu wünschen übrig (K. II, 234, 25): 
„Das hofgsind kam und wünschet glück. 
Da ward ein jubel und frolocken, 
Manch muter-hertz inn freuden schocken 
Ein freuden-wain und jubelieren, 
Vil freudenfewer und hofieren“. — 
Für unseres Dichters Naturliebe spricht es, daß er es 
selten versäumt, die Darstellung der Übersetzung an Stellen 


48 Naturliebe. 48 


zu erweitern, wo sie die Naturwelt streift (s. oben s. 43). 
Wird Dec. s. 351,29 u. 37 mit einem „Der hymel gächlinge 
offt betrübet“, „nach langem tonern vnd pliczen“ das Un- 
wetter ganz flüchtig berührt, so erleben wir es K. II, 238, 34 
geradezu: 


„Inn dem die sunn den schein verlur, 
Der himel uberzogen wur 
Mit duncklen wolcken gelb und schwartz“. 


s. 239, 2f. „Das wetter kam gwaltig gedrungen 
Und hub sich ein grosser platzregen. 


Der blitz mit dem rotglasting fewer 
Wart vippret vom gewülck abfallen. 
Die donner — straich die wuren knallen“. 


Dec. s. 614, 20 speist König Karl im Freien an dem „schönen 
weyer“. Von dem „lustigen weiten garten von allerley 
gefrücht* (Dec. s. 614,8) erfahren wir aber nichts. Nicht 
so bei Sachs. Da hören wir K. XX, 445,17 wie 


„Von pomerantzn, granat und feigen, 
Hiengen artlich an grünen zweigen“, 


und daß der Tisch, an dem Karl tafelt, ist „zw-gerichtet 


under 
Ein aussgebreiten feigenbaum 
In dem garten, in weitem raum, 
In wolschmeckendem wiirtz und grass“. (K. XX, 446, 16). 


Dasselbe stärkere Hereinziehen der Natur finden wir K. 
II, 238,29. Um des „mayen blüte anzuschawen“ begibt sich 
die Gesellschaft vor die Stadt in den Garten und dort 


„sie inn dem grünen grass spacierten, 
bey eim briinlein colacinierten“, 


wohingegen die Vorlage — Dec. s. 351,27 — nur von „ir 
kürezweyle vnd freüde genamen“ redet. Ebenso wird durch 
Hinweis auf die Natur die Kunstfertigkeit des Malers — 
Dec. s. 390,20: „gelaubten das sy von seiner hand gemahlet 
sahen es lebendig wär“ — schwä 4,465, 3 anschaulich vor- 
geführt: 


49 Freude am Zustandlichen. 49 


„Der conterfeyen kunte 

Ein menschen, gleich als ob er lebt, 
Ein vogel, wie er im luft schwebt, 
Den fisch in meeres grunde, 

Vnd alles schnel vnd runde“. 


Auch in Kleinigkeiten zeigt sich dieses Interesse für die 
Natur, so wenn Sachs an den Aufgang der Sonne, die 
Morgenröte oder den Morgenstern den Beginn eines Tages 
knüpft: schwä 2, 333, 82 „e das die süne schein“ (Dec. 
s. 477,11 „frü“); K. 11, 228,22 „Biss das die morgen-röd 
herbrach“ (Dec. s. 92, 20 „Die neüe tage kamen“); schwä 
3,153,27 „Auf ein palm stieg er in den nötten | Zw er- 
wartten der morgen rötten“ (Dec. s. 329, 35); schwä 3, 3, 67 
„do der morgen steren aüffprach“ (Dec. s. 278); — oder an den 
Untergang der Sonne das Ende eines solchen: K. II, 202, 22 
„Eh undergieng der sunnen schein“ (Dec. s. 622,29 „der- 
selbig tag nicht vergen solt“). 


Oft ist es nur ein Wort oder ein kurzer Ausdruck, den 
‘Sachs zur Veranschaulichung ausführt, und zwar geht 
er dabei oftmals bis in die Einzelheiten. Besonders 
läßt er sich hierbei von seiner Freude am Zuständ- 
lichen leiten und malt uns oftmals kleine Bilder aus. Der 
Kaufmann — schwä 3,191,41 — (Dec. s. 581, 32) prügelt 
seine Frau, bis „von straichen war schwarcz, gelb vnd plab 
ir ganczer leib“. König Peter, der Dec. s. 619,21 „reitet 
vnd rennt“, „thet — K. II, 201,17 — in dem stechen manch 
ritterlich spär zerbrechen | In seym küriß und guldin schilt“. 
Spricht Dec. s. 614.7 nur von „eynem schönen köstlichen 
palast“, so erhalten wir K. XX, 445,9 eine sich bis in 
Kleinigkeiten erstreckende Schilderung dieses Bauwerkes : 


„Mit eim wunderschönen pallast, 

Daran doch gentzlich nichts gebrast, 

Mit dachwerck, aussgehawen zinnen, 

Geziret wol aussen und innen, 

Mit gemähld vnd geschnitzten bilden, 

Der thierlein von zamen vnd wilden“. 
Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 4 


50 Erweiterung von Charakteristiken. 


Wenn Dec. s. 559, 16 die Spitzbuben Fortaringo palda 
alles sein gelt abgewunen nach dem sein gewante vnd in 
dem hemde liessen“, so erfahren wir schwä 2,246, 47, worin 
sein „gewante“ bestand, nämlich in: 

‚Hosen, wamas vnd auch darzwe 

Capen, huet, stiffel vnd hantschwe. 

Entlich verschlunt im auch der pock 

In ainer schancz seinen reitrock, 

Da sas im hembt der ellent tropff 

Vnd kraczt vor angsten sich im kopff“. 


Ist Dec. s. 361,30 von einem ,herrlich male“ die Rede, so 
unterläßt es der Dichter ebensowenig, uns dieses K. II, 248, 38 
genauer zu schildern: 
„Auff trug man köstlich tracht von visch. 
An getränck war kein mangel nicht“, 
wie er es K. XX, 446, 24 nicht versäumt, uns einige Sorten des 
„köstlichen Weines“ — Dec. s. 614,26 — mitzuteilen, nämlich: 
„Malvasir, vernetsch und rotwein“. 

Heißt es Dec. s. 224,19, daß „alle* - — — Ferondo,fluhen‘“, 
so erfährt dies „alle“ schwä 3, 22,149 seine Erläuterung: 
„Da flohen vor im alle seine maid vnd knecht, 

Weib vnde kint, vnd alle sein nachpauren“. 
Spricht die Übersetzung s. 263, 18 nur von dem „lügen und 
neue mär“, die der Mönch dem Fischer aufbindet, so erzählt 
schwä 4,260, 45 der „Engel Gabriel“ 


„vil erlogner mer, 
Wie er dem dewffel nacket kaum entrünen wer“, 


und klar und bestimmt verlangt die Sultanstochter statt 
eines ziemlich nichtssagenden „Darumb yeczund zeit wär 
zebeweisen sein grosse tugend“ des Dec. s. 274,29 von Ger- 
bino — schwä 3,5, 57 — 

„Das er zw hilff ir keme 


Vnd mit im nem die pesten ritter sein, 
Das er sie auf dem mer nem mit gewalte“. 


Diese Freude am Zuständlichen läßt Sachs auch die Cha- 
rakteristiken der Übersetzung erweitern. Wird Be- 


Psychologisches Verständnis. 51 


tola Dec. s. 93, 27 als „swarcz mager pleiche vngestalt“ 
gezeichnet, so schildert K. II, 229, 18 sie: 


„Verschmachet, schwartz, bleich, dürr und mager, 
Verfallen, jemerlich und hager“. 


Wenn es Dec. s. 390, 10 u. 29 von dem Maler und dem 
Juristen heißt: „gancz von vngestalt geformieret was mit 
eynem breytenn angesicht alles gerunczen, dobei von kleyner 
person so vngestalt es wär eynem groben pauren genüg ge- 
wesen“, und „weder von leib noch gestalt dester hübscher 
was oder gerader“, so wird schwä 4, 465, 8 daraus: 


„Nun aber war er von person 
Ein kurtzer bäuerischer mon, 
Ein nasen, hackent krombe, 
Vnkönnender geberd vnd sit, 
Statzet vnd vnberedet mit“, 
v. 25 „Kurz, dölpent vnd eisgrabe, 
Mit einem breiten angesicht, 
Sein rück war krumb vnd höckericht“. 


So findet die Charakteristik Kalandrins, Dec. s. 474, 12: 
„gar eyn schlechter eynfeltiger man von seltsamer gewon- 
heyt“* eine Erweiterung zu — schwä 2, 333,5 — 

„Doch aus der massen gar furwiczig, 


Frembder hendel zw glaüben hiczig, 
Vnd det den vnferschambt nach fragen“ 


‘ase Dec. s. 428, 27 „ein schönes weyb“ zu schwä 3, 154, 3 


„frawen schön vnd zart 
Holtselig, frimb vnd gueter art“. 

Neben diesen Zusätzen Sachsens, die sich darauf be- 
schränken, eine im Dec. angedeutete Situation auszuführen, 
finden sich andere, die in der Übersetzung nicht vorgezeichnet 
sind. Sie geben oft einen Beweis von des Dichters scharfer 
Beobachtungsgabe und tiefer Menschenkenntnis. Sachs ist 
durchaus mit den Regungen der menschlichen Seele ver- 
traut, und manch treffender Zusatz zeugt für sein psych.o- 
logisches Verständnis, das allen Situationen gerecht 
zu werden versteht. So kennt er — schwä 3, 22 — den 
Bauern „im Fegfeuer“ (Dec. III, 8) besser als die Über- 

4* 


52 Psychologisches Verständnis. 52 


setzung; weiß er doch, daß der Schmerz über den Verlust 
seiner materiellen Güter, die er ja durch seinen Tod ver- 
loren zu haben glaubt, bei weitem die Trauer überwiegt, 
die er über die Trennung von seiner Gattin empfindet. 
Zwar „rewt“ auch ihn wie Dec. s. 221 sein „weib vnd kleine 
kinder“, allein nur so nebenbei. Sein Hauptschmerz gilt 
doch — schwä 3, 22, 88 — dem Verluste seines Besitz- 


tumes: 
„wider ein hercz gewon 


Vnd sorget vir sein esel, schaf vnd rinder“ 
und v. 103 jammert er nur: 
„o grimer tot, 
Dw hast mich pracht vmb al mein gelt“. 

Ungern scheiden Liebende von einander, und immer wieder 
suchen sich beim Abschiede ihre Blicke; dies weiß Sachs. 
Darum schaut Lorenzo — K. 11, 218, 17 — (Dec. s. 278, 25) 
nach Lisabetta um: 

„Lorentzo gieng sein herren nach. 

Nach Lisabetha er vmb sach.“ 
Daß unglücklich Liebende Trost in der Poesie suchen, hatte 
der Dichter wohl an sich selbst erfahren, und Geronimo, 
(Dec. s. 292, 32), der Silvestra nicht vergessen kann, „macht“ 
deshalb — K. II, 213, 20 — „von der lieb etlich gedicht“. 
Wird Dec. s. 279, 36 Lisabetta beim Auffinden der Leiche 
Lorenzos „trauriger dann fraw ye ward“, so vermag Sachs 
die ganze Größe ihres Schmerzes nachzufühlen und ihre 
Empfindungen darzustellen. K. II, 220, 5 sinkt sie 

„nider zu der erd. 

Ir hertz in amacht wart versert.“ 
Nachdem sie ihre Besinnung zurückgefunden hat, wirft sie 
sich bei dem Geliebten zu Boden: 


v. 14 „vnd kusset ihm sein tieffe wunden. 
Da rüffet sie: o grimmer tod, 
Kumb und beschleuss meins lebens end | 
Sie raufft ir har!) und wund ir hend.“ 


1. Ebenso K. II, 228, 10 ‚Ir har sie raufft, ir hend sie wund“; vgl. 
auch Bürgers „Lenore‘ („zerraufte sie ihr Rabenhaar“), Q. F. 97, 21. 


53 Persönliche Anteilnahme. 53 


Aus diesen Zusätzen spricht ein tieferes, liebevolles 
Eindringen in den Stoff der Novellen, Die persönliche 
Anteilnahme Sachsens an den Geschehnissen kommt auch 
in Bemerkungen zum Ausdruck, mit denen er Freud oder 
Leid begleitet: 

„Wer fröer dann die jungkfraw war!“ K. II, 243, 17 
„Wer froer war, dann die Spina?“ K. II, 233, 18 — 
„Der clag so gar cleglichen was, 

Das es mich düt bedribe“, schwä 3, 6, 113 

„Wem möcht gewest sein laider“ schwä 3, 215, 15 
„Kein mon hat grosser klag erhort, 

Dan von dem jüngelinge“ schwä 3, 5, 152. 


Weiter beweisen Sachsens liebevolle Anteilnahme hinzu- 
` gefügte Wendungen wie: 

„Maczo haimlich von herzen lacht“, schwä 2, 333, 30; kunt ir 
von herczen lachen‘, schwä 3, 119, 55 (Dec. s. 550, 18 „lachen muste“); 
„Unnd ward von gantzem hertzen kranck“, K.II, 221,21; „Der koch 
von herzen ser erschrack“, schwä 2, 247,51; „frewt sich von seines 
hercezen grind, schwä 2, 333, 49; „Das er auch mit der junckfraw 
ret aus herzengrund“, K. XXII, 487, 18; 
hinzugefiigte Adjektiva und Adverbia: 

„hertzlieber Lorentz“, K. II, 219, 9 (Dec. s. 279, 4); 

„das arm bedrübte weib“ K. II, 220, 19; 

„haubet werd“ K. II, 220, 37 (Dec. s. 280, 9); 

„haubet zart“, K. II, 220, 39; 

„edlen lieben falcken‘“, schwä 3, 149, 36 (Dec. s. 366, 21 edeln); 

„lieben aiden“, schwä 3, 6, 176 (Dec. s. 286, 35); 

„herczen libeslieb“, schwä 3, 6, 119 (Dec. s. 285, 17); 

„fing innigklich zu wainen an“, K. II, 227, 30; 

„herczlich lieben“, schwä 3, 4, 41 (Dec. s. 247, 36); 

„hat auch inniclichen lieb von herczen“, schwä 4, 260, 12; 
oder der Gebrauch von Diminutivis. 

Teilnahme zeigt Sachs auch, wenn er die Brüder, die 
Lisabettas Tod verschulden „die vngedrewen hünd“ nennt, 
schwä 3, 5, 184 oder wenn Personen, die leiden müssen, 
wenigstens Labung und Trost erfahren, wie schwä 3, 6, 111 
(Dec. s. 284) 

„Die meit pal küles wasser pracht 
Da mit sie die edlen frawen erqiicket“; 


54 
54 Darstellung von Affekten, 


schwä 3, 3, 152 „Die Maid sie labt zů stůnd“ (Dec. s. 279); 

K. II, 220, 7 „Ir meyd thet sie trösten und laben“; 

schwä 3, 5, 157 „Sein ritterschafft det im mit droste laben“ 
(Dec. s. 276.) 

Auch durch die Sorgfalt, mit der Sachs die Affekte 
berücksichtigt, wird sein teilnehmendes Mitfühlen bezeugt. Er 
versäumt es so gut wie nie, uns mit der Stimmung der 
handelnden Personen bekannt zu machen. Dec. s. 75, 3 
fährt Landolffo, um Schutz vor dem Sturme zu suchen, 
„hinder ein kleine insel“, K. VIII, 631, 35 vergißt nicht, die 
Angst der Matrosen zu schildern: 

„Mit kräften sie die ruder zugen 
Mit forchten, schrecken und mit winseln“ —. 

So sagt Sachs noch von dem Ritter, ,der eyns tages 
ein kranch gefangen het“ (Dec. s. 387, 30) schwä 2, 247, 4: 
„Darob er grose frewd entpfing“ und schwä 3, 121,39 (Dec. 
s. 388), daß der Koch aus Furcht vor der ihm angedrohten 
Strafe „die nacht lag vngeschlaffen.. Dem Bürger (Dec. 
s.43) behagt der unfreiwillige Aufenthalt im Kloster, schwä 
3, 174, 28, durchaus nicht: 

„Dem reichen wurt sein weil gar lang, 
Wer geren haim gewesen“, 
und Guiscardus (Dec. s. 250, 10) erschrickt heftig bei seiner 
Gefangennahme, schwä 3, 4, 96: 
„Do er sie sach, wie hart gunt er erschrecken.“ 

Gabriotto kommt schwä 3, 6,85 (Dec. s. 282), „freuden- 
vol“ in den Garten, Andreola ist — v. 54 — „vngemüt“. 
Der Ritter stellt den Koch „drůczig“ zur Rede, schwä 2, 
247, 49 (Dec. s. 388, 15), Lisabetta bittet „freundlich“ um 
die Erlaubnis, in den Garten zu gehn, K. II, 219, 33 (Dec. 
s. 278, 29), und bei dem Freudenfeste (Dec. s. 102, 11) 
K. II, 234, 25 

„da ward ein jubel und frolocken, 


Manch muter — hertz inn freuden schocken 
Ein freuden — wain und jubelieren —“. 


Ja, Sachs begnügt sich nicht damit, bloße Stimmungen 


55 
Körperbewegungen ete. 55 


zum Ausdruck zu bringen, er gibt oft auch genauer die Größe der 
Affekte an. Andreola erschrickt schwä 3, 6,81 „gar hart“, 
v. 97 „vnmenschlich hart“, ebenso die Ärztin, schwä 4, 
262, 15: „Des sie unmenschlich hart erschrack“ (Dec. s. 302, 5) 
oder Beritola K. II, s. 228,6 „erschrack sie gar unmensch- 
lich seer“ (Dec. s. 91, 38), und von Alexander heißt es, 
schwä 3, 119, 32: „Vnmenschlich forcht in da vmbgabe“ 
(Dec. s. 549, 14). 


Starke Gemütsbewegungen sind in der Regel von 
Körperbewegungen, Reflexbewegungen etc. be- 
gleitet. Auch sie bringt der Dichter zum Ausdruck und 
zwingt uns, auch ‚hier sein treffliches Beobachtungsvermögen 
anzuerkennen. Wenn Dec. s. 353, 28 „die alte frawe grossen 
fleiss thet den herrn ze stillenn*, so erweitert er dies, 
schwä 4, 353, 29, zu einem: 

„Des ritters weib fiel im zu fues 

Vnd pat vmb ein gnediger pues“ 
oder ein (Dec. s. 223, 19) „wer fröer dann er vnd sprach“ 
zu einem: 
„Fro war der pawer vnd hueb auf sein hent darzw“ (schwä 3, 22, 119); 


Dec. s. 289, 10 


„anhüb zeweynen vnd zeklagen“ 


zu K. II, 224, 12 


„Die fing an zu weinen und klagen, 
Ir hend ob dem haupt zam zu schlagen“; 


Dec. s. 351, 10. 


„Doch großer schame halben sich gen im ir liebe noch nicht endecket 
hette“. 


zu K. II, 238, 18 
„Das sie scham halb verborgen trug 
Und ihre äuglein nider schlug“. 
Ferner 
(Dec. s. 388, 16) schwä 3, 121, 27 


„Der koch west nicht, was er solt sagen, 
Vnd det sein augen vnterschlagen‘“ ; 


56 Motivierung. 56 
(Dec. s. 581, 29) schwä 3, 191, 34 


„Die schray: ‚Mordio!‘ thet paid hend auf recken‘“; 
(Dec. LU, 6), K. II, 228, 10 
„Ir har sie raufit, ir hend sie wund“: 
(Dec. s. 284, 6), schwä 3, 6, 107 
„Ir hent vor leit ob dem haiipt sie zam schluge“; 
(Dec. s. 276, 17), schwä 3, 5, 138 
„Vor grossem zoren drang im aüs der schweis“; 
(Dec. s. 255), schwä 3, 4, 162 
„vor angsten mange schweiste‘; 
(Dec. s. 559, 16), schwä 2, 246, 52 
„Vnd kraczt vor angsten sich im kopff“. 

Andere Zusätze Sachsens suchen eine Handlung zu mo- 
tivieren. Wenn der Pfarrer Dec.s. 472,29 „sein korrock 
nymer mer czelösen meynet“, so fügt schwä 3, 237, 20 den 
Grund für seinen Glauben hinzu: „Die pawren opferten nit 
ser“. Wenn die Bäuerin (Dec. s. 472) ihren Mörser her- 
leiht, tut sie esnur, weil — schwä 3, 237, 36 — „die pewrin 
vmb den schalck nit west.“ So schlägt der Koch (Dec. 
s. 385, 5 „Wärlich des thu ich nicht“) seiner Geliebten den 
Kranichflügel ab, weil er weiß — schwä 3, 121, 16 — 

, Mein herr der lies mich hencken; 

Ge hin ich gib dir kaines nit“, 
so wünscht Kasparolus Weib (Dec. s. 467, 33 „das er eyn 
soliches verborgen hielt“) ein Geheimhalten ihres Liebes- 
verhältnisses — schwä 5, 700, 17 — 


„Auf das ir er darfan 
Nit pey den lewten wuert verleczt, 
In schmach, schant vnd vneer geseczt“, 


und der Vater (Dec. I, 3, schwä 4, 240, 27) hat seine Söhne 
„alle drey gleich lieb“, weil sie „sich all erlich sehen ließen“. 
Violanta wird Dec. s. 353, 11 „von dann auf ein dorf“ — 
geschickt, „des kinds zu geligen“, damit „die schand blib 
still und verschwigen“, K. II, 240,8; Rinaldo wird von der 
Geliebten des Markgrafen — Dec. s. 62, 29 — eingelassen, 


87 Realistik. 57 


„weil sie — schwä 4, 386, 34 — sein worten glaübet“, und 
Angoliere (Dec. s. 559, 28) erhält ein Recht, den Wirt zu 
beschuldigen, ihn während des Schlafes beraubt zu haben, 
stand doch „sein kamer offen“, schwä 3, 215, 29. Andreola 
vermag sich des Richters zu erwehren, da er — schwä 3, 
6, 156 — „alt“ ist (Dec. s. 285). Der Gatte, der für Con- 
stancia bestimmt ist, ist ein „künig alte“, und darum ist sie 
um so mehr berechtigt, Gerbino Treue zu halten (Dec. 
s. 274, 1). Gabriottos Leichnam wird schwä 3,6, 130 „gancz 
plos vnd vnbedecket“ von den Frauen getragen. Die Wächter 
müssen also leicht Verdacht schöpfen (Dec. s, 285, 13). 

Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis ermöglichen 
es Sachs, das Leben zu zeichnen, wie es wirklich ist, und 
in zahlreichen feinen Zusätzen finden wir bei ihm lebens- 
wahre Realistik. Da heißt es von Lisabettas Brüdern 
(Dec. s. 280, 25 „stalen“), als sie ihrer ‚Schwester den 
„Scherben“ stehlen, daß sie ihn — K. II, 221, 15 — „inn 
ein druhen verhalen“; da trägt Alexander den angeblich 
toten Rinuczo (Dec. 549, 36) schwä 2, 218, 120 auf seiner 
Achsel „das er sich gleich darünter pueg“, und die Stadt- 
knechte in derselben Novelle, die sich Dec. 550, 7 einen 
„übelteter ze fachenn“ in den Hinterhalt gelegt haben, sind 
schwä 2, 218, 124 auf der Lauer, weil „sich diesen abent 
eben | Het ain dotschlag in der stat pegeben“. 

Kalandrin, dem Dec. VIII, 6 wegen seines Geizes über- 
haupt Bruno und Buffelmacho das Schwein stehlen, wird 
schwä 4, 347, 4 um den „pachen“ geprellt, weil „er in 
schicket nit der wüerst“. Der Tisch — Dec. s. 164, 37 —, 
an dem König Karl speist, ist K. XX, 447, 3 ,zirckelrund‘, 
das „stadelthor“, hinter dem sich — stud. II, anhg. I — 
zwischen Eberlein Dilldapp (Kalandrin) und der Wirtin die 
Liebesscene abspielt, „alt“ und die Kette, an der (Dec. 
s. 264, 18) der „Engel Gabriel“ geführt wird, schwä 4, 260, 52 
„von eysen“. Manchen realistischen Zug schuldet der 
Dichter der Zahl. So wenn der ,gros rumor“, den die 
beiden Buhler Dec. s. 341, 20 anstellen, K. XXII, 437, 23 


58 
58 Charakteristik. 


„fast auf eine halbe or“ währt; wenn die Wucherer (Dec. 
s. 3804) schwä 4, 262, 32 mit „zway lichter“ kommen oder 
wenn der Abt (Dec. X,2) schwä 3, 70, 37 dem „Raubritter“ 
achezg gülden — — — zwlon“ gibt. Ich werde weiter 
unten auf diese Vorliebe Sachsens für Zahlen noch einmal 
zurückkommen. 


Überläßt es die Übersetzung vielfach dem Leser, im 
Verlaufe einer Erzählung ein Bild von den handelnden Per- 
sonen zu gewinnen, so macht uns Sachs gern gleich zu Be- 
ginn einer Geschichte mit den Gestalten seiner Dichtungen 
durch eine kurze Charakteristik bekannt. So kenn- 
zeichnet er uns im Gegensatze zu Dec. s. 476, 5, wo Bruno 
und Buffelmacho ohne jede Einführung auftreten, die beiden 
Maler sofort, schwä 2, 333, 52: | 


„Zwen maller, welche auch also 

Ir faczwerck teglich mit im trieben, 
Visirlich schwenck nür waren lieben, 
Gancz abgribner spotfogel zwen“. 


Wie es der Dichter nicht unterläßt, die dem Leser des Dec. 
ja aus VIII, 3, 6 hinlänglich bekannten und darum Dec. 
VIII, 9, nur mit einem „daz warn czwen maler“ (s. 520, 3) 
eingeführten Gesellen, Bruno und Buffelmacho, schwä 3, 
181, 6 durch ein: „Zwen spotfogel, gar nasse lawren“ oder 
schwä 4, 347, 2 (Dec. s. 489), durch ein „zwen nacht- 
pawren .. | Mit schalckheit gar durch krochen* kurz und 
treffend zu charakterisieren, so versäumt er es auch nicht, 
den zwar Dec. IX, 3 aus Dec. VIII, 3, 6, 9 bekannten 
Kalandrin mit einem „Kalandrin, dem kargen, | Vnhöflich, 
geiczig, argen“, schwä 1, 77, 1 zu kennzeichnen oder uns 
statt eines kurzen „alle drey miteinander eins worden“ 
(Dec. 554, 34) diese drei genauer zu schildern, schwä 1, 
11,7: i 

„Nün waren drey spotfogel 

‘In schwenken frech vnd gogel. 


Die machten ainen pind 
Vber den filczing hind“. 


59 
Vorbereitung. 59 


Läßt uns Dec. s. 263, 19 über den Charakter des 
Fischers (,der gut arm man“) anfänglich im unklaren, so 
wissen wir dank des Zusatzes, den schwä 4, 260, 47 macht, 
„der fischer war der schalckeit vol“ von vorneherein, daß. 
wir von ihm nichts Gutes für den Mönch zu erwarten haben. 
Begibt sich Dec. s. 559, 15 der verspielte Knecht „in ein 
tafern“, so bleiben wir schwä 2, 246, 37 nicht im ungewissen 
über ihre Art; ist es doch „ein daffern, | Da man hielt die 
spiczpueben gern“. — Wichtige Punkte in der Erzählung 
hebt Sachs hervor. Er weist nachdrücklich auf das 
Wesentliche hin. So betont er schwä 3, 5, 79 nochmals, 
daß Gerbinos Vorhaben nicht erlaubt war: „Wie wol es 
hart verpotten wart“, daß der Koch schwä 2, 247, 25 einen 
strengen Herrn hat: „Mein junckher ist ein ernstlich mon“, 
und daß die Witwe, schwä 3, 119, 10 tugendhaft ist: „Die 
fraw war früm vnd erenfest“. — Hierdurch erhöht Sachs 
die Spannung, bereitet aber zugleich auch auf einen tra- 
gischen Ausgang vor. 

Dasselbe Ziel verfolgen eingestreute Bemerkungen wie: 

„Das war irs laides ane fang 

Als ir wol horen wert noch in der leste“, schwä 3, 6, 15; 
„Doch ist noch war, wie man offt spricht, 

Lieb sei laides anfang, 

Als wol erscheint in der geschicht“, schwä 3,3 45; 
„Wiewol ir freud nicht weret lang“, K. II, 223, 24; 

„ir anschlag der wart schlecht“, schwä 3,3, 80; 

„>ach seinen herren nit, im zw vnheille“ schwä 3, 4, 76. 
„Doch ist es war, wie man offt spricht, 

Die Lieb lass sie verbergen nicht“: K. II, 217, 18; 
„Kain glueck wolt pey der kirchweich sein“, schwä 3, 118, 30; 
„Nach Lisabetha er um sach, 

Wann er sach ir fort nimmer mehr“, K. II, 218, 18. 


Andere Zusätze enthalten eine allgemeine Reflexion: 
„Wie sich nun offt unglück begeyt, 
So begab sich auch auff die zeyt“, K. VIII, 630, 19; 
»Gleich wie offt die verdorbnen fort 
Setzen trew und ebr auff ein ort“, K. VIII, 631, 8; 


60 Moral. 60 


„Wie noch maniger eyfrer duete“, schwä 3, 154, 6; 
» Wie lang das wert, das wais ich nit“, schwa 2, 338, 208. 


Solche Betrachtungen stellt Sachs regelmäßig am Schlusse 
seiner Dichtungen an und faßt gewöhnlich das Erzählte in 
einer Lehre zusammen. Schon durch den Inhalt der No- 
vellen bedingt, hat diese Moral meist zum Thema die Liebe. 
Die außereheliche Liebe, „die falsch lieb“, verwirft der 
Dichter, „ain junger gsel“ soll sich — schwä 2, 218, 183 — 
hüten: 

„Vor puelerey vnd frembder lieb; 

Wan die hat so ain starcken trieb: 

Palt sie in fecht vnd üeberwint, 

So macht sie in dol, daub vnd plint, 

Das er nicht wol wais, was er thüet, 

Vnd sich oft aus thorichtem müet 

Geit in gros vnglueck vnd gefer;“ 


oder schwä 3,6,203: „Haimliche e gar selten wol geratten, 
Man sicht ir vil in vngelick vmbwatten.“ 


Manche Enttäuschungen muß der Liebende erleben — schwä 
4, 333, 60 — „Sawer vnd sues regirt die liebe“; denn — K. 
XXII, 302, 34 — 

„Lieb ist vol schmerz und ungemachs 

Mit wenig frewd“ 
und „Wer in der lieb wil sein ein ritter, 

Der mues versuchen sues vnd pitter“ (schwä 3, 153,59). 


Sachs wünscht daher, daß die „Lieb sey starck wie des 
todtes schmertzen* (K.II, 215,26) und „das aus lieb elich 
heb erwachs* (K. XXII, 438,39). Niemals aber soll man 
seine Kinder zu einer Ehe zwingen: 

„Dar um lad aüf dein kind nit solche perge! 

Gib im einen, der im gefal. 

Aüs honig wirt dennoch wol gal. 

Es leit am dag“ (Schwä 3,5, 205). 
Ja, Sachs warnt mitunter auch vor der Ehe: 


„Wer im wil schaffen ach vnd we, 
Der nem sein püelen zw der ee; 
Nach liep kumpt leit“ (schwa 3, 6, 206) 


61 Moral. 61 


oder „Yns meldet warlich die geschrifft 
Clerlich on mengem ortte 
Der elich stant sey herbes gifft, 
Wer darzw wirt bezwünge 
Der hat weder geliick, freiid oder lüst“ (schwä 3, 5, 198). 


Bei seinem abfälligen Urteile hat der Dichter wohl die Ehe 
mit „eim vngestüm, widerspenstig, pös weib“ im Auge. Wer 
ein solches besitzt, dem 

„Leidlicher — — das fieber wer; 

So het er etwan ainen gueten tage; 

Also sind alle stund im schwer“ (schwä 3, 191,51). 
Für diese bösen Weiber wünscht Sachs im Anschlusse an 
Dec. IX,7, schwä 4, 295, 46: 

„O! das der selb wolf wider kom, 

Die weiber pôs beim kragen nom, 

Das sie wurden frum, geschlacht vnd ertig.“ 
Ein ungetreues Weib soll der Gatte „mit eim pruegel peren“, 
schwä 3, 118,60, während „ein fraw in züecht vnd scham“ 
ihrem Manne keinen Grund zur Klage gibt, denn sie wird 

„All pueler von ir ab treiben“ 
und „wol pey eren pleiben“ (schwä 3, 119, 58). 

Beschäftigen sich Reflexion und Moral bei Sachs zwar 
vorzüglich mit der Liebe, so doch nicht ausschließlich. Viel- 
mehr zieht der Dichter alle möglichen Situationen, wie sie 
ihm die Novellen des Dec. gerade bieten, in den Bereich 
seiner Betrachtung; so das Glück (schwä 4, 387, 56): 

„War sagten noch die alten, 
Wem auf ert sey gelueck peschert, 
Ob vnglueck wert 
Gleich das vnterst zw“ Oberst kert, 
Noch mues gelueck sein walten“; 
oder er rät, im Unglück den Mut nicht sinken zu lassen 
(K. II, 286, 6): 
„Auss dem man leren mus, 
Das in unfall nyemand verzag. 
Gelück bald wider kummen mag“. 
Die Geschichte, wie Mönch Zwieffel die Gläubigen mit seinem 
„heiltumbe“ betrügt (Dec. VI, 10), gibt ibm — schwä 2, 217 


62 Humor. 


62 
— Gelegenheit, gegen die Mißräuche des Katholizismus zu 
Felde zu ziehen: 


„Mit der stacionirer prawch 

Ist vor der zeit das Teutschlant ach 
Petrogen worden durch vil seckten, 
Die voler lieg vnd petrueg steckten 
Vnd doch mit solcher phantasey 
Vmbfuerten pey der nasen frey, 

Weil wir als glaupten, was sie sagten, 
Die gar nach vnser sel nit fragten, 
Sunder allain nach unserm pewtel. 
Das ausgeben schmirczt vns kain mewtel. 
Das sprichwort wurt erfuelt allein: 
Die welt die wil petrogen sein; 

Das sich got lob doch hat verkert‘): 
Weil man das rain wort gottes lert, 
Spert idermon den pewtel zw, 

Icz hat man vor dem geschwürm rw. 
Got geb, das nimer mer aufwachs 
Solch affenspiel!“ (schwä 2, 217, 107). 


Zahllos sind schließlich die Zusätze, die durch Sachsens 
Humor hervorgerufen sind (s. oben s. 44). Oft gibt er 
erst einer Situation des Dec. einen komischen Anstrich. 
Dec. s. 447,19 wartet Kalandrin „mit großer begiere vnd 
freuden des sonntag morgen“, schwä 2, 333, 87 denkt er 
über den Stein nach („dem stain nach gedacht“) und „lag 
vngeschlaffen die gancz nacht“. Dec. s. 549, 31 ist der Buhler 
gewillt, den Leichnam aus dem Grabe zu holen, auch wenn 
er ,hertes todes sterben* sollte, schwa& 2, 218,101 jedoch 
tiberlegt er sich: 


„Wen mich icz ins grab nein ries 
Der dot vnd mir den kopff abies !“ 


1) Ich möchte hier auf eine auffallende Übereinstimmung mit Waldis 
„Esopus“ 3, 100 hinweisen. Man vergleiche: Waldis 3, 100, 6 „Dmit vnsern 
schweyss schier gar abschatzt“ und schwä 2,217,103 „schwaist ab“; 
Waldis v. 53 „Ein jeder sieht jetzund gottlob!“ und schwä 2,217,119 
„Das sich got lob doch hat verkert“; Waldis v. 55 „geschwurm“, schwä 
2,217,122 „geschwůrm“. — Sachs sg stammt vom Jahre 1558, während 
Waldis „Esopus“ 1548 erschien. 


Humor. 63 


Die buhlerische Frau, die Dec. s. 449,18 ihrem Gatten nur 
sein Fernbleiben von zu Hause vorwirft (,wenn pist du auf 
diese nacht mer in diesem hauss gewesen bey mir“), dreht 
schwä 1, 75,47 den Spieß um und zeiht ihn der Untreue: 

„Secht den follen zapffen 

Ins haws kam er heint kain fuestapffen, 

Hat etwan in aim taiber haüs 

Diese vnfuer gerichtet aus, 

Wie er vor oft hat than der gleichen.“ — 
Noch häufiger führt Sachs komische Situationen des Dec. 
weiter aus. Kalandrin wirft schwä 2, 333, 152 

„in die stheben sein edelstain, 

Der etwas war pey dreyen meczen“ (Dec. s. 479). 
Bruno und Buffelmacho suchen dann — v. 165 — ihren Ge- 
sellen auf, denn sie 

„haben gehört ein gros geruemppel, 

Oben ein hederisch gedüemppel“. 
Die Nonnen stoßen schwä 1,85, 36 „mit lawtraisigem pellen“ 
die Tür auf (Dec. s. 552,21); schwä 4,419, 22 (Dec. s. 576) 
„det Gonello rot lachend die zen blecken“, als er sich bei 
Cecco nach dem Essen erkundigt. In demselben Schwanke 
— v. 37 — bittet der Bube den Ritter um Wein für Go- 
nello, da „ein grose meng schlepseck thun mit im hausen‘. 
Die Wächter „sprengen“ Rinuczo und Alexander schwä 
2, 218, 130 (Dec. s. 550, 9) an und 

„Mit irn fawsthemern vnd schweinspiessen 

Mit grosem rumor auf sie stiessen“. 
Besonders in Prügelscenen lacht uns Sachsens Humor köst- 
lich, wenn auch derb, entgegen; etwa schwä 1, 75,29 (Dec. 
s. 447,17) 

| „Die maid mit fewsten wol durch schlüeg, 

Peim har sie aus dem pette züeg, 

Rais ir aüs einen zopf mit har, 

Zerkrelt sie vntern awgen gar“ — 
oder schwä 4,466, 41 (Dec. s. 567, 24) 


„Vnd warff in nider in das stro 
Vnd gritling auf in sase, 


64 Humor. 64 


Drückt in mechtig hart nach der pass, 
Am rueck im klebt der pauch —* 


oder schwä 2,333,157 u. 189. Derber als die Übersetzung 
ist Sachs in seinem Humor auch an Stellen wie schwä 1,78, 55 
(Dec. s. 530): 


„Darin det er im dreck vmzablen, 
Pis er wider heraus det krablen, 
Kam stinckent haim von menschen kot —“ 
oder schwä 4, 665,56 (Dec. s. 391, 21) 
| „Du küntest nit das abc, 
Hielt dich für kein juristen, 
Meint du künst e stall misten.“ — 


IH. Sachsens Verhältnis zu der Uebersetzung 
in sprachlicher Beziehung. 


1. Wörtliche Entlehnungen. 


„Haben wir so gesehen, daß Sachs sich durch Kürzungen, 

Anderungen und Zusätze über eine bloße Herübernahme des 
Inhaltes der Dec. Novellen heraushebt, so ist das Verhältnis, 
in dem er in sprachlicher Beziehung zu der Übersetzung 
steht, ein ähnliches. Schon seine zahlreichen Zusätze 
schlössen es aus, daß wir in seinen Dichtungen lediglich 
eine gereimte Bearbeitung der Novellen fänden. Immerhin 
begegnen wir auch bei ihm starken sprachlichen Entlehnungen 
aus der Übersetzung, und auch er übernimmt mitunter Wort 
für Wort den Text des Dec.. 


Vgl. etwa Dec. s. 91, 3f. mit K. II, 226, 18 f. 


„Nun in des genanten herren 
Ariget hant stunde daz regiment des 
ganczen künigreichs Es sich begabe 
das künig Karlo der erste die stat 
Beneuent gewonnen vnd ein genomen 
het, vnd künig Manfred von Cecilia 
gefangen vnd getött het, das — —“ 


oder Dec. s. 389, 14 

„ich sol dich bald sehen machen 
oh sy eyn beyn oder zwey haben 
— — — — mit disen worten sich 


und 


„Darinnen auch inn seiner hendt 
Stund das gantz köngklich Regiment. 
Im reich er gubernator war. 

Nun begab sich im nechsten jar. 
Das könig Carolus der erst 
Bonevent gewan und beherscht, 
König Mamfredum fing und ertédt“ 


schwä 2, 247, 100. 

„Ich wil dich das pald lassen sehen, 
Ob sie habn ein pain oder zway“. 
Darmit fing er an ain waidgschray, 


Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 


66 


za den kranchen nachnet anhéb ze- 
schreien die arm aufwarff vnd sprach. 
Hu ha hu, hu ha hu. Die kranch 
von des herren geschrey das ander 
beyn herfür czugen vnd nach etli- 
chem schritt alle iren weg flugen“. 


Wörtliche Entlehnungen. 


66 


Mit auf geworffen armen rent 

Zün kranichen, schray an dem ent: 
„Hw ha hw! hw ha hw! ha hw!“ 
Vnd weckt die kranch aus irer rw. 
Yeder zug noch herfuer ain pain, 
Thet drey oder vier schriet allain, 


sich mit dem flüeg in lueft erhueb“. 
Ebenso: Dec. s. 77, 18 und K. VIII, 634, 25; Dec. s. 222, 23 — 
schwä 3, 22, 67; Dec. s. 254, 28 — Goed. „Dichtg.“ I. s. 18, 45; Dec. 
s. 282, 20 u. 28 — schwa 3, 6, 33 ff.; Dec. s. 259, 21 — K. II, 246, 11. 
Gehört eine derartige wörtliche Übernahme größerer Partien 
des Dec. auch zu den Seltenheiten, so sind kleinere sprach- 
liche Benutzungen der Übersetzung sehr häufig und be- 
weisen, daß Sachs bei der Bearbeitung der Novellen den 


Text des Dec. vor sich hatte, z. B. 


Dec. s. 574, 16 


„Do er vielleicht einer pübin sol 
hin geczielt haben“. 


Dec. s. 574, 20 


„was kauffmanschacz das sey die 
er da kauffen meinte“ 


oder Dec. s. 553, 15 

„pintet auf die pendell an der nacht- 
hauben die euch über die oren abe 
hangenn“ 


schwä 4, 295, 27 
„Ich merck, das mein man in dem 
holcze 
Hewt hat 
stoleze“, 


schwä 4, 295, 30 
„Was mein mon füer kaufmanschaft 
treib“ 
schwi 4, 263, 44 
»Die pentel der nachthawben 
Pind auf, die euch da foren 
Hangen vber die oren!“. 


gezilet ainer puebin 


Ferner: Dec. s. 43, 9, 14,16 — Goed. I, s. 160, 36, 49; Dec. s. 34, 4 
— schwä 4, 240, 6; Dec. s. 60, 14 — K. II, s. 284, 11; Dec. s. 61,9 — 
K. II, 284, 27; Dec. 8. 172, 4; 172, 1, 15 — Stud. II, anhg. 30, 8, 15; 
Dec. s. 74, 18 — K. VIII, 630, 10; Dec. 177, 4 — K. XXII, 455, 8; Dec. 
276, 13 — schwä 3, 5, 131; Dec. 288, 36 — K. II, 233, 25; Dec. 485, 10 
— schwä 4, 257, 45; Dec. 295, 14 — K. II, 215, 18; Dec. 312, 3 — K. 
II, 207, 18; Dec. 342, 12 — K. XXII, 438, 14; Dec. 389, 14 — K. IX, 
476, 33; Dec. 387, 30 — K. XXU, 234; Dec. 391, 19 — schwä 4, 665, 52; 
Dec. 400, 14 — K. II, 420; Dec. 411, 24 — K. XXII, 228, 16, 28; Dec. 
418, 14 —- K. XXII, 229, 23; Dec. 471, 22 — K. XX, 332, 10; Dec. 
551, 28 — K. XXII, 848; Dec. 553, 7, 11 — K. XXII, 344; Dec. 566, 16 
— schwä 4, 466, 27; Dec. 567, 23 — schwä 4, 466, 89; Dec. 574, 16 — 
schwä 4, 295, 27; Dec. 602, 36 — K. II, 205, 6. 


67 Einfluß des Volksliedes. 67 


2. Abweichungen. 


Jedoch auch mancherlei Änderungen hat Sachs mit dem 
Texte der Übersetzung vorgenommen, und gerade sie sind 
hervorragend geeignet, als ein Charakteristikum für des 
Dichters sprachliche Gepflogenheiten zu dienen. Im deut- 
schen Volkstum wurzelnd wie kein Dichter vor ihm oder 
nach ihm, schreibt Sachs für den „guthertzign gemeinen 
Mann“, schreibt er die Sprache des Volkes. 

Wie er manchen Zug .(s. oben s. 43) aus dem Borne 
der Volkspoesie geschöpft hat, so steht auch seine Sprache 
stark unter dem Einflusse des Volksliedes. Wir finden 
bei Sachs fast alle Eigentümlichkeiten, die zu den Kenn- 
zeichen des Volksliedes gehören, und zwar im Wortschatz, 
Wortgebrauch und Stil). 


Sehr gebräuchlich sind im Volksliede Zusammen- 
setzungen mit „Herz“ (a.a.0. s.21); bei Sachs ebenso: 

K. II, 219, 9 hertzlieber; herczlieb schw& 3, 6, 106, K. II, 208, 16; 
K. U, 213, 22; schwä 3, 6, 37; schwä 3, 6, 192; schwä 3, 6, 197; schwä 
3, 3, 111. 

„Der Genitiv aller tritt steigernd vor Superlative“ 
(a. a. O. s. 22). 

„die allerliebst“ schwä 3, 149, 49; „allerhertsten“ K. II, 247, 6. 


„all ist mit Substantiven und Adverbien komponiert“ 
(a. a. O. s. 22) „alzeit“ schwä 3, 6, 195. 


„hort“ (a.a. O. s. 31; s. 32 „höchster hort“). „In den 
Volksliedern dient es — — oft zur Anrede des oder der 
Geliebten“. 


„Lorentzo ihren höchsten hort“, K. II, 220, 10, schwä 3, 3, 157; 
„Constancia den edlen hort“, schwä 3, 5, 104. 


1) Ich folge den Ausführungen Karl Hoebers „Beiträge zur Kenntnis 
des Sprachgebrauchs im Volksliede des XIV. und XV. Jahrhunderts“, 
A. G. VII, 1. 

5* 


68 Einfluß 68 


„hübsch“ (a. a. O. s. 39). Seltsamerweise fehlt dies 
Wort bei Sachs, obgleich Dec. es sehr häufig hat: 

Dec. s. 278, 1, schwä 4, 509, 8 (schön); Dec. s. 278, 1, K. II, 216, 28 . 
„schön“; Dec. s. 247, 37, schwä 3, 4, 39; Dec. s. 390, 29, schwä 4, 465, 8; 
Dec. s. 339, 35, K. XXII, 437; Dec. s. 278, 1, schwä 3, 3, 24; Dec. 
s. 96, 18, K. II, 231, 10. 

„frei“ (a. a. O. s.40). „Im Sinne von offen, unge- 
hindert“: | 

„pey der nasen frey“ schwä 2, 217, 112; „den edlen stain zv suchen 
frey“, schwä 2, 333, 90; „Und kauffet im ein raubschieff frey“, K. VIII, 
631, 4. — Es ist bei Sachs mehr als Flickwort zu betrachten. 

„Stolz“. „Es steht formelhaft als Attribut zu ritter 
u. dergl.“. 

„ritter stoltz“, K. II, 248, 14; „jūnckfraw stolcz“, schwä 3, 153, 13; 
„puebin stoleze*, schwä 4, 295, 28. — Es reimt bei Sachs stets mit 
„holcz*. 

„zart“ (a.a. O. s.41 „freuwelein zart“). 

„jungkfraw zart“, K. II, 207, 27; „jungfrewlein zart“, K. XX, 448, 3; 
K. TI, 238, 26; K. II, 202, 26. — Sachs verbindet gern zart mit schön: 
„zart und schön“, K. II, 228,27; „schön und zart“, K. II, 234, 13, schwä 
3, 154, 3. 

„Diminutiva* (a. a. O. s. 45). „Das volksmäßige 
Liebeslied — — — hat eine große Vorliebe für die Di- 
minutivbildung bei Hauptwörtern, wodurch — — — — die 
Freude und der Anteil des Herzens an dem geliebten Gegen- 
stande ausgesprochen werden soll. 

„jJungfrewlein* K. XX, 448, 3 (s. a. a. O. s. 45). „Zur Bezeichnung 
der äußeren Körpererscheinung“ (a. a. O. s. 46): „ermblein“ schwä 3, 3, 
178; „prüestlein“, schwä 3, 3, 200; „äuglein“, K, II, 238, 19; „münd- 
lein“, schwä 3, 6, 121. — „brünlein“ K. I, 207, 14 (a. a. O. s. 47); 
„rossen krenczeleine“, schwä 3, 6, 123 (a.a.0. s.48); „priefflein“, schwä 
3, 5, 35; „stetlein“ schwä 2, 217, 1. 


Poetische und stilistische Technik des Volksliedes: 
Pleonasmus — „es werden abstrakte Begriffe und 
Gegenstände der Wirklichkeit, die besonders hervorgehoben 


werden sollen, gern durch pleonastische oder gehäufte Zu- 
sätze verstärkt. — In anderen Fällen werden Ausdrücke 


69 des Volksliedes. 69 


und Wendungen, deren ursprüngliche Bedeutung abge- 
schwächt ist, als sogenannte Füllwörter einem Worte bei- 
gefügt, ohne daß dadurch ein neues begriffliches Merkmal 
hinzutritt oder ein malerisches Moment des Ausdrucks er- 
reicht wird“ (a. a. O. s. 49). 


Gepaarte Begriffe: 

„hof vnd hauss“, K. XX, 450, 10; schwä 2, 246, 127; „glueck vnd 
hail“, schwä 2, 218, 194; „ehr und zucht“, K. U, 206, 2; „nacht vnd 
dag“, schwä 3, 22, 165; „offt und dick“, schwä 3, 3, 31; K. II, 224, 4; 
„frůe vnd spat“, schwä 3, 22, 22. 

Gepaarte Begriffe für einen Gesamtausdruck (A. G. 
III, 409). 

all: „jung vnd alt“, schwä 1, 61, 48; schwä 2, 217, 98; schwä 3, 
191, 56, schwä 3, 3, 259; immer: „nacht vnd dag“, schwä 3, 22, 165, 
„von tag zu tag“ K. II, 221, 4. 


„Hauptwörter stehen formelhaft in Verbindung mit 
Eigenschaftswörtern u. s. w.“, (A. G. VII, 50; A.G. III, 409): 


„hoffertiger art“ schwä 4, 257, 4; „von guter art“, K. II, 221, 1; 
„ware date“, schwä 3, 3, 53; „demůetiger weis“, schwä 2, 246, 15, „keiner 
weiß“, K. II, 228, 37; „laides anfang“ schwä 3, 3, 46; schwä 3, 6, 15; 
„aus pescheidener weis“ stud. II, anhg. 30, 70. 

„Praepositionale Ausdrücke statt einfacher Adverbia“ 
(A. G. II, 79; A. Œ. VII, 51): 

sofort: „in kurczer stund“, K. II, 217, 1; „auf der fart“, schwä 
3, 6, 150; „inn kurtzer zeit“, K. II, 238, 25; immer: „alle zeit“, schwä 
3, 5, 26; „gleich morgen wie hewt“, schwä 3, 3, 210; „zv ewigen tagen“, 
schwä 2, 218, 43; überall: „in allen ecken“, schwä 3, 119, 25; „an 
allen orten“, schwä 3, 191, 3; hier: „an disen enden“, schwä 2, 247, 69; 
jetzt: „zu diser stund“, schwä 3, 237, 10. 

Wiederholung synonymer Gedanken, Variation, (A. G. 
VII, 51). Bei Sachs außerordentlich häufig : 


K. II, 228, 37 „Das alt wild scheucht sie keiner weiß, 
Wart heimlich und ir fein gewonet“ ; 
schwä 2, 333, 18 „Darmit das küemawl an zv hencken, 
Calandrino mit auf zv seczen, 
Seinr ainfalt sich schimpfs zv ergeczen‘ ; 
K. II, 242, 19 „Nichts weyters mit ihm fürzunemen, 
In nicht zu schlahen, noch beschemen“ ; 


70 Einfluß 70 


schwä 3, 3, 107 „Vnd detten haimwartz wenden, 
e 
Hueben sich pald daruon“; 


Cumulatio (A.G. VII, 51) (s. unten unter „Synonyma“): 
„gmit, hertz vnd sin“, schwä 2, 246, 123. 


Metapher (a. a. O. s. 56): 


a) Die Wunde des Herzens: 
„Demselbig ward sein hertz verwund“, K. II, 216, 29; 
„Der ward in lieb verwundet gen diesser edlen ku’ngin“, stud. II, 30, 10 ; 
„Sein senend hertz war hart verwund“, K. II, 246, 10; K. II, 238, 14. 


b) Die Fessel des Herzens: 
„ir hercz in liebe zw verstricken“, schwä 3, 119, 8; 
„er wer in lieb verstricket“, schwä 3, 5, 36. 


c) Das Brennen des Herzens: 
„Zwstund sein hercz entczundet was 
Mit flamendem feuer der liebe prunste“, schwä 3, 4, 46; 
„Ir hercz wurt gegen im in lieb entczündte“, schwä 3, 3, 27; 
„Vor strenger lieb ir paider hercze pran“, schwä 3, 5, 106. 


Synekdoche (a. a. O. s. 56). 

„Sein hercz in zoren qualle“, schwä 3, 4, 82; „sein hercz in draüren 
wart versert“, schwä 3, 5, 63; „ir hertz wart in gar kalde“, schwä 3,3,89; 
„betrübet ward das hertze sein“, K. II, 214, 23. 


Antithese (a. a. O. s. 61): 

„Lorentz, geh mit und bald | Lisabetta, du bleib zu haug“! K. II, 
218, 14. „Der Figur des Oxymorons sich nähernd“: „Mit dem mein hercz 
gelebet hat | In freud, mit dem wil es in leid auch sterben“, schwä 3, 4, 
127; „Wie sein hoffnung wurd kalt und enger, | So wurd sein lieb hitzig 
und. strenger“, K. II, 245, 24. 

Hyperbel (a. a. O. s. 62): 

„Nichts liebers wolt ich eben | Auff dieser gantzen erd erleben“, 
K. II, 233, 32; „Die schönest war im gantzen landt“, K. II, 238, 12; 
„Die schonest wer der ganczen welt“, schwä 3, 5, 31. 

Übertreibung von Zahlen: 

„Kust — — wol tausentmal“, K. II, 220, 31; „ob hündert malen 
küssen det“, schwä 3, 6, 122. 


Rhetorische Fragen (a. a. O. s. 74): 


„was soll das sein?“, schwä 2, 333, 164; „wer het im des getrawt ?“ 
schwä 2, 333, 121; „sol ich nit von vnglueck sagen?“, schwä 2, 333, 169 ; 
„wer froer war, dann die Spina“, K. II, 233, 18. 


71 : des Volksliedes. 71 


Ausrufe (a.a. 0. s. 75): 
Ə 

„Wolauf mit mir!“, schwä 3, 118, 40; „Ey laß darvon“ K. II, 219, 4; 
„By“ schwä 3, 4, 112; schwä 3, 3, 127; „o0, pey meinem leben“, schwä 
2, 247, 20; „o wee“, K. II, 221, 18; „we, das du pist geporen“, schwä 
3, 4, 100. 

Rekapitulationen. „Am häufigsten steht in den 
Volksliedern die Rekapitulation durch der, die, das. Sie 
bezieht sich auf Abstrakta wie Konkreta“ : 

„Sein hercz das was mit schmerczen vmefangen, schwä 3, 4, 108; 
„ir anschlag der wart sehlecht“, schwä 3, 3, 80; „sein aptey die ist weit 
erkant“. schwä 3, 70,2; „sein leib den holet man behentz, K. II, 222, 10; 
ferner: schwä 3, 4, 12; schwä 3, 4, 170; schwä 2, 247, 57; schwä 3, 5, 
122; schwä 3, 3, 243; schwä 3, 5, 5; schwä 3, 5, 173. 


„Eine Verstärkung dieser Rekapitulation stellt diejenige 
durch derselbe — — — dar“ (a. a. O. s. 78): 


„denselben gantzen tag“, schwä 3, 3, 118; „die fraw beschlos die 
selben dir“, schwä 3, 4, 86. 


Rekapitulationen nach Ortsbestimmungen und Zeit- 
adverbien (a. a. O. s. 79): 


„Darin da fürt sie gar ein strenges leben“, schwä 3, 6, 188; „in 
dew do kam zw jir die meit“, schwä 3, 6, 108; „nach dem da schied die 
freüntschaft ab“, schwä 3, 22, 52; „die weil da warb ein künig“, schwä 
3, 5, 45; „an einem morgen da der tag aüfprache“, schwä 3, 5, 91. 


„Die Aufnahme — — von Adverbia und Hauptwörtern 
mit Präpositionen durch ein nachschleppendes so findet 
sich in den Volksliedern ziemlich haüfig — —* (a. a. O. 
s. 79): 


„darein so solt er kümen“, schwä 3, 6, 20; „darumb so mus der 
falsche dieb“, schwä 3, 4, 115; „darumb so folget meinem rath“, K. II, 
217, 26; K. II, 218, 25; schwä 1, 3, 135; „damit so schid ir arme sel 
von hine“, schwä 3, 4, 192; „hiepey so merck ein iderman“, schwä 3, 
118, 58; „mit dugent so was sie gezirt“, schwä 3, 4, 31. 


Formelhafte Wendungen des Volksliedes (a. a. O. s. 83): 


„inn ires hertzen grund“, K. II, 238, 15; schwä 2, 833, 49; K. 
XXII, 437, 18. „ich sehe euch (dich) nimmermehr“ (a. a. O. s. 85): „Det 
er des nit, er sech ir nymer mere“, schwä 3, 5, 61; „sein hertzlieb 
nimmer mehr zu sehen“, K. II, 207, 16. 


72 Kiirze, Klarheit und 72 


Selbst eine wörtliche Berührung zwischen Volkslied 
und Sachs findet sich: Uhland „Volkslieder“ Nr.67 heißt es: 


„gesegen dich gott im herzen! 
es muß gescheiden sein“, 


und schwä 4, 509, 70 finden wir: 
„Gesegn dich got! ich mües mich scheiden“, 
wofür die andere Bearbeitung, schwä 3, 3, 138, setzt: 
„Es müess gescheiden sein, 
Ich befilch dich in gottes hant“. 

„Auch durch die sog. stehenden Attribute gibt sich 
der Sprachgebrauch des Volksliedes vielfach kund“ (a. a. O. 
s. 86): 

pa wald ist immer grün“; schwä 3, 6, 66; K. II, 246, 7; „Für 
Gold — rot“ (a. a. 0. s. 89) schwä 3, 6, 69. — 

Auch für den Satzbau scheint sich H. Sachs das 
Volkslied als Muster genommen zu haben. Liebt die Über- 
setzung lange, gespreizte Perioden, so gibt er kurzen, ein- 
fachen Sätzen den Vorzug. Konjunktionen treten ganz 
zurück, die Parataxe herrscht. Dabei halten sich Asyndeton 
und Polysyndeton die Wage. Meist fallen bei der Kürze 
der Sätze Satz- und Versende zusammen, sodaß sich Enjam- 
bement seltener findet. 

Durch diese kurzen Sätze erhält Sachsens Sprache den 
Vorzug der Klarheit und Bestimmtheit vor der breiten und 
doch oft verschwommenen Darstellungsweise des Dec. Auch 
im Kleinen ist dies Streben nach Kürze und Klarheit 
bei Sachs zu beobachten. Was die Übersetzung oft in einem 
längeren Satze darlegt, gibt er in einem prägnanten Worte, 
einem treffenden Ausdrucke. So ersetzt er ein „wiewol 
er nicht gar eyn köstlicher gelerter leser was“ des Dec. s. 
470, 3 durch — schwä 3,237,2 — „derselb gar seicht ge- 
leret was“ oder ein „nicht mynder in allen sachen kurcz- 
weilig“ (Dec. s. 474,18) durch schwä 2,333, 9 „der visierlich 
mon“. Ferner schreibt er statt: Dec. s. 359,29 „alle ploss 
vnd nacket“ — K. I, 246,17 ,muter — nackat“, Dec. s. 411,3 
„sy was weis vnd klüg in allen iren sachen iren schlechten 


73 Bestimmtheit. 73 


man in seiner eynfältikeyt gar wol erkant“ — schwä 3,118, 8 
„thet im schalcksperg hawen“; Dec. s. 353,16 „der da vogeln 
vnd iagen gewesen was“ — schwä4, 353,16 „kam von dem 
gejaide“; Dec. s. 485,1 „do log er bei der vngeschaffesten 
bübin die man in hundert landen hete finden mügen, die er 
mit großen seinen freüden in sein arm beschloß* — schwä 
4, 257,43 „In frewd der thum probst pey dem vnflat lage“ ; 
Dec. s. 41, 36 „sunder eyfeltiglichen, villeichte übriger hiez 
des weins oder freude vrsach gewesen was“ — schwä 3,174, 4 
„aus vnverdachtem muette“. 

Verwandt mit diesem Streben des Dichters nach treffen- 
der Kürze ist sein Streben nach Bestimmtheit. Allge- 
mein gehaltene Angaben der Novellen ersetzt er durch be- 
stimmte. Warten die Liebenden Dec. s. 352,17 „zü nechst 
vor der stat‘, so tun sie es K. II, 239,21 „beym thor“. 
Geht die Bäuerin Dec. s. 217,21 „eins tags“ beichten, so 
begibt sie sich schwä 83,22,17 „auf einen süntag zv der 
peychte“, und ist Dec. s. 412,20 von, dem Besuch des Ge- 
spenstes „in disen vergangenn nächten“ die Rede, so kommt 
es schwä 3,118, 37 „schir alle pfineztag nacht“. Oft ist ein 
abstrakter Ausdruck durch einen konkreten ersetzt. Bewegt 
Dec. s. 447,1 die Frau ihre Magd „mit großem Verheißen“ 
zu dem Dienst, so willigt diese schwä 1,75, 23 ein, nachdem 
ihr „ein schauben verhaysen“ ist. Plant der Markgraf Dec. 
s. 79, 8 für die beiden Liebenden „ein schantlichen tode“, so 
will er sie K. II, 231,29 „mit glüenden zangen | Eines jemer- 
lichen todts lan tödten“. Behütet der hlg. Antonius Dec. 
s. 401,5 die Herden „vor allem vngelück“, so schützt er sie 
schwä 2,217,30 „vor den wolffen“. Nur ganz selten hat 
Sachs einen bestimmten Ausdruck durch einen allgemeinen 
ersetzt; so Dec. s. 430,6 „zu Nena durch schwä 3, 
154, 7 „auf ein hochfest“. 

Durch diese Bevorzugung präziser Ausdrücke vor all- 
gemeinen dringt in die Sprache unseres Dichters ein Zug 
von lebenswahrer Realistik. Noch mehr tritt dieser zu Tage 
— worauf schon oben hingewiesen ist — durch Sachsens 


74 Realistik. Vorliebe für Zahlen. 74 


Vorliebe für Zahlen. Wo es nur angängig ist, verdrängt 
in seinen Dichtungen die Zahl den allgemeinen Ausdruck 
des Dec. Es steht statt: 

Dec. s. 42, 38 „etlichen tage* — schwä 3,174,20 „viertzig 
tage“; Dec. s. 62, 38 „der nicht lange zeit vergangenn 
tode waz“ — K. II, 285, 29 „vor eym jar war gestorbn“; 
Dec. s. 602, 13 „amacht von solcher stercke“ — K. II, 
204, 17 „schwer amacht, lag allso ein stund oder acht“; Dec. 
s. 74, 30 „sondern darzi gewan* — K. VUI, 631, 16 „in 
eim jar so viel nam“; Dec. s. 61,2 „namen alles das er het“ 
— K. I, 284,23 „Liessen im keines gulden wert“; Dec. s. 
604,11 „nicht lang vergieng“ — K.II, 205,22 „Nach dem 
drey monat“ ; Dec. s. 74,16 „wolfeil geben müst“ — K. VIII, 
630, 25 „must er die umb halbes gelt geben“; Dec. s. 216, 38 
mit etlichen seinen münchen“ — schwä. 3,22,6 „mit zwelff 
průdern“; Dec. s. 278,7 „gůte zeit“ — K. II, 217,20 „kaum 
ein virteil-jar“; Dec. s. 279,10 „in solchem leben“ — K. II, 
219,11 „ein monat schier“; Dec. s. 406,20 „ir opfer“ — 
schwä 3,117,49 „ein pfening“, schwä 2, 217, 99 „ain creuczer“ ; 
Dec. s. 361,30 „die tische“ — K.II, 248,33 „drey tisch“; 
Dec. s. 178,29 „hant vol pfenning“ — schwä 1,107, 27 „zwen 
marcell“; Dec. s. 479,9 „daz gesteyn“ — schwä 2,333, 152 
„edelgestain — pey dreyen meczen“; Dec. s. 446,31 „im 
nachvolget* — schwä 1,75,20 „drey gassen lang“; Dec. s. 
389, 20 „nach etlichem schritt“ — schwä 3,121,52 „nach 
dreyen schrietten“; Dec. s. 293,36 „eyn kleyn“ — K. II, 
214,20 „ein vierteil-stunt“. 

So gern verwendet Sachs Zahlen, daß wir sie sogar 
dort bei ihm finden, wo sie ganz selbstverständlich sind. 
Flieht z. B. Petrus Dec. s. 328, 17 „ze rosse“ mit seiner 
Geliebten, so ist es klar, daß sie ihre Flucht auf zwei 
Pferden bewerkstelligen, und schwä 3, 153, 9 „sich seczten 
auf zway ros“ ist darum überflüssig. 

Bestimmtheit mit klarer Anschaulichkeit ver- 
bindet Sachs in einer Reihe weiterer sprachlicher Änderungen. 


75 Anschaulichkeit. Komik. 75 


Sie bestehen darin, daß er ein Verbum des Dec. durch ein 
treffenderes ersetzt, das die Situation schärfer und anschau- 
licher wiedergibt. Wird der Arzt Dec. s. 519, 30 in seinem 
Staatskleide gezeichnet: „Der da aller mit scharlach und 
feche — — — verdecket was“, so heißt es von ihm schwä 
3, 181, 4 „Prangt her in kostlichem gewant“. 


Bald kennzeichnet der Dichter das Eilige einer Si- 
tuation: 

Dec. s. 549, 36 „auf sein achseln nam“ —- schwä 2, 218, 112 „den 
dotten aüf sein achsel schwüng“; Dec. s. 472, 20 „den korrock der 
frawen gab“ — schwa 3, 237, 22 „sein korrock von dem halse schwang“ ; 
Dec. s. 389, 17 „sich nächnet* — schwä 2, 247,103 „rent“; Dec. s. 559, 20 
„zů dem spile ginge“ — schwä 3, 215, 19 „Wider zum spilen lieffe“ ; 
Dec. s. 492, 10 „bin bereyt — — zegeen“ — schwä 4, 347, 20 „so lauft 
ich in die state“; Dec. s. 406, 20 „sich näheten“ — schwä 2, 217, 97 
„zv prueder Zwiffel drung“; 


bald das Heimliche: 

Dec. s. 559, 18 „zü angoliere ginge* — schwä 2, 246, 54 „thet in 
sein herberg schleichent gon“; Dec. s. 388, 1 „in die kuchen kame“ — 
schwä 2, 247, 17 „die schlicb int kuechen“; Dec. s. 476, 4 „von im 
ging“ — schwä 2, 333, 48 „Calandrin schlich darfon zv hand“; Dec. 
s. 413, 26 „alles zu hause truge“ — schwä 3, 118, 57 „schliech darfan“; 

das Unsichere: 

Dec. s. 549, 35 „in das grab steyge“ — schwi 2, 218, 105 „vnd 
dappet nach dem dotten vmb“, 

oder das Zufällige: 

K. II, 246, 29 „Der edelman erwischt ein ast“ — Dec. s. 360, 2 „zů 
seinen henden name“. 

Vielfach will Sachs dabei eine komische Wirkung 
erzielen. Dec. s. 501,1 „brauchten“ die Ärzte „alle kunst“, 
um den Studenten zu retten, schwä 3, 190, 32 „schmirten 
die arzet an im sieben wochen“. Badet die Frau sich Dec. 
s. 502, 25 „ezesiben malen“, so wird ihr schwä 3, 190, 43 
verordnet, „sich zw sieben mal“ zu „dükken“, und „ver- 
brennt“ sie Dec. s. 510, 23 durch die Glut der Sonne, so 
„müest sie da praten an der sünnen* — schwä 3, 190, 52. 


76 Künstlerische, poetische 76 


Von dem Mönch Albert, der als Engel Gabriel die Frau 
besucht, heißt es Dec. s. 261, 30 „er von ir schiede“, schwä 
4, 260, 27 „gegen tag flog er wider haim“, und „wirft“ er 
sich Dec. s. 263, 15 „in daz wasser“, so „flog er — schwä 
4, 260, 42 — züm laden nackat nab in ein canal“. 

Vielfach sind es künstlerische Rücksichten, die 
Hans Sachs veranlassen, vom Wortlaute der Übersetzung 
abzuweichen. Wie er alle unwesentlichen Nebenumstände 
(s. s. 26) wegläßt, so streieht er alles, was die Beschreibung 
zu sehr ins einzelne führen und die harmonische, poetische 
Wirkung schädigen könnte. Nie verrät aber seine Dar- 
stellung, daß wir vielfach nur eine gekürzte Wiedergabe 
des Dec.textes vor uns haben, sie erscheint vielmehr künst- 
lerisch abgerundet, lückenlos, wie aus einem Guß. Z.B. 
Dec. s. 277, 32 „iung schön vnd züchtig von loblichen syten 
vnd güter gewonheyt vol“ — K. II, 216, 9 „minigklich ||, 
schön, wol erzogen, adelich“; Dec. s. 282, 14 „von löblichen 
tugenten vnd züchten georniret schön von leib vnd gestalt“ 
— schwä 3, 6, 9 „ein jüngling auserkoren“; Dec. s. 410, 27 
„in seinem handel mer gelückhafftig dann weis in andern 
sachen, vnd vmb seiner eynfältigkeyt willen gern almusen 
— — gab“ — schwä 3, 118,5 „ainfeltig, schlecht vnd früm 
darpeye*; Dec. s. 282, 21 „in dem schlafe fürkam vnd 
daucht“ — schwä 3, 6, 34 „in dem schlaff ir erscheine“. 
Dabei befriedigt Sachsens Darstellung alle Ansprüche, die 
an Klarheit und Deutlichkeit zu stellen sind, z. B. Dec. 
s. 411, 25 „do würd er auf eynem pfal eyns esels schedel 
sehen, vnd wenn der gen der statt wercze mit dem maul 
gekeret wär das er dann dieselben nacht on alle sorge zü 
ir käme, — — — — wär aber sach das der eselsschedel 
gen dem perg wercz gekeret wär das er nicht käm dann 


der man komen wär“ — 
schwä 3, 118, 16: „Auf eim pfal stack pey den weinreben 
Ein esselskopf; vnd wen der spat 
Das maul hinein kert zw der stat, 
So solt er kumen mit pegiere ; 
Vmb kert pedeut den man pey ire“. 


77 Rücksichten. 17 


Vorzüglich abgerundet, kurz und doch schlagend und 
treffend sind die Reden bei H. Sachs: 
z.B.: „Mit dem mein hercz gelebet hat 
In freud, mit dem wil es in leit auch sterben“, schwä 3, 4, 127 
(Dec. s. 253); 
„Reit haim ziht ewre weiber“, schwä 3, 191, 20 (Dec. s. 280, 27); 
„Mein mörser ich im nymmer leich. 
Der dewfel im sein stempfel hol“, schwä 3, 237, 56 (Dec. s. 473, 13); 
„Dugent het ich pey dir gesucht; 
Ey mie felschlichen hastw mich bedrogen“, schwä 3, 4, 112 (Dec. 
s. 250). 

Häufig ersetzt Sachs einen allzu prosaischen Ausdruck 
des Dec. durch einen poetischeren. Dec. s. 280, 33 
„das tote haubt vnuerwesen* — K. II, 221, 28 „das todt 
haubet zart“; Dec. s. 280, 6 „mit iren herten zähern das 
haubt ze waschen — K. II, 220, 30 „wainet so in gantzen 
trewen“; Dec. s. 254, 34 „guldene begrebnusse* — schwä 
3, 4, 153 „gulden grabe“. 

Besonders den Liebesscenen des Dec. sucht Sachs ihre 
trockene Nüchternheit zu nehmeu. Da lesen wir Dec. 
s. 278, 6 „vnd verbrachten das beyder begire vnd willen 
gewesen war“ — schwä 4, 509, 11 ‚also in frewden reichem 
lieben | Sie haimlich gar vil zeit vertrieben“; Dec. s. 216, 31 


„also sölche liebe on frucht getragen ward“ — schwä 1, 
85, 9 „doch ir lieb nit genossen“; Dec. s. 173, 27 „zu mer 
malen die künigin leyplichen erkant“ — stud. II, anbg. 


30, 46 „in suesser liebe wart im warm“. Nicht selten ver- 
wendet Sachs hierbei Metaphern aus dem Naturleben: 
Dec. s. 103, 16 ,meiie freüde anbub“ — K. II, 235, 11 
„wurd new freud blüen vnd grünen“; Dec. s. 249, 10 ‚do 
sy in grossen freuden vnd lust den merern teyl desselben 
tages in liebe vertrieben“ — schwä 3, 4, 22 „do nossen sie 
der liebe brunn | In honigsüßer freud vnd wunn“; Dec. 
s. 282, 19 ‚ir freud mit eynander heben“ — schwä 3, 6, 25 
„Da prachen sie die plümen | Der süssen lieb nach ires 
herczen ger“. | a 

Oft verdrängt eine einfache, volkstümliche Wendung 


78 Epitheta. 78 


den Ausdruck des Dec. Dec. s. 252, 1 ,,von fleysch vnnd 
nicht steyn“ — schwä 3, 4, 120 „fleisch vnd plut“; Dec. 
s. 550, 2 „noch mich mit treüen meyne, der mir wol wölle“ 
— schwä 3, 191, 5 „kein mensch auf ert wolt haben lieb‘; 
Dec. s. 272, 31 ,,ferr in fremde lande* — schwä 3, 5, 17 
„weit vnd preit“; Dec. s. 288, 8 „von ganczem herzen ir 
begeren was‘ — K. II, 223, 10 ,,derselb het lieb“; Dec. 
s. 228, 1 „von ganczem irem herczen lieben vnnd gefallen 
warde“ — schwä 4, 509, 9 „den gewan herzlieb die jünck- 
fraw“. 

Große Sorgfalt hat Sachs auf die Epitheta verwendet 
und durch sie seiner Sprache eine sinnliche Anschaulichkeit 
verliehen, welche der Übersetzung fremd ist. Besonders 
liebt er zuständliche Epitheta und darunter gibt er 
wieder den farbenreichen den Vorzug. Vielleicht läßt 
sich in dieser Neigung noch ein Einfluß des Volksliedes 
erkennen, (vgl. Uhland „Volkslieder“ „grün“ — klee, 34, 
A. 3; Gras, 39, 1; Wald, 49, 4; „gelb“ — Haar, 42, B. 3, 
„braun“ — Seide 42, B. 3; „weiß“ — Gans, 10, 18; „schwarz“ 
— Rabe 10, B, 8 etc.). 

Er spricht von „schwarczen kolen“, schwä 2, 217, 76 
(Dec. s. 404,15 „kolen“), von „schwartz witwen-gewandt‘, 
K. II, 229, 38 (Dec. s. 94, 28) witib kleyde‘) und von dem 
schwarzen „weiller tüch‘, schwä 1, 85,30 (Dec. s. 552, 23 
„weyl‘). Weiß sind „korrock‘, schwä 3, 237, 28 (Dec. 
s. 472,29); „kele“, schwä 3, 5,133 (Dec. s. 276, 14), „silber“, 
schwä, 1, 61, 54 (Dec. s. 406); rot — „goldt“, schwä 3, 6, 69 
(Dec. s. 283,13); grün seiden tuch“, schwä 3, 3, 184 (Dec. 
s. 280, 9) und „sittig federlein“, schwä 2, 217, 50 (Dec. 
s. 403, 15); klar — „goldt“, schwä 3, 4,1834 (Dec. s. 254, 9); 
bleich — „mund“, schwä 3, 3, 165, schwä 4, 509, 41 (Dec. 
s. 280, 7); K. II, 205, 5 (Dec. s. 602, 31) und „angesicht‘“, 
K. II, 241, 37 (Dec. s. 3855, 21); finster — „nacht“, schwä 
3, 119, 20 (Dec. s. 547, 26), K. II, 228, 19 (Dec. s. 92, 16); 
stud. II anhg. 30, 28 (Dec. s. 172, 37); „wald“ K. II, 207, 12 
(Dec. s. 312,1) und „holcz‘‘ schwä 3, 153, 14 (Dec. s. 328, 83). 


79 Epitheta. | 79 


Wunden sind tief, schwä 3, 5, 121 (Dec. s. 276, 6); schwä 
3, 3, 102, K. II, 218, 29 (Dec. s. 278, 29); K. II, 220, 14 
(Dec. s. 279, 35). Tief ist auch das Meer, K. VIII, 632, 4 
(Dec.’ s. 75,6); K. II, 237, 11 (Dec. s. 350, 26), K. II, 229, 3 
(Dec. s. 93, 11), K. II, 208, 39 (Dec. s. 320, 24), aber auch 
weit K. II, 228, 7 (Dec. s. 92, 2). Kraus ist das „har“ 
K. XXII, 437, 25 (Dec. s. 343, 19), schmal sind die „kräntz“, 
K. XX, 446, 36 (Dec. s. 614,31), kühl das „wasser“, schwä 
3, 6, 111 (Dec. s. 284) und frisch die „erd“ K. II, 220, 38 
(Dec. s. 280, 10). 

Durch den Gebrauch zusammengesetzter Epitheta 
wirkt Sachs noch stärker auf die Anschauung ein!). Er ersetzt 
durch ein derartiges Epitheton gelegentlich zwei Epitheta 
der Übersetzung, etwa „muter-nackat“, K. II, 246, 17 für 
Dec. s. 359, 29 „alle ploß vnd nacket“ oder „wunder 
schön‘, K. XX, 445, 9 (Dec. s. 614, 7 „schönen köstlichen‘), 
, dot farb pleiche“, schwä 3, 3, 124 (Dec. s. 279, 14 ,,aller 
bleych vnd vngestalt‘); sonst finden sich ,,kol- schwartz‘ 
K. II, 246, 24 (Dec. s. 359, 33) ,,zinnlauter“, K. XX, 447, 5 
(Dec. s. 615, 5); ,,silberklar“, Goed. ,,dichtg. I, s. 191, 8 
(Dec. s.312, 4); ,zirckelrund*, K. XX, 447, 4 (Dec. s. 614, 21); 
»stiedfol‘, schwa 3, 238, 15 (Dec. s. 424); ,trief naB“, schwa 
4, 665, 50 (Dec. s. 391, 9). 

Doch treten im Vergleich zu den zuständlichen Epithetis 
die psychologischen keineswegs in den Hintergrund. 
Oft ersetzen sie vielmehr matte Epitheta der Übersetzung, 
z. B. „dotlich neid“ K. XXII, 437, 8 (Dec. s. 340, 2 
„grosser“), „hertten schlaff“, schwä 4, 262,9 (Dec. s. 301, 31); 


1) Aus demselben Grunde verwendet er zusammengesetzte Sub- 
stantiva: „schlotter hosen“, schwä 2, 333, 99 (Dec. s. 477, 27 „hosen“); 
„kamerfenster“, schwä 2, 218,116 (Dec. s. 550,4 „fenster“); „mündkoch“, 
schwä 2, 247, 7 (Dec. s. 387, 31 „koch“); wurtz-scherben“, K. II, 220, 36 
(Dec. s. 280, 7 „scherben“); „herren-sitz“, K. II, 246, 1 (Dec. s. 359, 6 
„gesässe“); „freuden-wain“, K. II, 234, 28 „freudenfewer“, K. II, 234, 29 
(Dec. s. 102 ,freude“); „rossen krenczeleine“, schwä 3, 6, 123 (Dec. 
8. 284). 


80 Epitheta. 80 


„prünstig liebe“, schwä 3, 119, 27 (Dec. s. 549, 7 „groß 
überflüssig“); noch häufiger fügt Sachs sie erst hinzu und 
verleiht dadurch dem Substantiv erst seine rechte, Wirkung. 
So spricht er von stolzen, K. II, 248, 14 (Dec. s. 361, 9) 
oder strengen Rittern, schwä 3, 5, 27 (Dec. s. 273, 6); 
schwä 3, 5, 191 (Dec. s. 277), vom künen Degen, schwä 
3, 5, 13 (Dec. s. 272, 29), von der elenden Frau, K. II, 
229, 5 (Dec. s. 93, 11), dem traurigen Weib, schwä 3, 3, 
173 (Dec. s. 280) und der traurigen Seele, K. II, 222, 3 
(Dec. s. 281, 1). 

Wild ist das Meer, schwä 3, 5, 171 (Dec. s. 276, 35), 
grimmig der Zorn, K. II, 240, 31 (Dec. s. 354, 1, grimm 
der Tod, schwä 3, 22, 103 (Dec. s. 221), K. II, 220, 16 (Dec. 
s. 279). Reichste Abwechslung weisen die Epitheta auf, 
die Sachs mit der Liebe verbindet. Die Übersetzung hat 
meist kein Epitheton, höchstens „groß“. Bei Sachs dagegen 
ist sie: streng, K. II, 203, 5 (Dec. s. 625); schwä 3, 3, 28 
(Dec. s. 278, 5); schwä 3, 5, 106 (Dec. s. 276, 1); schwä 3, 
5, 184; schwä 3, 6, 10 (Dec. s. 282, 13); schwä 3, 4, 103, 
(Dec. s. 250, 17); K. IL, 245, 9; K. XX, 447, 34); pitter, schwa 
3, 6, 14 (Dec. s. 282); recht, schwä 3,4,125; (Dec. s. 251, 31); 
schwä 3, 5, 42 (Dec. s. 273); plint, schwä 2, 218, 94 (Dec. 
s. 549, 17); flammend, K. XXII, 299, 6; brinnend, K. 
II, 204, 28 (Dec. s. 602, 37); sues, schwä 5, 700, 51 (Dec. 
s. 468); K. 238, 10; starck schwä 2, 218, 151 (Dec, s. 550, 22); 
K. XXII, 419, 3; hert K. II, 249, 30 (Dec. s. 362, 29). 

Fiir einige Epitheta zeigt Sachs eine auffallende Vor- 
liebe, so für „köstlich“. Er übernimmt es aus der Uber- 
setzung: schwä 4, 261, 59 (Dec. s. 90, 10); schwä 4, 261, 29 
(Dec. s. 87,12); schwä 4, 294, 17 (Dec. s. 146, 9); K. II, 205, 25 
(Dec. s. 604, 17); er fügt es hinzu oder ersetzt ein anderes 
Beiwort damit: K. II, 205, 14 (Dec. 3. 609, 9); K. II, 201,11 
(Dec. s. 619, 17); K. U, 248, 37 (Dec. s. 361, 33), schwä 3, 
181, 4 (Dec. s. 519, 27); schwä 1, 78, 4; schwä 2, 217, 32 
(Dec. s. 401, 16). Auch das Epitheton ,,miniklich“, das die 
Übersetzung nicht kennt, liebt er. Es findet sich sowohl 


81 Lebhafte Sprache. 81 


in Gedichten aus der früheren wie der späteren Zeit: K. II, 
216, 9; schwä 3, 4, 16 (Dec. s. 247, 27); schwä 3, 5, 109; 
schwä 3, 6, 6 (Dec. 282, 11); schwä 1, 75, 2 (Dec. s. 445, 16), 
schwä 1, 78, 12 (Dec. s. 522, 1). Umgekehrt meidet Sachs 
auch Epitheta wie z.B. hübsch, (s. oben s. 68). 

Die nachgestellten Epitheta, die bei Sachs recht häufig 
sind, dienen fast durchweg nur als Flickworte, um einen 
Reim zu schaffen (s. unten s. 98). — 

Bewegt sich die Sprache des Dec. meist in gleichmäßigem, 
ruhigen Flusse, so ist Sachsens Sprache lebhaft. Er er- 
reicht dies durch die kurzen Sätze, in die er den Perioden- 
bau der Übersetzung auflöst, und dadurch, daß er vielfach 
die indirekte Rede des Dec. durch die direkte ersetzt. Z.B. 
Dec. s. 560, 2 „er wer ein pübe schalcke vnd loter, vnd 
schonet er sein selbes nicht er machet in an ein galgen 
hencken“ wird schwä 2, 246, 81 

„Dw schalck, heb dich von mir an galgen 
Vnd las die raben mit dir palgen“. 
Ebenso: 

Dec. s. 581, 29 — schwä 3, 191, 34; Dec. s. 591,28 — 
schwä 3, 70, 18; Dec. s. 553, 30 — schwä 4, 263, 63; Dec. 
s. 474, 37 — schwä 2, 333, 28; Dec. s. 276, 36 — schwä 
3, 5, 169; Dec. s. 289, 32 — K. II, 224, 32; Dec. s. 42,2 — 
schwä 3, 174, 5; Dec. s. 278, 18 — K. II, 218, 5. 

Gelegentlich wird auch die einfache Erzählung zu einem 
Dialog, z. B.: 

Dec. s. 475 — schwä 2, 333, 34; Dec. s. 277,2 — schwä 
3, 5, 179; Dec. s. 278, 29 — K. II, 218, 22. 

Wie volkstümlich Sachsens Sprache ist, haben wir bereits 
oben (s. 67 f.) gesehn. Volkstümlich sind auch die altererbten 
Wendungen, mit denen er sich an seinen Leser wendet, etwa 
„Hört“ schwä 3, 121, 1, schwä 4, 240, 15; „Hört zu ein 
kleglich histori“, | Wol zu behalten in memori, K. II, 233, 1; 
oder „nün wöl wir zu dem jungen keren“, K. II, 230, 4; 
„nun hört wünder fürpas“, schwä 3, 3, 170. 

Um seiner Sprache Nachdruck zu verleihen, wendet 

Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 6 


82 Synonymisch 82 


H. Sachs gern synonymisch gepaarte Begriffe an. 
Zwar zeigt bereits die Ubersetzung eine Vorliebe fiir diese 
Figur: Dec. s. 289, 10 ,zeweynen vnd zeklagen* — K. II, 
224, 12 „weinen und klagen“; Dec. s. 350, 27 „knaben vnd 
meyden* — K. II, 237, 15 ,meydlein vnd knaben“; Dec. 
s. 254, 29 „begir vnd freude“ — schwä 3, 4, 147 „wun vnd 
freyt“; Dec. s. 330, 3 „engsten vnd sorgen‘ — schwä 3, 
153, 33 „sorg vnd angst“. 

Jedoch hält Sachs sich nicht in dem Rahmen seiner Vor- 
lage, sondern geht weit über ihn hinaus. Am häufigsten 
sind unter den Synonymis die Substantiva und unter diesen 
wieder die Abstrakta, verhältnismäßig selten die Verba. 

Wir finden Substantiva: 

„pôswicht vnd erendieb“ schwä 4, 447, 47 (Dec. s. 198, 30 
„pöser zenichter man“); „fürst vnd herre‘‘ schwä 4, 240,13 
(Dec. s. 33, 37 „herre‘); „proces vnd priester schar“ schwä 
‚3, 6, 179 (Dec. s. 287,4); „lappen vnd thorn“ schwä 2, 218, 
196 (Moral)!); „weib vnd mon“ schwä 1, 61, 12, schwä 2, 
217, 61 (Dec. s. 400, 37 „herren vnd — — — frawen‘“); 
„dreck vnd kot“, schwä 4,260, 58) (Dec. s. 265,3 „mit aller 
vnreynikeyt‘‘); „harnisch vnd were“, schwä 3, 5, 64 (Dec. 
s. 275, 2 „zūrüstet vnd wapent“); „panzer vnd harnisch“, 
schwä 1, 74, 37 (Dec. s. 432,31 „wol gewappent‘‘); „vässer 
vnd stübich“; K. VIII, 633, 17 (Dec. s. 76, 10); „stras vnd 
weg“ schwä 3, 153,20 (Dec. s. 328, 35); „wellen vnd vnden“, 
K. VIII, 634, 2 (Dec. s. 76); ,,ratim noch placz“ schwä 2, 
218, 154 (Dec. s. 550); „schenck vnd gab“, schwä 5, 700, 12 
(Dec. s. 467); „gut vnd erbthail“ K. II, 232, 13 (Dec. s. 98, 29); 
„vernünft vnd verstant“, schwä 2, 217, 22 (Dec. s. 401, 35): 
„hilff vnd rettung‘‘, K. II, 246,28 (Dee. 8.359, 31 „genade‘'); 
„hilf vnd erzney‘‘ schwä 3, 190, 35 (Dec. s. 501, 38); „sel 
vnd leib“ schwä 2, 333, 180 (Dec. s. 480, 21): „sůnd vnd 


1) „Moral“ bedeutet, daß sich für dieses Zitat eine Parallelstelle 
aus Dec. nicht anführen läßt, da es sich in der von Sachs zugefügten 
Moral findet. 


83 gepaarte Begriffe. 83 


schulde“ schwä 3, 22, 60 (Dec. s. 221, 17 ,,siinde“): ‚syn 
und witz“ K. II, 207, 20, schwä 1, 74, 62 (Moral); „angst 
vnd not“ K. II, 231, 39 (Dec. 236, 31) ,,trew vnd ehr“ K. 
VIII, 631, 9 (Dec. s. 74); „rhum vnd ehr“, K. XX, 450, 22 
(Moral); „lieb und trew“, schwä 3, 190, 33 (Dec. s. 501, 9); 
„hüeld vnd lieb“, schwä 2, 218, 26 und 44 (Dec. s. 547, 35); 
schwä 3, 22, 54 (Dec. s. 221, 3); „günst vnd lieb“, schwä 
2, 218, 46 (Dec. s. 548, 11 „liebe‘‘); stud. II, anhg. 30, 12, 
schwä 3, 4, 45 (Dec. s. 248, 11); schwä 4, 466, 25 (Dec. 
s. 566); schwä 4, 474, 7 (Dec. s. 195, 1 „hulde‘); K. II, 
201, 25 (Dec. s. 617, 28 „liebe“); „werbung und bitt“ K. II, 
245,15 (Dec. s. 358,20); „ursach und grund“ K. XX, 450, 17 
(Moral); „ursach und bequem‘, K. II, 240, 5 (Dec. s. 353, 11); 
„mhü vnd arbeit‘; K. VIII, 635, 3 (Dec. s. 78,8 „dienst“); 
„lieb vnd scherezen‘, schwä 4, 260, 14 (Dec. s. 260, 14 
„freüd“); ,,lob vnd ehr“ K. XX, 448, 30 (Dec. s. 617,23 „güts“); 
„lon vnd danck‘“, schwä 2, 333,209 (Dec. s.481); „huld oder 
genadt“, schwä 3, 4, 126 (Dec. s. 251, 27 „huld‘“); „glueck 
vnd hail“, schwä 2, 218, 194 (Moral); ,,freiid, kein wiine“, 
schwä 3, 6, 194 (Dec. s. 287); K. II, 217, 16, K. II, 223, 27, 
schwä 2, 247, 130, (Dec. s. 389); schwä 3, 153, 55 (Dec. 
s. 333, 9 „freüde“); schwä 3, 4, 147 (Dec. s. 254, 2 „begir 
vnd freude‘); schwä 3, 4, 63 (Dec. s. 259, 10 ,,freuden vnd 
lust“); „zuecht vnd scham‘, schwä 1, 63, 58 (Dec. s. 550, 37 
„erber‘‘); schwä 3, 119, 58 (Dec. s. 550); „ehr und zucht‘, 
K. II, 206, 2 (Moral); „vnglueck vnd gefer“, schwä 2, 218, 189 
(Dec. s. 550); „vnfal vnd peschener schade“, schwä 4, 387, 39 
(Dec. s. 62); „schant vnt spot‘, schwä 4, 260, 57 (Dec. s. 265, 4 
„mit bösen vnzüchtigen worten‘“); schwä 4, 257, 60 (Dec. 
s. 486, 14 „pein‘); schwä 2, 246, 123 (Dec. s. 561, „forcht 
vnd graus“, schwä 1, 63, 37 (Dec. s. 549, 36); „ranck vnd 
list“, schwä 2, 218, 154 (Dec. s. 550, 37); „ach vnd wee‘, 
K. II, 225, 19 (Moral); schwä 3, 6, 206 (petrüg vnd list“, 
schwä 3, 333, 114 (Dec. s. 477, 37); „seüffezen vnd echcezen‘‘, 
schwä 3, 6, 105 (Dec. s. 284,1 „ächezen‘); „gron vnd mürren‘“, 
schwä 4, 295, 4 (Dec. s. 573); „hewlen vnd prüemen“, schwä 
6 * 


84 Synonymisch 84 


3,18), 45 (Dec. s. 528,28); „schmertz vnd weh“ K. II, 240, 11 
(Dec. s. 353, 14 „pein“) „wainen vnd klagen“ K. II, 247, 24 
(Dec. s. 359, 31 „schreyen); „feülen vnd geprüech“ schwä 3, 
3, 188 (Dec. s. 280). 


Adjektiva und Adverbia. 

„alt vnd jüng*, schwä 1, 61, 48, schwä 2, 217, 98 (Dec. 
s. 406, 18 „volck“); schwä 3, 191, 56 (Moral); „res vnd 
scharffe“ schwä 4, 347, 40 (Dec. s. 493, 27 „pitter“); K.II, 
213,18 „still und verschwigen“ K. II, 240,9 (Dec. s. 353,14); 
„stilschweigent vnd vngeret“ schwä 4, 257,22 (Dec. s. 483,33 
„nicht reden noch sprechen‘); „haimlich vnd zam“, schwä 3, 
6, 72 (Dec. s. 283, 11 „heymlich“); „plos vnd vnbedecket“, 
schwä 3, 6, 130 (Dec. s. 285, 13); „schwach vnd mat“, schwä 
3, 5, 126 (Dec. s. 276, 10), K. II, 219, 32 (Dec. s. 279, 25); - 
„krumb vnd hökericht“, schwä 4, 465, 26 (Dec. s. 390, 10); 
„zornig vnd bitter“, schwä 4, 419, 31 (Dec. s. 576, 22 „der 
czörnigest man“); ,zornig vnd unmutig“, K. II, 240, 1 (Dec. 
s. 353, 6 „vnmütig“); „sues vnd guette“, schwä 3, 174, 8 
(Dec. s. 42,2 „gūten“); „faist vnd wolgemest“, schwä 3, 70, 5 
(Dec. s. 591, 20); „doll und wütig“, K. II, 245, 19 (Dec. 
8. 358, 29); „stoltz vnd ubermütig“, K. II, 245, 18 (Dec. 
s. 358, 24); „hitzig und strenger“ K. II, 245, 25 (Dec. 
s. 358, 31 „grösser“); „haimelich vnd leise“ schwä 3, 238, 10 
(Dec. s. 424, 30); „schlecht vnd ainfeltig“ schwä 3, 181, 22, 
schwä 1, 78, 22 (Dec. s. 519, 30); „fro vnd wolgemüet“, 
schwä 2, 218, 46 (Dec. s. 518, 13 „güten willen“); „frisch 
vnd wolgemut“ K. II, 202, 21 (Dec. s. 622, 30); „zuechtig 
vnd schön“, schwä 4, 257,2 (Dec. s. 481,32 „edle“); „hackent, 
krombe“, schwä 4, 465, 11 (Dec. s. 390, 10); „statzet vnd 
vnberedet“, schwä 4, 465, 13 (Dec. s. 390, 10); „leis vnd 
gemach“, schwä 4, 474, 35 (Dec. s. 198, 14 „senfter nyder 
stimme“); „senfft vnd lind“ K. II, 228, 29 (Dec. s. 92, 35); 
„grim vnd wüetig“, schwä 4, 474, 52 (Dec. s. 201,13 „zorn“); 
„minniclich vnd schön“, schwä 1, 78, 12 (Dec. s. 522, 1); 
„grob vnd vngelachsen“, schwä 1, 78, 61 (Moral); „frech vnd 


85 gepaarte Begriffe. 85 


gögel“, schwä 1, 77, 8 (Dec. s. 554, 28); „auffrichtig und 
recht“, K. II, 238, 9: (Dec. s. 351, 2); „erschluechezt und 
trawrig, schwä 1, 75, 37 (Dec. s. 448, 21 „weinent“); „stil 
vnd güetig“, schwä 4, 474, 54 (Dec. s. 201, 16); „still vnd 
rhüiges“, K. XX, 449, 13 (Dec. s. 618,21 „frei vnd frölich*“); 
„gech und bhend“, K. II, 244, 4 (Moral); „schnell vnd be- 
hend“, K. VIII, 631,29 (Dee. s. 74,38); „schnel vnd runde“, 
schwä 4, 465, 7 (Dec. s. 390); „schnel vnd palde“, schwä 3, 
8, 88 (Dec. s. 278, 29); schwä 3, 3, 144 (Dec. s. 279, 23); 
„hellig vnd müed“, schwä 2, 333, 143 (Dec. s. 478, 37); 
»weisslich und klug“, K. XX, 448, 34 (Dec. s. 618, 7); 
„gewis vnd war“, schwä 2, 218,33 (Dec. s. 547,30); „künst- 
lich vnd artlich*, K. XX, 445, 8 (Dec. s. 614, 7 „schönen 
köstlichen“); „offt vnd dick“, schwä 3, 3, 31 (Dec. s. 278, 3 
„stätz“); K. Il, 224, 4 „wol vnd recht“, K. II, 230, 37; 
schwä 2, 246, 10 u. 18 (Dec. s. 558, 35 u. s. 559, 1); „lieb 
und werd“ K. II, 238, 1 (Dec. s. 351, 1). 


Verba. 


„weinet vnde achet“, schwä 3, 3, 142 (Dec. s. 279, 26 
„zeweynen“); „gronet vnd eyffert”, schwä 1, 107, 5 (Dec. 
s. 428,28 „eyfern“); „keichent vnd plasent“, schwä 2, 333, 140 
(Dec. s. 478, 37); „schlueg vnd raüst“, schwä 4, 347, 13 
(Dec. s. 491, 3); „martren vnd plagen“, schwä 3, 174, 27 
(Dec. s. 43, 9); „sas zu disch vnd as“, schwä 3, 237, 40 
(Dec. s. 472, 35 „zů tisch gesessen waren“); „fecht vnd 
überwint“, schwä 2, 218, 185 (Moral); „sewfzt vnd pewaint“, 
schwä 4, 509, 40 (Dec. s. 280, 6 „zeweynen); „rueffet vnd 
schray“, schwä 3, 153,25 (Dec. s. 329,22 „rüffet“); „schluegen 
vnd stachen“, schwä 4, 295, 41 (Dec. s. 574, 33); K. XXII, 
437, 22 (Dec. s. 341, 19 „ein slachen machet“); „lied er 
alles vnd sich schmüeg“, schwä 2, 218, 110 (Dec. s. 550, 1); 
„regiert und guberniert“, K. II, 237, 3 (Dec. s. 350, 21 
„regiret“); „zerfressen vnd verschlunden“, K. II, 247, 31 
(Dec. s. 360, 30 „zü essen geben“). 


86 Dreigliedrige 86 


Wiederholt sind die synonymisch gepaarten Begriffe 
durch Alliteration verbunden 1). 


Substantiva: „kraczen vnd mit krelen“, schwä 4, 
466, 52 (Dec. s. 568, 10 „zü kraczet*); „nüecz vnd not“, 
schwä 2, 246, 124 (Moral); „hawt vnd har“, schwé 3, 190, 53 
(Dec. s. 510, 32 ‚„leib“); „hof vnd hauss“, K. XX, 450, 10; 
schwä 2, 246, 127 (Moral); „werken vnd worten‘“, schwä 2, 
218, 174 (Moral); „rhw noch rast“, K. Il, 217, 6 (Dec. 
s. 278, 5). 

Adjektiva und Adverbia: „pleich vnd pluetig“, 
schwä 4, 509, 24 (Dec. s. 279, 14 „bleych und ungestalt“); 
„hin vnd here“, schwä 3, 6, 87 (Dec. s. 283, 31 „dick“); 
schwä 3, 181, 50 (Dec. s. 529, 34); schwä 3, 22, 45 (Dec. 
s. 220, 25); „stille vnd steter“, K. VIII, 631, 38 (Dec. s. 75, 4); 
„guetig vnd guetwillig“, schwä 3, 191, 42 (Dec. s. 581, 33); 
,frim vnd eren fest“, schwä 3, 119, 10 (Dec. s. 546, 18 
„erber“); „richtig vnd recht“, schwä 3, 22, 167 (Moral). 

Verba: „wuchs und wudlet“, K. II, 221, 8 (Dec. 
s. 280, 19 „ward‘). 


Gelegentlich kommen auch Reime vor: 


„lüeg vnd petrüeg“, schwä 2, 217, 110 (Moral); „weit 
vnd preit“, schwä 3, 5, 17 (Dec. s. 275, 31 „ferr‘‘). 


Auch synonyme Begriffe von drei und mehr Gliedern 
sind bei unserm Dichter nicht selten, und auch hier hat er 
sich nicht an die ihm durch die Übersetzung gezogenen 
Grenzen gehalten. 


Es finden sich Substantiva: 
„schmach, schant vnd vneer“, schwä 5, 700, 19 (Dec. 
s. 467); „schaden, schant vnd spot“, schwä 2, 246, 123 





1) Auch sonst findet sich der Stabreim: „haim in ir hause hueb“, 
schwä 3, 3, 174; „ir vatter het sie herczlich holt“, schwä 3, 4, 33; 
„schwerlich schwanger“, K. II, 239, 37; „liebe leben“, schwä 5, 700, 51; 
„grossem graus“, schwä 1, 78, 53; „wainet er und wand sein hend“, 
K. II, 285, 5; ,seufftzer sencken“, K. II, 217, 5; „schne geschneit“, schwä 
3, 190, 5; „clag so — — cleglichen was“, schwä 3, 6, 113 u. a. m. 


Synonyma. 87 


(Moral); K. XX, 450, 6 „zusagüng, er vnd trew“, schwä 2, 
246, 120 (Moral); „gmit, hertz vnd sin“, schwä 3, 3, 149 
(Dec. s. 279, 36); „wiez, künst vnd verstand“, schwä 3,181, 3 
(Dec. s. 519, 29 „mer reiche an erbe dann an synnen vnd 
künsten“); „vnzüecht, spil vnd füell“, schwä 2, 246, 112 
(Moral); „rum, preis vnd er“, K. XXII, 419, 27; ,,lob, preiss 
vnd ehr“, K. XX, 448, 12; „lob, preiss vnd dank“, schwä 
3, 173, 58 (Dec. s. 607, 31 „erren vnd reuerenz‘“); „mittel, 
ent vnd anfanck“, schwä 3, 173, 57 (Dec. s. 607); K. II, 
244, 5 (Moral); „entseczüng, forcht vnd groser schrecken“, 
schwä 2, 218, 100 (Dec. s. 548, 19 ,,forcht vnd erschrecken“); 
„mit forchten, schrecken vnd mit winseln“, K. VIII, 631, 36 
(Dec. s. 75, 3); „herzen, hand vnd münd‘“, schwä 2, 333, 217 
(Moral); „sorg, herczlaid vnd angst“, schwä 4, 261, 15 (Dec. 
s. 84, 28 „im grauen ward“); ,,hercz, marck vnd gepein“, 
stud. IT, anhg. 30, 65 (Dec. s. 175, 3 „hercze‘‘); „gelück, 
freüd oder lüst‘“, schwä 3, 5, 202 (Moral); ,,armut, angst 
und not“, K. VIII, 632, 17 ,,.kummer, triibsal, angst und 
not“ | Und ellend“, K. II, 234,8 (Dec. s. 100,19 „pein — — 
schmerczen); ,,trew, lieb und gunst —“, K. II, 202, 33 (Dec. 
s. 623); „stam, | Von gwalt, reichthumb, geschlecht vnd nam“, 
K. II, 242, 80 (Dec. s. 356, 6 ,,er ist ir nicht minder wirdig“); 
„jamer, angst und plag“, K. IT, 247, 20, (Dec. s. 360, 24 ,,pein“). 

Adjektiva und Adverbia: ,,haimlich, stil | ver- 
schwiegen‘“, schwä 4, 474, 55 (Dec. s. 201, 1); „ainfeltig, 
schlecht vnd frum‘“, schwä 3, 118, 5 (Dec. s. 410, 27); „ein- 
feltig, dolpet, schlecht vnd grob“, schwä 3, 22, 9 (Dec. 
s. 217, 7 ,, schlecht grob man“); ,,ziichtig, demiitig, schlecht“, 
K. XX, 449, 34; ,,schwind, listig, rind, schwa 2, 333, 217 
(Moral); ,,listig, verschlagen, schwind vnd rüend‘, schwä 1. 
61, 3 (Dec. s. 400,26); „dol, daüb vnd plint‘, schwä 2, 218, 86 
(Moral); „fein, hofliich, wolgethone“, K. I, 216, 5°; „ver- 
püebt, verspielet und verthon“, schwä 2,246, 13 (Dec. s. 559, 4 
»Spiler were“); ,frostig, zittrend vnd ellend“, K. IT, 285, 6 
(Dec. s. 61, 17); „dürr, blaich vnd mager“, K. II, 233, 12 
(Dec. s. 93). 


88 Dreigliedrige 88 


Verba: „merck, sech prüeff vnd spüer“; schwä 2, 218, 
188 (Moral); „cleglich thet, | schrir, waint“, schwä 2, 246, 97 
(Dec. s. 561,3 „schrey“); „dienen, bulen und hofieren“, K. II, 
245, 17 (Dec. s. 358, 32 „hoffiren“). — 

Nur ein kleiner Schritt ist von der Gliederung mehrerer 
synonymer Begriffe bis zur Aufzählung schlechthin. Wir 
finden sie bei ‚Sachs außerordentlich häufig und meist sehr 
reich an Gliedern. Entweder erweitert er dabei eine Auf- 
zählung der Übersetzung, gewöhnlich bildet er sie sich aber 
erst vollständig von neuem. 

Substantiva: „kapaünen, | Hüner, fögel vnd fisch“, 
schwä 1, 77, 68 (Dec. s. 557, 27 ,capaun“); ,Gelt, wain, 
draid, pachen, sambt den witersten“, schwa 2, 217,28 (Dec. 
s. 401, 2 „korn, wein vnd brot“); „arme, lent vnd kopf“, 
schwä 1, 75, 44 (Dec. s. 447,18); „Hosen, wammas vnd auch 
darzwe | Capen, hüet, stiffel vnd hantschwe“, schwä 2, 246, 47 
(Dec. s. 559, 17 „gewante“); „geld, gewand vnd pferd“, 
K. II, 284, 22 (Dec. s. 61, 2 „namen alles das er het“); 
»kargen, | vnhöf-lich, geiczig, argen“, schwä 1, 77, 1 (Dec. 
s. 554, 20); „sammt, seiden, rosin, mandel“, schwä 4, 509, 6 
(Dec. s. 277); „schön, weiss, berd, sitten, tugendt“, K. II, 
238, 17 (Dec. s. 351,9 „zucht tugend“); „nam | Jugend, adel, 
reichthumb und stam“, K. II, 250, 8 (Moral). 

Adjektiva und Adverbia: „kurz, dölpent vnd eis- 
grabe“, schwä 4, 465, 25 (Dec. s. 390, 10); „schön vnd zart, | 
holtselig, frimb vnd gueter art“, schwä 3, 154, 3 (Dec. 
s. 428, 27 „schönes weyb“); „högricht, stinckent, lawsig, 
kreczig vnd fawle“, schwä 4, 257, 14 (Dec. s. 484, 10); 
_,Schwarzer, schleimiger, nasser“, schwä 2, 3833, 98 (Dec. 
s. 479, 26); „schôn, jung vnd gail“, stud. II. anhg. 1, 35; 
„reich, jung, schön und gerade“, K. II, 204, 5 (Dec. s. 602, 2 
„edel vnd reich“); „schön, jung, gerad vnd sinnenreich“, 
schwä 3, 4, 40 (Dec. s. 247, 37); „sinnreich, jung, schön, 
gerad“, schwä 1, 107, 2 (Dec. s. 176, 27 „gentile frawe mit 
schöne“); ‚„minnigklich, | schön, wolerzogen, adelich“, K.II, 
216, 9 (Dec. s. 273, 1); „Trew, tugenthafft, gerechte | jung 


89 Synonyma. 89 


vnd wohl gesprechte“, schwä 3, 3, 24, 25 (Dec. s. 278, 1 
„hübsch, züchtig, junger gerad“); „zuechtig und lobesam | 
schön vnd ganz adelicher art“, K. XXII, 437, 2; ,,frumb, 
redlich, trew, fiirsichtig, weiss“, K. II. 226,11 Dec. s. 282, 14 
„schön“); „verschmachet, schwartz, bleich, dürr und mager, | 
Verfallen, jemerlich vnd hager“, K. II, 229, 18 (Dec. s. 100, 27 
„mager, iämerlich vnd plaiche‘‘). 

Verba: ‚rennen, fechten, springen“, schwä 3, 5, 14 
(Dec. s. 273); „purschieren, | dantzen, rennen, stechn und 
durniren“, K. II, 234, 37 (Dec. s. 103, 17 „stechen, prechen 
vnd turnirn“‘); „studiren, | rennen, stechen, fechten, tur- 
niren“, Goed. ,,dichtg.“ I, 191, 15 (Dec. s. 313, 36 ‚reiten, 
stechen vnd brechen“). 


Das Zitat des Volkes ist das Sprichwort. Wir finden 
es darum häufig in Sachsens volkstümlicher Sprache, während 
es in der Übers. verhältnismäßig selten ist. Da Sachs seine 
Dichtungen in der Regel mit einem Sprichworte oder einer 
sprichwörtlichen Redensart schließt, am Schlusse aber auch 
meist seine Vorlage zitiert, so ist gelegentlich, besonders 
in kürzeren Gedichten, eine Unklarheit entstanden, als ob 
bereits Dec. das Sprichwort gebraucht habe. Doch werden 
wir weder, schwä 4, 240, 59: 


„Durch weisheit entron er dem pade, 
e c 
Schreibet Pocacius gerade“, 


noch schwä 5, 509, 58: 


„Peschreibt Poccacius mit peschaide, 
Das der mort vnd darzw die liebe 
Kains in die leng verporgen pliebe“ 


in der Übers. finden. 


90 Sprichwörter. 90 


Sprichwörter’). 
Wem sind die Sprüche nicht bekannt, 
In denen er, noch fruchtbar hent, 
Der Weisheit goldne Körner streut, 
Wie sie so dicht des Pflügers Hand 
Nicht auswirft auf ein Ackerland ? 
Martin Greif „Hans Sachs“. 


Wir finden sie mit und ohne Einführung. 

Mit Einführung: 
„Das sprichwort würt erfuelt allein: 
Die welt die wil petrogen sein“, schwä 2, 217, 117; 
„War sagt das alt sprichwort gemein: 
Die welt die wil petrogen sein“, schwä 3, 117,59, schwä 1, 61, 60; 
„Daher kumbt noch das alt sprichwort, 
Das man oft hort, 

i Das man sol zw geschehner sach 

Almal das peste reden“, schwä 4, 474, 57; 
„So ist lieb laydes anefang, 
Wie uns das alt sprichwort bericht“, K. II, 225, 21; 
„Doch ist noch war, wie man offt spricht, 
Lieb sei laides — anfang“, schwä 3, 3, 45; 
„Doch ist es war, wie man offt spricht, 
Die lieb lass sie verbergen nicht“, K. II, 217, 18; 
„Zway ding, zaiget vns die geschicht, 
Pleiben int leng verporgen nicht, 
Das erst die lieb, ich sage, 
Das ander der dotschlage“, schwä 3, 3, 265; 
„War sagt Salomon von der lieb, 
Sie sey starck wie des todtes schmertzen“, K. II, 215, 26; 
Drumb ist es war, das kein list sey 
Vber frawenlist, Salomon thuet sagen“, schwä 3, 238, 53; 
„Vns meldet warlich die geschrifft 
Der elich stant sey herbes gifft“, schwä 3, 5, 200; 
Darvon ist disses sprichwort auferwachse : 
Wer im wil schaffen ach vnd we, 
Der nem sein püelen zw der ee“, schwä 3, 6, 205; 


1) s. auch Chart. Hart Handschin „Das Sprichwort bei H. Sachs“, 
Wisconsin 1904, der in alphabetischer Anordnung Sprichwörter und sprich- 
wortliche Redensarten bei Sachs zusammenstellt. 


Sprichwörter. 91 


„Was man gewont, das lest man hart, 
Wie man spricht: Art lest nit von art“, schwä 2, 246, 115; 


„Widervergelten der gstalt, 
Spricht man, ist nicht verpoten“, schwä 3, 190, 59; 


„Wie die alten sagen, 
Ein schad sey des anderen glück“, K. II, 250, 13; 


„Drumb hört man noch von viln, 
Das der conüent mag spiln, 
Wen der apt wurffel legt“, schwä 1, 85, 69); 


„War sagten noch die alten, 

Wem auf ert sey gelueck peschert, 

Ob vnglueck wert 

Gleich das vnterst zw Öberst kert, 

Noch mues gelueck sein walten“, schwä 4, 387. 56. 


Ohne Einführung: 
„Zeit pringt rossen“, schwä 3, 4, 208; 
„trew ist misslich“, K. II, 286, 16; 
„Wer got trawt, wol pawt“, K. VIII, 635, 28; 
„Narren mus man mit kolben lawsen“, schwä 3, 181, 60; schw 
2, 333, 158; 
„Aüs honig wirt dennoch wol gal. 
Es leit am dag“, schwä 3, 5, 207; 


„List man mit list verdreiben mus“, schwä 3, 237, 59; 

„Die weil die stat oft macht den dieb“, schwä 2, 218, 174; 
„Wers nit wil glawben, der erfars“, schwä 2, 218, 202; 
„Wan die welt ist schwind, listig, rund“, schwä 2, 333, 217; 
„Zumb spot het er den schaden“, schwä 3, 238, 52; 

„Dir wür sünst zw dem schaden aüch der spot“, schwä 3, 6, 202 
„Gwint den spot zumb schaden zu leczt“, schwä 2, 333, 216. 
"Vnd hat zum schaden schant vnd spot“, schwä 2, 246, 123; 
„Wer mit aim schalck gen acker fert, 
Mües mit eim schalck nach egen“, schwä 3, 215, 56; 


„Wer ander lewt wil straffen, 

Der schaw, das er selb sey 

Straffparer laster frey“, schwä 1, 85, 74; 

„Ein vnglueck aus dem andern wachs“, schwä 2, 246, 129; 


1) „Esopus“ IV, 83, 26, 
„Vnd wo der „Apt lesst Wurffel walten, 
Mögn die Brüder wol schantzen halten“. 


92 Sprichwörter. 92 


„Das oft aus eim nechtlichen sorgen 

Wirt ein gelechter auf den morgen“, schwa 2, 247, 123; 
„Auch oft aus grosem trawren spat 

Wirt morgens frewd vnd güeter rat“, schwä 2, 247, 125; 
„Gros gfer sich düet 

Oft gar geluecklich enden“, schwä 4, 262, 59; 

„Und auff der strass nyemand vertraw 

Zu weit, sonnder wol umb sich schaw“, K. II, 286, 9; 


„Hie sieht man, das der künsten schatz 

In schlechtem leib oft hat sein platz“, schwä 4, 465, 62; 
„Darum man nit vrteilen mus 

Nach dem äussern anschauen‘, schwä 4, 465, 64; 

„Wan die weiber sint wunderper, 

Wan sie kunen in guettem schein. 

Wol falsch vnd darzw freuntlich sein“, schwä 2, 218, 190; 


„Ein tochter ist ein obs, das nit lang liget“, schwä 3, 4, 204; 

„Nach liep kumpt leit“, schwä 3, 6, 208; 

„Lieb macht lieb starck“, K. II, 215, 30; 

„Lieb ist ein bitter kranckheit schwer“, K. II, 203, 7; 

„Sawer und sues regiert die liebe“, schwä 4, 353, 60; 

„Erliche lieb ent sich in guet“, K. XXII, 419, 32; 

„Wer in der lieb wil sein ein ritter, 

Der mues versuchen sues vnd pitter“, schwä 3, 153, 59; 

„Wan lieb pringt lieb, lieb ist der lieb ein speise“, schwä 3, 191, 46; 

„Wan die (lieb) hat so ain starcken trieb: 

Palt sie in fecht vnd ueberwint, 

So macht sie in dol, daúb vnd plint“, schwä 2, 218, 184; 

„Lieb hat oft lieb durch lieb geporen“, schwä 3, 149, 60; 

„Daraus uns diese lehre bleibt, 

Das die lieb etwan witzig macht“, K. II, 209, 4; 

„Das er sich fleissig hüten sol 

Vor der lieb ausserhalb ee 

Die alzeit bringet ach und wee“, K. II, 225, 17; 

„Lieb ist vol schmerz und ungemachs 

Mit wenig frewd“, K. XXII, 302, 34; 

„Welch mensch thut wider ehr, 

Wie haymlich als es immer gschicht, 

Kumbt es doch mit der Zeit ans liecht“, K. II, 248, 37. 

Verwendet Sachs Sprichwörter in erster Linie in den 

Lehren, mit denen er seine Dichtungen zu schließen pflegt, 


93 Sprichwörtliche Redensarten. 93 


so flicht er sprichwörtliche Redensarten sowohl 
hier wie in den eigentlichen Text ein. Zwar ist auch die 
Übersetzung nicht arm an solchen Redewendungen, wie sie 
das Volk mit Vorliebe verwendet, um eine Situation recht 
anschaulich, mitunter auch drastisch, zu zeichnen, jedoch 
hat unser Dichter sie nie übernommen. Vergebens werden 
wir bei ihm Wendungen des Dec. suchen wie etwa: Dec. 
s. 60, 12 ,Dass czehen pfenning fiir vierundzwainczig haller 
gen“ (schwä 4, 387); Dec. s. 42, 8 „Er müst im in den 
schweren seckel plasen vnd die guldin federn dar auss 
stieben machen“, Dec. s. 42, 29 „mit einer güten sum sand 
Johans mit dem guldin munde genaden die hende salben 
thett“, schwä 3, 174) oder Dec. s. 499, 37 „mer eynem storch 
geleiche dann menschen den schne bawet als der paur den 
acker tüt“ (schwä 3, 190). 


Sprichwörtliche Redensarten. 


„Sie gleichen den Münzen, die aus dem 
Schutt gegraben, so klein sie auch sind, 
für denjenigen, der sie zu entziffern 
weiss, ein Stück Goschichte enthalten“. 
Schweitzer „Hans Sachs Forschungen“, s. 367. 


„So sey dein lieb pey mir schababe*, schwä 3, 121, 19 (Dec. s. 388, § 
„Du solt meins leibes nymmer mer keyn freüd haben“); 

„Sunder sey aüsdon vnd schabab“, schwä 2, 218, 180; 

„Des sas er als ein nasser Dachs on sin vnd wicz“, schwä 1, 74, 61; 

„Eins mals thetz mit im tagen“, schwä 5, 700, 13 (Dec. s. 467, 31 
„ire Red zü solichem end kam“); 

„auch wurt der alt 

pey der nassen rūmb zogen“, schwä 5, 700, 65 (Dec. s. 469) ; 

„Vmbfüerten pey der nassen frey“, schwä 2, 217, 112; 

„Das er kain Eppelein an ir hab“, schwä 2, 218, 178; 

»Fuern oft ain lang am narren sail“, schw& 2, 218, 193; 

„So seczens im auf essel orn“, schwä 2, 218, 195; 

„Darfüer das kfemawl im anhen:ken“, schwä 2, 218, 198; schwä 

| 2, 338, 18; 

„Das hielt die fraw als fuer dantmer“, schwä 2, 218, 158; 

„Darmit sie die Vnwerden gest 

Hin schluege auf die haberwaid“*, schwä 2, 218, 160; 


94 


Sprichwörtliche Redensarten. 94 


„Werff im den strosack füer die thuer“, schwä 2, 218, 77; 
„Ihet im schalcksperg hawen“, schwä 3, 118, 8; 

„kain glueck wolt pey der kirchweich sein“, schwä 3, 118, 30; 
„Gros angst fiel im auf seinen nack“, schwä 2, 247, 52; 

„Mit gleicher müntz bezahlen“, schwä 4, 465, 60; 

„Vnd kan den schalck fein lassen mawsen“, schwä 2, 833, 219; 
„straift im an dnarren kappen“, schwä 4, 466, 20; 

„Ir faczwerck mit im drieb“, stud. II. anhg. 1, 14; 

„Drieb dilldappen am narren sail“, stud. II. anhg. 1, 36; 
„auch ein den stich in seczen“, schwä 1, 77, 96; 

„Entlich verschlunt im auch der pock 

In ainer schancz seinen reitrock*, schwä 2, 246, 49; 


„Ain schancz nach der andern schancz verluer“, schwä 2, 246, 61; 

„Ein recht wiltpret finnen“, schwä 4, 260, 10; 

„Vnd lies ain schaden mit dem andren sincken“, schwä 4, 847, 51; 

„Zieht schaden ab gen schaden“, schwä 4, 419, 62; 

„entron er dem pade“, schwä 4, 240, 59; 

„Ders pottenprot der frawen pracht“, schwä 4, 261, 17 (Dec. s. 84, 19 
„Er zü der frawen lieffe vnd ir daz ze wissen thet“); 


„sie an weiplicher er zw felen“, schwä 1, 107, 22; 
„er müest an einem strang erworgen“, schwä 4, 261, 52 (Dec. 
s. 89, 17 „an dem galgen gehencket*); 


„Hab drumb mein weib waidlich gepert 

Ringweis mir ir die stüeben kert, 

Wie wols mein auch nit hat gefelt, 

Mein har vnd part auch wol gestrelt“, schwä 2, 333, 191; 


„Vnd list vns zwen daus auf dich harrn 
In dem pach gleich wie zwen stocknarren“, schw& 2, 333, 199; 


»schwaist er im das geltlich ab“, schwä 2, 217, 4; 

»Detn im ain lueder stelen“, schwä 4, 466, 10; 

„war ein nasser knab“, stud. II. anhg. 1, 21; 

„so schlecht man mit der thuer fuern ars“, schwä 2, 218, 201; 
„fuellet seinen hals“, schwä 3, 117, 56; 

„das ausgeben schmirczt vns kein mewtel“, schwä 2, 217, 116; 
„Vnd placzt der frawen in das har 

Vnd sie mit fewsten plewen war“, schwä 2, 333, 157; 


„vur einen dantmann hete“, schwä 3, 22, 12; 

„ir darmit kem zw stewer“, schwä 3, 22, 36; 
„macht in zw einem lawren“, schwä 3, 22, 168; 
„Hat das fegfewer am hals“, schwä 3, 22, 166; 

„er legt in an wie ain holczman“, schwä 4, 260, 51 


95 Vulgärsprache. | 95 


„schwere schmicz erdulde“, schwä 3, 22, 72 (Dec. s. 229,9 „schlechst 
du mich so iemerlichen‘“); 


„Wurt ihn hochgelegt das futter“, K. II, 230, 18; 
„Drit er in die alten füespfad“, schwä 2, 246, 118; 
„Der man auch vil fint jenset pachs 

Der gleich hergesset“, schwä 2, 333, 223; 


„gen perg stund all sein har“, schwä 2, 218, 88; 
„schlueg alle forcht — — — in wint“, schwä 2, 247, 37; 
„ein genspredig anfing“, schwä 1, 61, 30; 

„So er durcht finger sech“, K. XX, 450, 11; 

„sach sie ueber die achsel an“, schwä 3, 191, 25. 


Vielfach gebraucht Sachs diese sprichwörtlichen Redens- 

arten dann, wenn er eine komische Wirkung erzielen will, 
_ vornehmlich die derberen darunter. In komischen Scenen 
greift der Dichter überhaupt gern zur Vulgärsprache. 
So wenn er von dem Abte (Dec. s. 593, 7) sagt, daß er — 
schwä 3, 70, 36 — „recht als ein wolff frasse‘; wenn der 
Mönch Zwiefel — schwä 2, 217,4 —, der ,schnellest reder“ 
des Dec. s. 400, 28, „das mawl aufspreizen künd“; wenn bei 
dem Gottesurteil jeder der Bauern die ,ingwer zehen* 
„voferhindert in sein trüessel fras‘‘ (Dec. VILI,6; schwä 4, 
347, 34); wenn dem zänkischen Weibe (Dec. s. 581, 14) 
„kain gutes wort ans irem rachen ging“ — schwä 3, 191,26 
— oder wenn das böse Weib (Dec. s. 573, 29) „vmb hilff“ 
schreit, „das es erkracht“ — schwä 4, 295, 214. Besonders 
für seine Schimpfworte und Verwünschungen macht Sachs 
Anleihen bei der Vulgärsprache. Die in der Übersetzung 
enthaltenen Schmähworte übernimmt er, z. B. Dec. s. 437,7 
„du czenichter sack“ = schwä 3, 237, 148. Meist aber ver- 
stärkt und vermehrt er sie. Da finden wir: „dw folle saw“, 
schwä 3, 238, 40; „püebisch hüer“, schwä 1,75,41; „zenichte 
hüer“, schwä 1, 85, 44; „follen zapffen* schwä 1, 75, 47; 
„fegdewffel“, schwä 4, 466, 65; „kuearczt“, schwä 3, 181, 40; 
„sewarczt“, schwä 3, 181, 41; „ainfelting schaff“, schwä 3, 
174,18; „alten gawl“, stud. II. anhg. 1,24; „Potsch leichnam! 
der prophette | Die ding in seiner pruech erlesen hat“, schwä 
4, 295, 20; „Der dewffel mich mit im peschies“, schwä 2, 


96 Ersatz der Verba finita 96 


247, 24; „Wol einher in des dewffels namen“, schwä 2, 333, 
147; „Heb dich an galgen“, schwä 2, 246, 81; „Allers dropfen“, 
schwä 3, 118, 36; „garber lecker pôse“, schwä 3, 215, 38; 
„Dw vnflat vnd dieb“, schwä 3, 215, 43; „dötsch“, schwä 2, 
217, 22; „dildappen“, schwä 2, 217, 21. | 

Eine Annäherung an die Vulgärsprache zeigt sich auch 
in der Neigung, die Verba finita durch Hilfsverba 
zu umschreiben. 

Es kommen dabei in Betracht Umschreibungen : 

a) des Praesens durch: 
diet und den Infinitiv: 


„duet vns peschreiben“, schwä 1,75, 60; „zwfallen — — duet“, schwa 
1, 80, 87; „düt bedribe“, schwä 3, 6, 114. 


b) des Praeteritums durch: 

1) det, thet, dette, und den Infinitiv: 

„det ersehen“, schwä 1, 85, 49 (Dec. s. 553, 13 „war genomen het“); 
„det jehen“, schwä 1, 85, 50 (Dec. s. 553, 15 „sprach“); „det gan“, schwä 
1, 74, 38 (Dec. s. 432, 32 „in die hüt seczet“); „det wartten“, schwä 1, 
74, 39 (Dec. s. 432, 32 „zu wartenn“); „det vertrawen“, schwä 1, 74, 59 
(Dec. s. 434, 30 „erber hielt“); „thet zw sagen“, schwä 1, 78, 40; „det 
vmzablen“, schwä 1, 78, 55 (Dec. s. 531 „Wute“); „det krablen“, schwä 
1, 78, 56; „det schreyen“, schwä 1, 77,49; „schicken det“, schwä 1, 77, 73; 
„thetz tragen“, schwä 5, 700, 13 (Dec. s. 467, 31 „end kam“); „entlehnen 
det“, schwä 5, 700, 33 (Dec. s. 467, 18); „det ausreiten“, schwä 5, 700, 38 
(Dec. s. 467, 21 „aufsass — — reite); „verheysen det“, schwä 1, 75, 23 
(Dec. s. 447, 1 „überredet“); „nach stelen thet“, schw& 1, 107, 21 (Dec. 
8. 177); „det im schencken“, schwä 1, 107, 27 (Dec. s. 178, 29 ,,stiesse“) ; 
„det nit saümen“, schwä 1, 107, 55 (Dec. s. 184, 7 „sich füget“); „dette 
schelten“, schwä 107, 52 (Dec. s. 183); ,,dettens in gewern“, schwa 1, 
78, 26; „detten schawen“, schwä 1, 85, 56 (Dec. s. 553, 22 „ir gesicht 
— — —- wurffenn“); ,detten entlawffen“, schwä 4, 261, 40 (Dec. s. 88, 3 
„fluchen“); „detten wecken“, schwä 4, 257,48 (Dec. s. 485, 32 „erwachet“); 
„dettens sagen“, schwä 4, 260, 34 (Dec. s. 268, 3 „sagten“). — 

Diesen Gebrauch von „tun“ kennt die Übersetzung nicht. 
Vgl. Dec. s. 468, 37 „eyn genügen thet“; Dec. s. 42, 32 
„alles darumb thet“; Dec. s. 42, 26 „forcht auf thet“. 

2) was, waren: 


„was „wartten“, schwä 3, 118, 11 (Dec. s. 411); „was dürsten“, K. II, 
201, 14 (Dec. s. 619, 19); „treiben wase“, schwä 3, 191, 14 (Dec. s. 580, 17 


97 durch Hilfsverba. 97 


„gingen“); „antreffen was“, K. II, 284, 5; „warten was“, K. II, 229, 11 
(Dec. s. 93, 12 „meinet zewarten“); „was gunnen“, K. II, 217, 17 (Dec. 
s. 278, 6); „kauffen was“, K. II, 237, 19 (Dec. s. 350, 28 „kauffet“); 
„waren schweben“, schwä 5, 700, 50 (Dec. s. 468); „waren geen“, schwä 
4, 261,42 (Dec. s.88,17 „sich fügten“); „waren versten“, schwä 3, 117,13 
(Dec. s. 401, 28 „vernomen hätten“); „waren schawen“, schwä 4, 263, 16 
(Dec. s. 551, 37 „gesechen warde). 


3) wart, wurt: 

„pegeren wart“, schwä 8, 6, 152 (Dec. s. 285, 33 „begert“); „ward 
ir erscheinen“, K. II, 219, 13 (Dec. s. 279, 13 „czů ir kame“); „wart 
treiben“, schwä 3, 190, 26 (Dec. s. 498); „antworten ward“, K. XX, 448, 4 
(Dec. s. 615, 38 „sprach“); „wart schreyen“, schwä 4, 261, 16 (Dec. 
s. 84,18 „begunde ze rüffen“); „wurt blüen“, K. II, 235, 11 (Dec. s. 103, 16 
„anhůb“). 

4) pegünt, hůeb an: 

„günt zw scherczen“, schwä 3, 6, 84 (Dec. s. 283, 30 „zeit vertriben“); 
„pegrewffen kund“, schwä 1, 77, 79 (Dec. s. 556, 11 „begreiffe“); „künt 
lachen“, schwä 1, 63, 55 (Dec. s. 550, 18 „lachen muste‘); „nachtrachten 
gund“, K. II, 248, 18 (Dec. s. 361, 13 ,,gedachte“); ,,pegiint zw freyen“, 
schwä 3, 6, 137 (Dec. s. 285, 24 ,,vernahm“); ,,giind riffe“, schwä 3, 5, 98 
(Dec. s. 275, 32); „gunt — — — weine“, schwä 3, 4, 180; „hueb an zw 
sagen“, schwä 1, 107, 19; „hueb — — — zv lauffen an“, schwä 2, 218, 137 
(Dec. 8. 550, 12 ,,flochet*‘). 

Die Vorliebe Sachsens fiir diese Umschreibungen findet 
wohl darin ihre Erklärung, daß der Dichter für die so ent- 
standenen Infinitive und Hülfsverba viel leichter Reime zu 
finden vermochte als für Präterita, bezw. Präsentia, z. B. 

„die dieb all zwen 
Vnd waren alle drey zw der pfarrkirchen gen“, schwä 4, 261, 41 
(Dec. s. 88, 17 „sich fügten“); 
„Vnd raiten also paid ir srase, 
Kamen zw ainer prucken dar, 
Daruber man maul esel treiben wase, schwä 3, 191, 12 (Dec. 
s. 580, 17 ,,gingen“). 

Des Reimes wegen finden sich auch direkte Flick- 
worte bei Sachs. Einen großen Raum nehmen hierunter 
eingestreute Bemerkungen des Dichters ein. Da finden wir: 
ich verstee; ich sag; ich melde; gelaubt; secht. 

z.B. „wurdens zusammen geben | Frölich, die jungen (ich verstee), 

Zu dem heyligen stand der ee — — —“, K. 11, 243, 22; 

Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 7 


Flickworte. 98 


„Darnach eins mals on einem dag 
Det sie im aber kunde, 
Das er kem, vnd die weil, ich sag“, schwä 3, 4, 65; 
„ich sag: | 
Bey ir sein hertz war nacht und tag“, K. II, 217, 2; 
„Drat er zw im (ich sag), 
Wünscht im ein gueten tag“, schwi 1, 77, 15; 
„gelde, 
Ein jueden, ich euch melde“, schwä 4, 240, 2; 
Darümb het ich den stein, gelaübt! 
Icz bin ich aller frewd peraubt“, schwä 2, 333, 187; 
„Vnd legt es auf ir haübt 
In der finster (gelaubt!)“, schwä 1, 85, 31; 
„Da fünden sie das dotten haubt. 
Des erschracken sie hart, gelaubt!“, schwä 3, 3, 229; 
„Al drey entrünen sie, gelaübt! 
Lisabeta die starb vor laide, 
Als sie verlor irs püelen haupt“, schwä 4, 509, 55; 
„geschlecht, 
der ring kam weitter, secht!“, schwä 4, 240, 21; 
„eins tags an dem marckt, secht! 
- -— ee schlecht“, schwä 4, 419, 6. 
Auch andere Flickworte finden sich: 
„Derselbig het einen sun, 
Des nam hies Gerbino, das mercket nun“, schwä 3, 5, 10; 
„Het er ein muter-mal nach lust 
Gleich einer rosen auff der brust“, K. II, 241, 29; 
„Das sind die kolen, drob man spat 
Sant Lorenczen gepraten hat“, schwä 3, 117, 41; 
„Pey der nacht one drawern 
Vber die kloster mawren“, schwä 1, 85, 13; 
„Fraw eptasin, auf glauben! 
Die pendel der nachthaüben“, schwä 1, 85, 51; 
„== — — — berauben 
vermeinten auff glauben“, K. VIII, 632, 5; 
„Er sach auf seiner pruest nach wale 
Ein groses rotes mutter male“, schwä 4, 353, 45; 
„Die Fraw vermaint, die rede schlecht 
Thet er allein vor seinem knecht“, schwä 5, 700, 45; 


99 Flickworte. 99 


„Zw der frawen kam mit aim knecht, 
Zelt ir auf die dueckaten schlecht“, schwä 5, 700, 40; 


„Als er nün mit der jünckfraw stolcz 
Ein rayte durch ein finster holcz“, schwä 3, 153, 13; 


„Und loff — — ein gehn holtz 
Ir henget nach der ritter stoltz“, K. II, 248, 13; 
„sie gab dem jüngling ein bescheit 
in ires vatters gartten weit“, scbwä 3, 6, 17; 
„Das mein man in dem holcze 
Hewt hat gezilet ainer puebin stolcze‘, schwä 4, 295, 27; 


„Die rechlein flohen in das hol 
Der marggraff ihn nach henget w 01“, K. II, 229, 14; 


„Nach dem kam auss Cicilia 
Ein gar herrliche botschafft da 
Von herr Arigetto dahin — — —“, K. II, 235, 13; 


„Loff die gemein zum kercker dar 
Und erschlugen die hüter gar“, K. II, 235, 23; 


„kroch — — — — ein. 

Nach dem kam Lisabetha fein 

Und legt sich an ir bett mit nam. 

Nach dem Lorentzo zu ir kam“, K. II, 217, 34; 


„In ider stund auf einem paine 

Seim herren zaigt er sie gemeine‘, schwä 1, 64, 45; 
„Dam kam der jungling heint zu nacht, 

Stig!) auf ein paum zv mir mit macht“, schwä 1, 108, 43; 
» Warff von im allain 

In die stueben sein edelstain“, schw& 2, 333, 151; 


„Pis sein puesen würt vol allain 
-—— -—- ee er ee —_ stain“, schwä 2, 333, 97. 


Billige Reime boten sich unserm Dichter’ auch in den 


Fremdwörtern, vorzüglich in den Infinitiven auf -ieren, z. B. 
„— Spacierten — colacinierten“, K. I, 238, 32/33; „spacieren — 
refieren“, K. II, 246, 6/7; „spaciern — passirn“, K. II, 218, 9/10; „spa- 


1) Wahrscheinlich jedoch dürfte die Interpunztion dahin abzu- 
ändern sein: 
„Da kam der jungling heint zv nacht, 
Stig auf ein paum zv mir. Mit macht 
Erwert ich mich sein, ich wils sagen — —“. 
7* 


100 Fremdwörter. 100 


cieret — refieret“, K. II, 207, 11/12; „studirn — durniern“, K. II, 207, 
23/24; „regiert — guberniert‘“, K. II, 237, 3/4. 

Das Fremdwort kann selbstverständlich in Sachsens 
volkstümlicher Sprache nur eine untergeordnete Stelle ein- 
nehmen. Meist verdeutscht er die Fremdwörter der Über- 
setzung: 

Dec. s. 33, 38 „materi“ — schwä 4, 240, 4 „frag“; Dec. s. 41, 30 
„inquisitor der keczerey* — schwä 3, 174, 9 „ketzermaister“; Dec. s. 221, 27 
„pein vnd purgatore“ — schwä 3, 22, 74 „fegfewer“ ; Dec. s. 412,19 „fan- 
tasma“ — schwä 3, 118, 37 „gspenst“; Dec. s. 103, 36 ,prisaun* — K. II, 
235, 23 „kercker“ ; Dec. s, 176, 26 „gentile“ — schwä 1, 107, 1 „edel“. 


Bekanntere Fremdwörter übernimmt er: 

Dec. s. 34,2 „histori“ — schwä 4, 240,14; Dec. s. 341, 23 „romore“ 
— K. XXI, 437, 23 „rumor“; Dec. s. 615, 3 „reuerenz* — K. XX, 446, 35 
„reverentz“; Dec. s. 351, 25 „spacziren — K. II, 238, 32 „spacierten“ ; 
Dec. s. 359, 20 „spacziren* — K. II, 246, 7 „spacieren‘“. 


oder ersetzt auch durch sie einen deutschen Ausdruck der 
Novellen: 

Dec. s. 103,33 „sprach und saget“ — K. II, 235, 19“ da ward gethon 
ein solch oracion“ 1); Dec. s. 400, 37 „sprach“ — schwä 2, 217, 25 „tbet 
ain sermon, | Das volck solt almus geben thon“ !); Dec. s. 103, 32 „pote“ 
u. Dec. s. 104,18 „potschaft“ — K. II, 235, 39 „legaten‘‘; Dec. s. 350, 21 
„regiret“ — K. II, 237, 3 „regiert und guberniert‘; Dec. fehlt: Moral — 
schwä 2, 217, 66 „in suma sümarüm u. v. 111 ,,phantasey“; Dec. s. 602, 12 
„gieng‘‘ — K. II, 204, 16 „spaciert‘‘; Dec. s. 312, 1 „gienge“ — K. II, 
207, 12 „refieret‘“; Dec. s. 351, 25 „kürczweyle vnd freüde genamen — 
K. II, 238, 33 „colacinierten“; Dec. s. 280 fehlt — schwä 3, 3, 187 „pal- 
samiret“ ; Dec. s. 281 fehlt — schwä 3, 3, 259 „process“; Dec. s. 175, 5 
„nicht wolt das es yemant west“ — stud. II, anhg. 30, 68 „machet kein 
rumor“; Dec. s. 42, 10 ‚für sich ze komen gepote‘“ — schwä 3, 174, 13 
„zw im zitirt‘“; Dec. s. 425, 8 „aus dem hause ginge“ — schwä 3, 238, 18 
„ging auf ir termaney“. 


Der größeren Mehrheit nach also Fremdworte oder schon 
mehr Lehnworte, die auch dem „gemeinen Mann“ der da- 
maligen Zeit geläufig sein mußten. 

Die Namen des Dec. übernimmt Sachs im allgemeinen 


1) In diesen beiden Fällen dürfte wieder die Rücksicht auf den 
Reim das Fremdwort begünstigt haben. 


101 Namen. 101 


getreu, wobei er das „vnser stat“ der Novelle durch 
„Florenz* ersetzt. Jedoch gibt er der deutschen oder 
der lateinischen Form der Namen den Vorzug vor der 
italienischen, z. B.: 

Peter oder Petrus schwä 3, 153 statt Petro Dec. s. 327, 17; Zertal 
schwä 3, 117,5 — Zertaldo Dec. s. 400, 14; Calandrin schwä 3, 172,1 — 
Calandrino Dec. s. 554,2; Arisippus K. II, 207, 4 — Aristippo Dec. s. 311, 16; 
Anastasius K. II, 245, 8 — Anastasio Dec. s. 358, 1; Bernhardus K. II, 
201, 4 — Bernhardo Dec. s. 619, 4; Bocacius schwä 4, 262, 2 — Boc- 
caccio; Ceccus schwä 3, 215, 2 — Cecco Dec. s. 558,19; Gulfredus stud. II, 
anhg. 30, 2 — Gulfrede Dec. s. 171, 31; Guiscardus schwä 3, 4, 42 — 
Gwischardo Dec. IV, 1; Ironimus K. II, s. 217, 6 -~ Geronimo Dec. 
s. 290, 35; Philipus schwä 4, 419, 48 — Philippo Dec. s. 577, 26; Rai- 
neriüs schwä 3, 190,1 — Rayniri Dec. s. 495, 33; Rinaldus K. II, 285, 30 
— Rinaldo Dec. s. 59, 11. 


Wenn sich sonstige Änderungen an den Namen vor- 
finden, so dürften sie meist auf eine Flüchtigkeit des Dichters 
zurückzuführen sein. 

Etwa: Adranello K. VIII, 6380, 6 — Adravello Dec. s. 74, 7; Con- 
cretus !) schwä 3, 4 — Tancred Dec. IV, 1; Maczo schwä 2, 333, 9 — 
Maso Dec. s. 474, 19; Malsa K. VIII, 680, 4 — Malfa Dec. s. 74, 5; 
Mogona schwä 2, 333, 32 — Mongone Dec. s. 475, 37; Persia schwä 3, 
6, 3 — Brescia Dec. s. 282, 9; Sigismunda schwä 1, 75 — Symona Dec. 
VII, 8; Stadia K. XX, 445, 5 — Stabia Dec. s. 614, 6; Zenfrosina K. II, 
632, 33 — Czanfronia Dec. s. 75, 25; Katelnia K. II, 204, 7 — Cattelina 
Dec. s. 602, 5. 

Für die Geschichten, deren Schauplatz Sachs nach 
Deutschland verlegt, hat er natürlich auch deutsche Namen 
geschaffen. Da finden wir: statt Calandrino — Eberlein Dil- 
dapp; Philippo — Haincz Ackerdrapp; Bruno — Ulla Lapp; 
(Dec. IX, 5 — stud. II, anhg. ].). 

Der Abt Dec. X, 2 ist zu einem Abt von Ranshofen 
„in dem Payerlant* (schwä 3, 70) geworden, und Aragon 
(Dec. s. 619,16) ist zu Naragoni (K. II, 201, 10) gewandelt, 
wohl eine Reminiscenz an das Narrenschiff. - 

Ofters 148+ ‘Sachs Namen ganz weg. So fehlen Per- 
sonennamen: schwä 3, 121 (Dec. s. 387), schwä 4, 466 


1) Das große T las Sachs für C. 


102 Namen. 102 


(Dec. IX, 5); schwä 1, 75 (Dec. s. 445); schwä 2, 247 (Dec. 
s. 887); schwä 3, 237 (Dec. s. 470); schwä 4, 257 (Dec. 
s. 481, 33); schwä 4, 262, (Dec. s. 300, 5); schwä 3, 191 
(Dec. s. 580); schwä 3, 238 (Dec. s. 424). Ohne Angabe des 
Ortes sind erzählt: schwä 4, 466 (Dec. IX, 5); schwä 3, 
154 (Dec. s. 428); schwä 3, 191 (Dec. s. 580); schwä 3, 238 
(Dec. s. 424). 

Umgekehrt weist er aber auch einer Novelle erst einen 
Schauplatz zu. So läßt er die Geschichte von den drei 
Ringen, für die Dec. s. 34 keine Stadt nennt, schwä 4, 240, 15 
in Rom spielen. 


Schluss. 


Ich hoffe, in vorstehendem das Verhältnis Sachsens zur 
Decameron-Übersetzung dargelegt zu haben. 

Wir haben gesehen, daß H. Sachs sich zwar stark an 
seine Quelle anlehnt, der er während seines ganzen Lebens 
treu bleibt, sich jedoch dabei freie Hand hält, durch 
Kürzungen, Änderungen und Zusätze den Inhalt mannigfach 
umzubilden. Läßt er sich bei seinen Kürzungen durch das 
Bemühen leiten, alles Unwesentliche des Dec. auszumerzen, 
so erfolgen die Änderungen in dem Streben, zu bessern, 
und die Zusätze bekunden die Absicht, zu veranschaulichen 
und zu vertiefen. Noch selbständiger zeigt sich der Dichter 
der Sprache gegenüber. Der geschraubte Periodenstil des 
humanistisch gebildeten Übersetzers bleibt ohne Einfluß auf 
ihn. Er schreibt die Sprache des Volkes, aus dessen Sprich- 
wörterschatz und Poesie, ja aus dessen Vulgärsprache er 
reichlich schöpft, überall auch hier nach prägnanter Kürze, 
Volkstümlichkeit und Anschaulichkeit strebend. Dies freiere 
Verhalten seiner Vorlage gegenüber hebt ihn über eine Zeit 
hinaus, die es noch als hauptsächlichste Aufgabe der Dichter 
betrachtete, „den überlieferten Stoff treu und einfach in 
das Gewand der Kunst zu kleiden, der sie dienten“ '), noch 
mehr aber der künstlerische Zug, der überall in der Kom- 
position und Darstellung zutage tritt, in dem auch das 
Harmonische seiner Persönlichkeit sich ebenso wie in zahl- 


1) Goedeke „Dichtg.“ I. s. XI. 


104 Schluß. 104 


reichen Einzelheiten und im sprachlichen Ausdruck wieder- 
spiegelt. Sachs ist kein Nacherzähler, sondern ein wirk- 
licher Umbildner und zeigt sich auch in diesen Bearbeitungen 
als echten Dichter, als den ihn erst Goethe, nachdem er 
lange eine mißachtete Stellung in unserer Literatur ein- 
genommen hatte, wieder erkannte. 


Anhang. 


Montanus Verhältnis zum Decameron. 


Montanus ') verdankt der Decameronübersetzung außer- 
ordentlich viel. 6 Nummern des „Wegkürzer“ nr. 29, 30, 
31, 37, 38, 42), 17 Nummern der ,Gartengesellschaft* (nr. 55, 
56, 59, 76, 77, 79, 86, 93—96, 98, 99, 102, 104, 109, 111), 
seine 4 als besondere „büchlein“ erschienenen Novellen („An- 
dreiitzo“, ,Guiscardus und Sigismunda®“, Cymon und Iphi- 
genia“, Thedaldus und Ermilina“), sowie seine 3 Spiele 
(„Titus und Gisippus“, der „untrew knecht“ und „Von einem 
Grauen“) gehen auf die Übersetzung zurück. — 

Wie Montanus in der Widmung zum „Andreützo“ sagt, 
hat er die 


beyspiel und exempel so er darein gesetzt nit auß seinem kopff erdicht 
oder herfür zogen, sonder dieselbigen auß anderer hochgelerter männer 
geschrifften genommen, dieselbigen nach seinem geringen verstand dem 
gemainen volck verstendiger gemachet“. 


Montanus gibt sich denn auch Mühe, alle schwer ver- 
ständlichen Ausdrücke des Dec., also veraltete oder fremde 
Wörter, zu ersetzen). So schreibt er statt: 

materi (Dec. IV, 10) — sache („Gtg.“ 95); collacion (IX, 6) — zeche 
(„Gtg.“ s. 350, 2); sacher (VI, 1) — treheren („Gtg.“ s. 232, 32); indert 
(VI, 1) — yergent („Gtg.“ s. 233, 2); subtile (IX, 10) — ungesaltzen 
(„Gtg.“ s. 419, 22); roßczagel (IX, 10) — rossschwantz („Gtg.“ s. 420, 15); 
romor (V, 1) — geschrey (,Gtg.“ s. 252, 10). 2 


1) B. d. L. V. bd.217. Die von Bolte nicht abgedruckten Spiele 
sind in der Univ.-Bibl. Straßburg. 


105 Anhang. 105 


Im allgemeinen schreibt Montanus die Ubersetzung 
wörtlich aus. Höchstens besteht seine Arbeit darin, die 
oft unangenehm breite Darstellung des Dec. zu kürzen. 
Dies gilt besonders von den Geschichten der „Gartengesell- 
schaft“. Niemals ist aber der Wortlaut der Übers. ganz 
verwischt und an der einen oder andern Stelle tritt er 
sicher deutlich zu Tage. Die Kürzungen bestehen teils in 
Auslassungen, die oft recht stark sind — z.B. „Wegkürzer“ 
42, wo Dec. s. 640, 37—641, 25 oder „Gartg.“ 95, wo Dec. 
s. 300, 23—35 fehlen —, teils in einer gedrängten inhalt- 
lichen Wiedergabe der Übers.; z.B. „Gartg.“ 104, wo M. 
84 Zeilen des Dec. (401, 21—403, 29) in 11!/2 Zeilen (s. 404, 
35—405, 11) zusammenzieht. Verschiedentlich haben die 
Kürzungen bewirkt, da8 Montanus Darstellung unwahr- 
scheinlich oder unverständlich ist. So erscheint es z. B. 
„atg.* 98 wenig wahrscheinlich, daß der Abt ohne weiteres 
durch das Schlüsselloch blickt — 


„nun ware der apt in solchem vom schlaf auffgestanden und kame 
für des jungen münchs zellen sahe zum schlüsselloch hinein —. Im 
Dec. ist sein Tun motiviert. Dort (s. 36, 18) hört er das „schimpfen 
und scherczen“ in der Zelle. 


Unverständlich ist z.B. „Gtg.“ 79 (Dec. s. 424, 9) 

„Demselbigen ein aus dermassen schöne junckfraw zä der ehe geben 
ward, das er sie underständ heimlich zü toten und doch zü 
ihr kain ursach wust. Und wann man ihn gefragt hett, warumb er 
also eyferte, hette er kain ursach anzüzaigen wissen“. 

Die Kürzungen treten meist stärker zu Beginn einer 
Geschichte auf (vergl. „Gtg.“ 93), um im weitern Verlaufe 
mehr und mehr dem Wortlaute der Übers. Platz zu machen, 
als ob selbst die Mühe einer Kürzung oder Überarbeitung 
der Novellen M. auf die Dauer zu viel gewesen wäre. 

Dasselbe gilt von den Erweiterungen, die M. bei 
der Übernahme der Geschichten mit diesen vornahm. Hier 
sind besonders die vier größeren Novellen zum Vergleich 
heranzuziehen, wo wir gegen den Schluß nur den wort- 
getreuen Text der Übers. finden. Die Erweiterungen be- 
stehen hauptsächlich in kleinen, durchaus bedeutungslosen 


106 Anhang. 106 


Zusätzen, die lediglich der Liebe des Verfassers zur Weit- 
schweifigkeit entsprungen sind. Vor allem sind es die Epi- 
theta, die M. oft bis zur Geschmacklosigkeit vermehrt. — 
Größere Zusätze finden sich ebenfalls bei M., namentlich 
in seinen vier Novellen. Hier führt er öfters im Dec. nur 
ganz flüchtig berührte Situationen umständlich aus. Jedes, 
wenn auch noch so unbedeutende, Fortschreiten in der Er- 
zählung ist hier zu einem ganzen Kapitel auseinander ge- 
zogen. Aus drei Zeilen des Dec. (IV, 1) hat Montanus z. B. 
in „@uiscardus und Sigismunda“ doppelt so viele Kapitel 
geschaffen, wobei ihm diese drei Zeilen als Disposition 
dienten (D. s. 247, 25—27). 

Selbständig’) sind bei M. nur die Lehren und 
Nutzanwendungen, die er gern seinen Schwänken anzu- 
hängen pflegt. Oft führt er aber auch hier nur einen im 
Dec. an anderer Stelle — etwa in der Einleitung zu der 
Novelle — ausgesprochenen Gedanken aus, z. B.:, Weg- 
kürzer“ 37, „Andreützo“ °’). Hin und wieder findet sich 
auch wohl sonst ein belangloser inhaltlicher Zusatz. So 
wenn „Gartg.“ 95 (Dec. IV, 10) der Jüngling, der den 
Schlaftrunk zu sich genommen hat, „fortan nie mehr Wasser, 
nur noch Wein trinken wollte“; wenn ,Guiscardus und 
Sigismunda“ aus dem Grabe, das die beiden Liebenden um- 
schließt, ein Rosenstock wächst Dec. IV, 1), oder wenn 
Mönch Zwieffel, als er die Gläubigen mit den Kohlen des 
hlg. Laurentius schwärzt, hierzu die Worte murmelt: 
„Mundus vult decipi“ ®). 

Wie die Kürzungen gelegentlich die Darstellung un- 
wahrscheinlich und unklar machen, so wird öfters durch 


1) Höchstens könnte man hier die Einführung des Atheners im 
„Andreützo“ geltend machen. 

2) Z. B. ist die Reflexion „Wegk“ 38 s. 102, 1—28 (Dec. IV, 8), 
wer die Schuld an dem Tode Hieronymus zu tragen habe, durch Dec. 
s. 291 angeregt. 

3) Doch schließt schon Sachs seinen mg vom 22. Juni 1540 — schwä 
3, 117 — mit einem: „Die welt ‚die wil petrogen sein“. 


107 Anhang. 107 


einen Zusatz ein Widerspruch hervorgerufen. So im 
„Andreützo“. M. hat das Ziel Andreützos, Neapel, in Athen 
umgeändert. Doch reitet bei ihm der Held trotzdem von 
Perusium nach Athen. Ganz plötzlich — wir waren eben 
noch in Athen — spielt die Geschichte dann entsprechend 
Dec. in Neapel (s. 148, 9; s. 151, 32). Im „Andreützo“ 
schlägt die angebliche Schwester s. 151, 3 Andreützo vor, 
nach seinen Gesellen in die Herberge zu schicken, damit 
diese das Nachtmahl mit ihnen äßen und er bei seinem 
Heimweg durch das unsichere Neapel Gesellschaft hätte. 
M. hat nun hinzugefügt, z. 8: 

: „das thet sy darumb, das sy der vogel vil in das garn bringen 
mocht etc.“ 

Dies steht in direktem Widerspruch damit, daß die an- 
gebliche Schwester sich hüten muß, bekannt zu geben, wo 
Andreützo sich befindet, z. 22: 

„dann ir leyt gewesen wäre, das man gewüßt hette, das er inn irem 
hauß wäre“. 

Darum darf sie weder den Boten an den Wirt senden, 
der das Ausbleiben Andreützos melden soll, noch Gäste ein- 
laden, die sie kennen oder durch Erkundigungen kennen 
lernen können, will sie nicht ihren ganzen Plan zu schanden 
machen. Montanus Zusatz ist mithin ganz widersinnig. 

Dasselbe gilt für seinen „Guiscardus und Sigismunda“. 
S. 217, 4 spricht er von „Tancredus, ein junger kluger 
und genug demütiger mann“ (cf. Dec. s. 247, 17). Der Be- 
deutung seiner Zusätze ist er sich nun so sehr bewußt, daß 
er eine Zeile später — abgesehen davon, daß der Vater 
einer verheirateten Tochter wohl nicht mehr als „jung“ be- 


zeichnet werden kann —, wo er der Übersetzung wieder 
getreuer folgt, sagt: 

„wo er in seinen alten tagen seine handt .... nicht verunrainigt 
hette“. 


Hieraus geht deutlich das flüchtige Schaffen Montanus 
hervor. g 
Verschiedene Novellen der Ubersetzung hat M. zweimal 


108 Anhang. 108 


bearbeitet, wie Dec. III, 1 (= Wegk* 29 und „Gartg.“ 96) 
und Dec. II, 5 (= ,Andreiitzo“ und ,Gartg.“ 93). Doch 
ist die spätere Bearbeitung nicht der früheren entnommen, 
sondern geht auch ihrerseits wieder auf den Dec. zurück. 
Dies folgt daraus, daß sich z.B. in der später als „An- 
dreützo“ erschienenen „Gartg.* 93 manche Ausdrücke finden, 
die mit Dec. wörtlich übereinstimmen und im „Andreü.“ 
geändert sind. [Cf. „Gartg.“ 93 (s. 365, 33) = Dec. s. 88, 32 
und ,Andreii.“ s. 161, 830 oder den Anfang von ,Gartg.* 93 
= Dec. I, 5 und ,Andreiitzo*; oder Dec. s. 165, 25 und 
,atg.“ 96 (s. 381, 6—13) mit ,Wegk* 29 (s. 55, 20 ff.)]. 
Die Namen des Dec. behält M. bei, übernimmt sie aber in 
lateinischer Form. In der „Gtg.“ läßt er wiederholt die 
Namen der Städte weg, z.B. nr. 79, 86, 94 = Dec, V, 10; 
IX, 6; VII, 4 Einmal ist der Schauplatz der Geschichte 
nach Deutschland verlegt, in „ein Dorf bei Straßburg“ 
(„Gtg.“ 102 = Dec. VIII, 2). 

Selten sind die Namen verändert: „Gtg.“ 96 (für Ma- 
setto-Lavel, da ,Wegk.* 29 schon Masetto) „Gtg.“ 95 (Sa- 
lerno zu Mailand) und „Andreützo“ (Neapel zu Athen). 

In seinen drei Spielen, „Von zweien Römern Tito 
Quinto Fulvio und Gisippo“, „Der untrew knecht“ und 
„Von einem Grauen“, macht sich M. etwas von seiner Vor- 
lage, Dec. X, 8; VII, 7; II, 8 frei, besonders im Spiel 
von „Titus und Gisippus“. In den beiden andern Spielen 
finden sich gelegentlich noch starke Anlehnungen' an den 
Text der Übersetzung. [Cf. für das „Spiel von einem 
Grauen“: Dec. s. 126, 9 ff. und „Innhalt* bl. Aiij; Dec. 
s. 134, 17 £. mit Cv.; für das „Spiel vom getreuen Knecht“ 
Dec. s. 440, 25 ff. und Av: Beatrice: „Hannichine ist dir 
betrübt dein sinn ff.“]. 


109 Anhang. 109 


Mahrolds Verhältnis zu der Uebersetzung. 


Das Manuscript der Kasseler Landesbibliothek: „Schmahl 
vnndt Kahl Roldmarsch Kasten“, 1608 wurde meines Wissens 
zuerst von Bolte der Vergessenheit entzogen: Für den voll- 
ständigen Titel und die Person des Verfassers verweise ich 
auf seine Ausführungen im Anhange zu seiner Ausgabe von 
Freys „Gartengesellschaft“ s. 265 ff. (B. d. L. V. bd. 209). 
Er hat dort auch das Inhaltsverzeichnis wiedergegeben. 
Hinzufügen möchte ich, daß der Name des Verfassers: 
Mahrold, auch in dem Titel ,Rold-ma (rsch Kasten“) ent- 
halten ist und daß die Handschrift aus 462 (nicht 460) 
Blättern besteht, da je zwei Blätter mit 26, bezw. 379 be- 
zeichnet sind. 


Von den 99 „auserlesener, lustiger vnnd zv schwerer zeit kurtzweiliger 
historien vnnd boßirlicher schwenck vndt geschicht“, 


die Mahrold bringt, gehen 29, — da nr.5, was Bolte ent- 
gangen ist, Dec. II, 1 entspricht — auf die Dec.übersetzung 
zurück. Für die nr. 1. 44. 46. 48. 59. 60 und 76 ist aller- 
dings als direkte Vorlage — was Bolte') nicht erwähnt 
— Montanus „Wegkürzer“ und (für nr. 76) der im Anhange 
gedruckte „Andreützo“ anzusetzen. Dies ergibt sich aus 
dem genaueren Übereinstimmen des Wortlauts von „Roldm. 
Kast.“ mit , Wegkiirzer (Andreiitzo“) als mit Dec. Es folge 
zum Vergleiche eine Stelle aus Mahrold nr. 46, bl. 146a: 

„Und weiter er merckt dann daB hiemitt ,Wegk. nr. 30 (Bolte s. 63, 13 ff.) 


Seines bleibens inn Erfurdt nitt mehr Dabey er wol vernam, sein wesen 
Seyn mügt alßo drumb zoge er inn Imola nicht mehr gesein 
Nach Wirtzburgk fort, vnd woltt sich do mocht, vnnd als ein verzagter 
Gar abthun seiner bösheit io gehn Venedig zoch. Da er sich 


Vndt wurdt ein Munch, nantt sich auch seiner boßheyt abthet vond zü 
fein einem münch ward barfusser 


Münch Albertus von Offenheim, orden, nennet sich münch Al- 
Vndt vntter seiner kutten anfing, brecht von Imola vnd vnder 
Auch zu verstehn gab nitt gering, welcher seiner kutten anfieng 


1) Bolte zitiert zu nr. 76 sogar nur Dec. 2, 5 und „Gtg.“ 96. 


110 Anhang. 110 


Wie ein streng leben fuhret er, auch zu verstehn gab, wie er 

Vnd lobt die Penitenz gar sehr, ein streng vnnd göttlich leben 

Vnd den gehorsahm vmb Gottswillen furet. Er sehr lobet die peni- 

Vndt Gottesgesetz gahr wollt erfuelln“. tentz vnnd gehorsam vmb gottes 
willen. 


Vgl. damit Dec. s. 957, 38 fff. 

Dann ist die Tatsache, daB bei Mahrold alle die Stellen 
fehlen, die Mont., bei der Ubernahme der Novellen des Dec. 
in seinen „Wegk.“ strich, beweisend, daß Mahr. fiir diese 
Geschichten nicht unmittelbar Dec., sondern „Wegk.“ be- 
nutzte. So fehlen beispielsweise im „Wegk.“ nr.29 und 
ebenso Mahr. nr. 44 — Dec. s. 166, 10—14 und Dec. s. 166, 16 
und im „Wegk.“ nr. 30 und Mahr. nr. 46 — Dec. s. 258, 
2—5). Im „Wegk.“ nr. 42 ist Dec. s. 640, 37—641, 25 weg- 
gefallen. Entsprechend schließt denn auch die Geschichte 
bei Mahrold I, bl. 25 b mit Dec. s. 640, 37. 

Eine weitere Möglichkeit, die Benutzung des „Wegk.“ 
durch Mahrold sicher zu beweisen, bieten die Zusätze, die 
Mont. den Novellen des Dec. angefügt hat. Vor allem 
kommen hier die oft und gern von Mont. dem Schlusse an- 
gegliederten moralisierenden Reflexionen und Lehren in 
Betracht. So hat „Wegk.“ 37, s. 95, 4 ff. im Gegensatz zu 
Dec. IV, 5 am Schlusse noch die Moral, die nicht einmal 
recht paßt: Die Liebe soll nicht nach Geld gehn. Mahrold 
— nr. 59, bl. 199b — besitzt sie ebenfalls. Die Reflexion 
im „Wegk.“ 38, wer die Schuld am Tode Hieronymus zu 
tragen habe — Montanus s. 102, 1—28 — fehlt Dec. IV, 8 
(ihr Gedankengang ist allerdings in der Einkleidung zu IV, 8 
vorhanden), findet sich aber bei Mahrold nr. 60, bl. 208b. 
Ebenso fehlt die Moral des „Wegk.‘“ nr. 31 (s. 78, 17—28) 
im Dec. VII, 3 („Schweigen besser als Reden‘), dagegen 
besitzt sie Mahr. nr. 48. Mahr. nr. 76 geht auf Mont. „An- 
dreützo‘ zurück, da der „Jungker Pfulap‘‘ ebenfalls zuerst 
einem Athener ein Roß abzukaufen versucht. Die von Mont. 
angehängte (cf. Dec. II, 5) Moral (s. 164—168; 168—180) 
bringt Mahr. ebenfalls. Auch die nr. 2. 61. 64. 66. 83 des 
„Rold. Kast.“ sind nicht unmittelbar aus der Uber- 


111 Anhang. 111 


setzung geschöpft — wozu sie Bolte a. a. O. zitiert —, 
sondern aus dem 1550 und dann wieder 1563 erschienenen 
Buch „Schertz mit der Warheyt‘“, das verschiedene 
Novellen des Dec. in gekürzter Form übernahm. Ein Ver- 
gleich Mahrolds mit Dec. und „Schertz m. d. W.“ läßt dies 
deutlich erkennen. 

Für Mahrold 2 ergibt sich daraus: 


Dec. s. 33, 26: „vnd sprach Melchisedech; Erber gåter man ich han 
vernomen wie du in götlichen gescheften“. 


„Schertz m. d. W.“: 1550 b). 7a „Melchisedech, gúter mann ich hab 
vernomen wie du inn Gottlichen geschrifften“. 


Mahrold bl. 26b: „Melchisedech, hör ich vernihm. 
Wie du in Heilger Schriefft für war“. 


Dec. s. 35, 13: „wo er sich also züchtiglich*“, 
„Schertz“ bl. 7b: „wa er sich so meysterlich“, 
Mahrold bl. 28b: „wo er nicht so gar meisterlich“. 


Mahrold 61: ,Schertz“ bl. Xa hat den Ambrogiolo 
des Dec. II, 9 in Ambrosius gewandelt. Dieser verläßt in 
der Nacht seinen Kasten nicht, sondern belauscht durch ein 
Loch des Schreins die Frau des Barnabas. Die Kammer 
hat er sich zuvor, in Abwesenheit der Frau, angesehn und 
die Kleinode gestohlen. Dieselben Änderungen weist Mahr. 


61 auf. Auch stimmen die Titel wörtlich überein. 
Mahrold: „Wie ein kauffmann vff seiner frawen frömbkeit funff 


tausent Cronen verwett welche ihm... .“ 
„Schertz“ 1550 bl. Xa: ,Wie ein kauffmann auff seiner frawen 
frumkeyt finff tausent Cronen verwettet, welche jm einer... .“ 


Mahrold 64 geht auf „Schertz“ bl. 23b zuriick, wie 
z. B. die wörtlich übereinstimmenden Titel beweisen: 
Mahrold bl. 224b: „Von gehorsam, standthafftigkeit vnd geduldt 


Erbarer frommer frawen... .“ 
„Schertz“ bl. 23b, 1550: „Von Gehorsam, Standthafftigkeit vnnd 
Gedult Erbarer frommen Ehefrawen... .“ 


Ferner findet sich im „Schertz“ der Zusatz, daß Walther 
„Selten inn die kantzlei kam“; ebenso Mahrold bl, 224 b. 


Mahrold 66 und „Schertz“ bl. 48a stimmen im Titel 
und durchaus im Text überein. 


112 Anhang. 112 


z.B. Mahrold bl. 246a: ,Nuhn sey ietzundt verflucht von mihr 
Die herttigkeit deß der da ist 
Ein vrsach, daß ich jetzger frißt 
Mit mein betrubten augen dich 
Ahnsehen mus so jämmerlich. 


„Schertz“ bl.44a: „verflücht sei die hertigkeyt des, der da ein 
vrsach ist, mich dich mit meinen augen also 
jJämerlich anzusehen‘. 


Dec. s. 254, 29: 
do vrsache ist . . . zesehen. 


Mahrold 88 nach ,,Schertz“ bl. 35 b.: Die Titel stimmen 
genau überein. Inhaltlich hat „Schertz‘‘ Dec. gegenüber 
Änderungen vorgenommen. Der Arzt hat den jungen Grafen 
zu Kost, der studiert. Der Dec. nicht mit Namen genannte 
König ist zu einem Ludwig geworden. Ebenso Mahrold. 

Da Mahr. fast alle’) Novellen, die „Schertz“ aus Dec. 
übernommen, bearbeitet hat, nur bl. 33a (Dec. II, 5) und 


1) Es sei mir gestattet, auch kurz die Ausführungen Boltes über 
die nicht auf Dec. als Quelle zurückgehenden Geschichten zu berichtigen. 
Fir ,Rold. Kast.“ 67 vermochte Bolte wie. für nr. 5 keine Quelle anzu- 
führen. Mahr. entnahm die Geschichte aus „Schertz mit der Warheyt“ 
bl. 49b 1550, 1563 bl. 52b. „Der geschickt königs narr beim Nider- 
lendischen tantz“. Nur zu nr. 71 zitierte Bolte „Schertz“ bl. 15b 1550. 
Tatsächlich gehen aber von Mahrolds Geschichten 22 auf dieses Schwank- 
buch zurück. Die von Bolte auf Pauli zurückgeführten Schwänke entnahm 
Mahr., wie das genaue Ubereinstimmen der Überschriften in „Schertz“ 
und im Rold. Kast.“ — Paulis „Schimpf u. E.“ hat überhaupt keine 
Überschriften und im Register nur ganz kurze Angaben — zeigt, erst 
aus „Schertz m. d. W.“. Dieses 1550 zuerst erschienene Schwankbuch 
schöpft zwar seinen Hauptbestandteil aus „Schi. u. E.“, bringt aber auch 
manche Geschichte, die dort fehlt. Dazu gehört die eben besprochene 
»Rold. Kast.“ nr. 67, sodann nr. 55. 47. 65, für die Bolte Steinhöwels 
„Esop.“; nr. 49, für die er Alberus „Fabeln“; 58, für die er Luthers 
Tischreden und 100, für die er Francks „Chronica“ zitiert. 

Die von Bolte s. 266 seiner Ausgabe von Freys „Gartg.* (B.d.L.V. 
bd. 209) gegebene Zusammenstellung andert sich dementsprechend folgender- 
maBen: 27 Nummern nach Freys ,Gartg.“ (nr. 13—15. 17—40; nr. 85 
scheidet aus, da sie auf ,Schertz“ zuriickgeht); 17 Nummern direkt aus 
dem Dec. (nr. 3. 5. 7. 73. 75. 86—90, 92—98). Hierzu kommen als in- 


13 Anhang. 113 


bl. 56a (Dec. IV, 2) nicht, wir aber diese beiden Novellen 
in einer Bearbeitung nach Mont. „Wegkürzer‘, bezw. „An- 
dreützo“ im „Rold. Kast.“ als die nr. 46 und 76 wieder- 


direkte Benutzungen der Übers., vermittelt durch „Wegkürzer“, die oben 
angeführten 7 Geschichten: nr. 1. 44. 46. 48. 59. 60. 76 und vermittelt 
durch „Schertz“, 5 Geschichten: nr. 2. 61. 64. 66. 83; also 12 Nummern, 
sodaß 29 Geschichten direkt oder indirekt durch die Dec.übersetzung be- 
einflußt sind. Aus „Schertz“ stammen 22 Nummern: nr. 2. 16. 45. 47. 49. 
58. 61. 64—71. 81—85. 99. 100; aus dem „Wegkürzer“ 15 Nummern: 
nr. 1. 41—44, 46. 48. 55—-57. 59. 60. 62. 63. 76 („Andreützo“); aus Wick- 
rams „Rollwagen“ 6 Nummern: nr. 12. 50—54; aus Paulis „Schimpf und 
Ernst“ (1522) 5 Nummern: nr. 6. 8. 9. 10. 11; aus Francks Chronika“ 
5 Nummern: nr. 77—80.91: aus , Wendunmuth* 4 Nummern: nr. 72—74. 
Dazu kommt, statt der drei von Bolte ohne Quelle gelassenen Nummern 
(nr. 4. 5. 67), nr. 4, für die ich ebenfalls keine Quelle finden konnte. 
Für die — außer den oben angeführten nr. 2. 61. 64. 66. 83. — 
übrigen auf „Schertz“ beruhenden Geschichten des „Rold. Kast.“ folge 
nun die entsprechende Stelle aus „Schertz“. Die erste Zahl bezeichnet 
die Stelle in der Ausgabe von 1550, die zweite in der von 1563. Die 
Überschriften entsprechen durchweg den Titeln Mahrolds (cf. Bolte a. a. O. 
s. 267 ff.). 
Es geht zurück: 
Mahrold auf „Schertz m. d. W.“ 
nr. 16 bl. 12a; bl. 13a 
(Wem Gott wol wil dem ist geholffen. Von eines Blinden 
Schmeychlers glück. Pauli hat im Register: Zwen blinden 
schruwen). 
nr. 47 bl. 11b; 12b 
| (Spotter und Schwetzer bringen sich selber durch stoltz offt 
zu spott und schaden. Von einem Hanen und Fuchsen ein 
Fabel). 
nr. 49 bl. 12b; 13b 
(Durch gunst, haß und neidt werden rechtschaffne leut 
undertruckt und untüchtige herfür zogen. Ein Fabel von 
einem Löwen und Esel). | 


ur. 58 bl. 5b; 6b 
(Von einem diebischen Wirt unnd eim Landsknecht ein ware 
Histori). 

nr. 65 bl. 27b; 29b 


(Ein ander histori von frawen trew). 
Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 8 


114 


Anhang. 114 


finden, so ist wohl als Grund dafür, daß Mahr. diese beiden 
Geschichten von ,,Schertz“ nicht bearbeitete, anzunehmen, 
daß er sie bereits bearbeitet hatte (nach „Wegk.“). Mithin 


nr. 67 


nr. 68 


nr. 69 


nr. 70 


nr. 71 


nr. 81 


nr. 82 


nr. 84 


nr. 85 


bl. 49b; 52b 
(Titel s. oben). 

bl. 61a; bl. 64b 
(Ein anders yon Pap Thön, welches das ehrlichst glid des 
menschen sei). | 

bl. 64b; bl. 68a 
(Dem Teuffel gibt man alles unglücks schuldt, als ein Magt, 
die Schwanger ward). 

bl. 74a; bl. 78a 
(Eyn hirsch wirt weise). 

bl. 15b; bl. 17a 
(Von vntrew, vinantz, list unnd mancherhandt geschwindig- 
keyt des hofflebens. Ein lüstige fabel und beyspiel, voller 
lehre und weißheyt). 

bl. 46b; 49b 
(Fursorg eines vaters für seinen sun, der sich vor armüt 
hencken wolte, unnd einen schatz mit dem strick herabzohe). 

bl. 30a; 32a 
(Weibern liebet erst, was man jnen verbeüt, von einer frawen 
die auff einem hund ritte). 

bl. 38a; 40b 
(Wie ein fraw vom eiß emphahet). 

bl. 40a; bl. 42b 
(Wer die geschickten leutte mache) geht nicht auf Frey 
,Gtg.“ zurück. 

Cf. Frey 41, s. 56, 20 „so müssen sie sich mit den stall- 
knechten, köchen und kellern behelffen“. 

„Schertz‘“ bl. 40a „seind die küchenbüben, Eseltreiber, 
Narren und stallknecht“, 

Mahrold nr. 85 „Bleiben uff ewren schloßern, schlecht 

Schwartz kuchenbuben vnndt stallknecht, 
Die eseltreiber vnndt die narrn“. 

oder Frey s. 55, 23 „das vil hübseher junger edelleut 
und sunst gesellen da werend“. 

„Schertz‘ bl. 40a ,,da keme er und seinesgleichen hüpsche 
Edelleüt und studenten“. 

Mahrold nr. 85 „Dann komm ich vnndt meinsgleichen so 

Hubsch jungkern vnndt studenten io“. 


115 Anhang. | 115 


müssen die auf „Wegk.“ zurückgehenden Geschichten Mahrolds 
älter sein als die auf „Schertz“ beruhenden Bearbeitungen. 
Unmittelbar auf Dec. gehen zurück ,,Rold. Kast. nr. 3. 7.5. 
73. 75. 86—90. 92—98. 

Montanus ,,Gartg.“ hat Mahrold nie — auch für die 
nicht auf Dec. zurückgehenden Geschichten nicht — benutzt. 

Wie aus den oben angeführten Stellen wohl schon 
hervorgeht, folgt Mahrold bei seiner Umarbeitung der No- 
vellen ,,inn achtsillabige Reumen“ durchaus Wort für Wort 
seiner Vorlage. Wortänderungen sind gering und meist 
durch die Umdichtung verursacht. 

Mit Vorliebe verlegt Mahr. den Schauplatz der Ge- 
schichten nach Deutschland und besonders bevorzugt 
er hierbei das ,,Franckenlandt (nr. 3. 46. 48. 73. 75. 92), 
Schwaben (nr. 5. 87. 88. 94. 96) und Böhmen (44. 90). 
Hiermit Hand in Hand geht natürlich eine Umwandlung 
der italienischen Personennamen in deutsche. 

Zusätze finden sich, wo Mahr. die Darstellung ver- 
breitert, wo er im Text oder auch am Rande eine Sentenz, 
meist aus der Bibel, Plautus, Terenz, Seneca, Ovid, beifügt 
und vor allem bei schlüpfrigen Stellen. Nie versäumt er 
es, die in der Vorlage vorhandenen, meist aber nur an- 
gedeuteten Unsauberkeiten bis ins kleinste und gröbste aus- 
zumalen. Die an Derbheiten gewiß nicht armen Schwank- 
bücher eines Schumann und Montanus erscheinen im Vergleich 
mit dem ,,Rold. Kast.“ noch als sehr harmlos. 

Inhaltliche Anderungen, Verbesserungen, sind bei 
Mahr. gering. Als gelangen ist die Änderung zu bezeichnen, 
der Mahr. den Stoff von Dec. I,3 unterzogen hat (Geschichte 


nr. 100 bl. 4b; 5b. 
nr. 99 bl. 41a; 43b 
(Ein jeder hat sein creutz. Von einem ritter). 

Die nr. 6. 8—11 gehen wohl auf Paulis „Schi. u. E.“ zurück. Zwar 
finden sich auch nr. 8 und 10 in „Schertz,, aber die Überschriften zeigen 
keine Verwandtschaft mit denen Mahrolds — inhaltlich stimmen „Schi. 
u. E.“ und „Schertz“ ja überein — und nr. 6. 9. 11 fehlen dort. 


116 Anhang. 116 


von den drei Ringen). Seine Vorlage, „Schertz‘‘ 1550, bl. 7a, 
hatte die Novelle inhaltlich unverändert, wenn auch gekürzt, 
aus Dec. übernommen. Der Sultan von Babylon ist nun 
im „Rold. Kast.“ 2 zu einem „großen Herrn“ in Deutsch- 
land geworden, und die „drei gesecze des Juden, Heiden 
vnd Christen“ sind zeitgemäß verändert zu den 
„dreyn Religion 

Die man ietzundt ernennt gar schon 

Luthrisch, Bäpstisch, Calvinisch“, 

Allerdings weist diese Änderung‘ den Fehler auf, daß 
die Religion dessen, der ein Urteil über sie abgeben soll, 
die jüdische, ausgeschieden ist. Damit ist der Konflikt in 
Wegfall gekommen, daß der Jude, was nahe liegt, sich für 
seine jüdische Religion entscheidet und so in die ihm ge- 
stellte Falle geht. Gibt er dagegen einer der beiden andern 
Religionen den Vorzug, so bietet er dem Sultan wiederum 
Veranlassung, ihn als Heuchler zu bestrafen. 

Gelegentlich verbessert Mahr. auch die Fehler seiner 
Vorlage. Hier kommt der ,,Andreiitzo“ des Montanus vor- 
nehmlich in Betracht. Wenn dort Andreützo ohne Rück- 
sicht auf die Lage Perusiums nach Athen reitet, setzt sich 
der Pfulap im „Rold. Kast.“ nr. 76 zu Schiff und fährt nach 
Athen. Übereinstimmend mit Mont. ist der Besitzer des 
Pferdes aus Athen. Aber diese Stadt ist dann in der 
weiteren Erzählung konsequent beibehalten und wechselt 
nicht ganz plötzlich wie im „Andreützo‘“ mit Neapel. Auch 
der oben am ,,Andreiitzo“ s. 151 gerügte Widerspruch ist 
von Mahrold beseitigt. 

In der meist flüssigen Bearbeitung macht sich ein auf- 
fallender Mangel an Reimen bemerkbar. Immer wieder 
nimmt Mahr. seine Zuflucht zu Flickworten wie: 

zwar — — gahr; da (—a) — ia; do (so) — io; gewiß — diß; 
doch — noch; furwar — alldar; nuhr — ihr (mihr). 


Inhalt. 


Seite 
A. Einleitung. 


Die sogenannte Steinhöwelsche Decameronübersetzung; 
ihre Einflüsse auf die Literatur des 16. Jahrhunderts; 
Übersicht der auf sie zurückgehenden Literatur . . l 


B. Sachsens Verhältnis zu der Übersetzung. 


I. Allgemein . . . ie tee So es ew Oe. ee OD 
1. er nennt seine Quelle a i 20 
2. er benutzt die Übersetzung wahrend’s seines oine Lebens, 
EEE EEE 21 
8. mit Auswahl . . . . 22 
4. die späteren Bearbeitungen i im Verhältnis zu ièn früheren 23 
H. Stofflieb . . . 2. 1. 1. 1 we ee ee ew ew ww) 2D 
l.er kürzt. . ... 26 
a. er übernimmt oft nur den Inhalt der "Nosöllen, be 
sonders gilt dies von Gesprächen ....... 27 
b. er faBt zusammen. . ......+2.2.+.. +. 29 
c. er streicht . . . © 6 4% wow Got & a 4 e 29 
«. unwesentliche Nebenumsténde ...... . 380 
B. specifisch italienische Verhältnisse . . . . . . 30 
y. überflüssige Personen . ..... 2.2... ~ «80 
0. unsaubere Stellen; wihrend er . ...... 3I 
d. breit ausgeführte Liebesscenen auf das notwendigste 
beschränkt : s s a = ar wu a um en. Bl 
e. seine Kürzungen gehen oft zu weit. . . . . . . 382 
a. es schwinden effektvolle Züge . ...... £82 


B. es entstehen Unklarheiten. . . ..... . 832 


118 


2. er 
a. 


CMOS 


h. 


Inhalt. 


nimmt Änderungen vor 


er gestaltet die Erzählung psychologisch wahrschein- 
licher 


. Scenen wirkungeroller 
. die Handlung übersichtlicher und 
. genügt in höherem Maße der poetischen Gerechtigkeit 


durch Hineinflechten deutscher Zustände werden die 
Stoffe heimischer 


. er erhöht die Komik . 


macht Zusätze 


. er hebt die Auschaulichkeit 


. er führt Situationen aus 


er malt Zuständliches aus . 
. er erweitert Charakteristiken . Í 
er nimmt persönlichen Anteil an den Geschahnissón 


v TDR 


. er berücksichtigt psychologische Momente 


a. Affekte und deren ee REEL i 
ß. er motiviert. . . . 5 


er betont das Reale 


. er charakterisiert Personen zu Beginn einer Ge- 


schichte 5 
er hebt wichtige Punkte hervor : 


. er bereitet auf einen tragischen Ausgang vor . 
. er stellt Betrachtungen an 


œ. im Verlaufe einer Geschichte 
B. am Schlusse (Moral) . 


er erweitert komische Situationen 


III. Sprachlich be 
1. wörtliche Entlehnungen 


a. 
b. 


umfangreicher Stellen 
von Sätzen und Ausdrücken 


2. Unterschiede 


a. 
b. 
c. 
d. 
e. 


Einflüsse des Volksliedes 
Kürze 

Bestimmtheit . 

Vorliebe fiir Zahlen 
Anschaulichkeit . 


. er flicht das Naturleben in seine Dichtungen hinein. 


118 


Seite 
33 


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65 
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67 


67 
72 
73 
74 
74 


119 


bade E R eh 


Inhalt. 
. künstlerische Rücksichten 
. Epitheta 
. Lebendigkeit . 


. Vorliebe für Figuren des Nachdinckes 


«. Synonymis 
ß. Aufzählungen 


. Einfluß der Volkssprache 


œ. Sprichwörter 


 ß. sprichwörtliche Redensarten 


y. Schimpfworte 


. Ersatz der Verba finita re Hilfsverba 

. Flickworte für fehlende Reime ........ 
. Verwendung nur geläufiger Fremdworte . 

. Bevorzugung der deutschen und lateinischen Form 


von Namen 


C. Schluss. 


Zusammenfassung . 


Anhang . odes oh Re. Dil DY Sn Be A ce 
Das Verhältnis von Montanus und Mahrold zur Über- 


setzung 


119 


Seite 
76 
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UNIVERSITY OF MINNESOTA 
wils,per n.r.heft 2 


Acta Germanica. 


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886 487 P 


3 1951 00